Direkte Konkurrenten: Nur drei bis fünf Filialen sollen geschlossen werden, heißt es. Doch Handelsexperten sehen 30 Läden bedroht. Foto: Harald Tittel/dpa
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Fusion von Karstadt und Kaufhof Flucht in die Kaufhaus-Ehe

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Handelsexperte: "Zwei Kranke machen keinen Gesunden", Städte wollen Ladensterben verhindern, HBC: Deal ist noch nicht perfekt

Gute Zeiten für Schnäppchenjäger: Bei Karstadt und Kaufhof ist Schlussverkauf. In diesen Tagen locken die großen Kaufhausketten Kunden mit Rabatten für Blusen, Wäsche und Sportschuhe. Alles muss raus. Wie jeden Sommer räumen Karstadt und Kaufhof ihre Lager, um Platz für Winterware zu schaffen.

Doch bald könnte ein noch größeres Aus- und Aufräumen beginnen. Dann nämlich, wenn Karstadt und Kaufhof unter ein Dach rücken. Der kanadische Kaufhof-Eigentümer Hudson’s Bay Company (HBC) und der österreichische Karstadt-Eigner René Benko wollen ihre Läden zusammenlegen. Eine entsprechende Absichtserklärung ist unterzeichnet. Die 96 deutschen Kaufhof-Warenhäuser, die 82 deutschen Karstadt- und Karstadt-Sport-Filialen sowie Warenhäuser von HBC in Belgien und Niederlanden sollen in einem Joint-Venture zusammengefasst werden. Doch in trockenen Tüchern ist der Deal noch nicht. Es gebe Gespräche mit der Signa-Holding von Rene Benko, bestätigte HBC am Freitag. HBC habe auch eine „unverbindliche Absichtserklärung“ unterzeichnet, um „Optionen für ein Gemeinschaftsunternehmen zu prüfen“. Ein Abschluss unterliege aber einer neuen Prüfung und weiteren Bedingungen. Es gebe „keine Garantie, dass solche Verhandlungen letztendlich zu einer Transaktion führen werden“.

Handelsexperte: "Zwei Kranke machen keinen Gesunden"


Handelsexperten sehen eine Ehe ohnedies skeptisch. „Karstadt und Kaufhof sind gleich schwach“, sagte Gerrit Heinemann dem Tagesspiegel. „Zwei Kranke machen keinen Gesunden.“ Heinemann, der heute eine Professur für Handelsthemen an der Hochschule Niederrhein hat, hat früher für Kaufhof gearbeitet, war Warenhausgeschäftsführer. Dem Kaufhaus gibt er keine Zukunft mehr. „Das Kaufhaus ist 160 Jahre alt und nicht mehr zeitgemäß“, meint Heinemann. „Die Menschen kaufen heute bei Primark oder Zara oder online ein.“ In den 70er Jahren hätten die Kaufhäuser noch einen Marktanteil von 15 Prozent gehabt, heute liege er bei einem Prozent. „Die Kunden stimmen mit den Füßen ab.“

Heinemann: 30 Filialen sind bedroht

Heinemann befürchtet, dass die Einschnitte für die 37.000 Beschäftigten der beiden Ketten deutlich härter sein werden als bislang erwartet. Angeblich sollen nur drei bis fünf Standorte geschlossen werden, heißt es aus Verhandlungskreisen. Heinemann rechnet aber mit 30 Häusern, die von der Schließung bedroht sind – nämlich überall da, wo sich beide Unternehmen Konkurrenz machen. In Berlin gibt die Gewerkschaft Verdi allerdings für die nächsten Jahre Entwarnung. Die Karstadt- und Karstadt-Sport-Häuser stehen bis 2021 unter dem Schutz des Sanierungstarifvertrags, Kaufhof hat ohnedies nur noch drei Läden in Berlin.

Städte fürchten Verödung der Innenstädte


Die Städte sehen „nicht ohne Sorge“ auf die geplante Fusion. Denn sowohl Karstadt als auch Kaufhof haben ihre Häuser in den Innenstädten, sind wichtige Ankermieter für die Einkaufsstraßen. Der Deutsche Städtetag dringt deshalb darauf, dass alle Standorte bestehen bleiben. „Die Städte haben ein hohes Interesse daran, attraktive Innenstädte und Stadtteilzentren für ihre Bewohner zu erhalten und möglichst viele Arbeitsplätze zu sichern“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Helmut Dedy, dem Tagesspiegel. Die beiden Kaufhäuser seien wichtige Arbeitgeber und Versorgungsschwerpunkte, trotz aller Umwälzungen durch den Internethandel. Die Warenhäuser, sagt Dedy, würden Menschen in die Innenstädte und Stadtteilzentren ziehen. Das nutze auch dem Einzelhandel in ihrem Umfeld und trage zu lebendigen Innenstädten bei. Sollten nicht alle Häuser weitergeführt werden können, müsse man bei der Planung der frei werdenden Flächen zusammen mit den Städten standortspezifische Strategien entwickeln, fordert Dedy.

Horten und Hertie sind schon Vergangenheit


Von vielen großen Namen haben sich die Städte bereits verabschieden müssen. Hertie ist verschwunden – von Karstadt geschluckt. Auch Horten ist Vergangenheit. Die Warenhauskette wurde von Kaufhof übernommen. Das Prinzip des Kaufhauses, das unter einem Dach Kühlschränke, Kinderspielzeug und Knöpfe anbietet, steht unter Druck. Die Einkaufszentren und der Internethandel sind starke Konkurrenten. „Der rasant wachsende Onlinehandel setzt die Einzelhandelsbranche immer mehr unter Zugzwang“, sagte der Chef der Monopolkommission, Achim Wambach, dem Tagesspiegel.

Stimmen die Wettbewerbsbehörden zu?

Einen Vorteil könnte das aber haben: Die Wettbewerbsbehörden, die einen Zusammenschluss der Kaufhauskonzerne genehmigen müssten, würden bei ihrer Einschätzung den Wettbewerbsdruck durch den Onlinehandel berücksichtigen, glaubt Wambach. Nach Meinung seines Vorgängers an der Spitze der Monopolkommission, Daniel Zimmer, könnte die geplante Fusion nicht nur zur Schließung von Läden, sondern auch zu höheren Preisen führen. Allerdings müsse man berücksichtigen, dass Lebensmittel, Unterhaltungselektronik und Textilien auch von vielen anderen Händlern angeboten werden. Kunden seien daher nicht auf Karstadt und Kaufhof angewiesen. „Ich nehme daher an, dass die Wettbewerbshüter allenfalls im Hinblick auf einzelne Orte und bestimmte Produktgruppen Bedenken anmelden können“, sagte Zimmer dem Tagesspiegel.

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