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Brandenburger Felder. Auf vielen Äckern werden die eingesetzten Pestizide schnell zur Überdosis für die Bienen. Foto: Antolín Avezuela
© Antolín Avezuela

Fragwürdige Zulassungen von Pestiziden „Die vielen Monokulturen auf dem Land sind wie grüne Wüsten“

Léa Marchal Alicia Prager Laura Villadiego

Pestizid-Cocktails in der Landwirtschaft sind heute viel stärker und giftiger , sagen Experten – und fordern eine sachkundige Diskussion.

Die Recherche zu diesem Text wurde von journalismfund.eu unterstützt.

Der Honig schmeckt fruchtig süß, ist fast durchsichtig. „Das sind die Blüten, die gerade in Friedrichshain blühen“, erklärt der Imker Norman Linke die Kostprobe und steckt den Rahmen mit der Honigwabe vorsichtig in den Bienenstock zurück. Hier, am Dach der Auferstehungskirche, hat er zwei Kästen aufgestellt. Auf der einen Seite sieht man auf den Fernsehturm, auf der anderen das Frankfurter Tor.

Linke ist Teil der Initiative „Berlin summt!“. Sie hat an sieben Standorten hat Bienenkisten aufgestellt – auf der Auferstehungskirche, aber auch auf der Staatsoper und dem Berliner Dom. Die Bienenvölker sollen vor allem eines sein: Eine Erinnerung an die Artenvielfalt – und an ihr Verschwinden.

Heute ist eines von zehn Bestäuberinsekten in Europa vom Aussterben bedroht, ein Drittel der Bienen- und Schmetterlingsarten schrumpft. Das ist ein Problem, allein schon für unsere Lebensgrundlagen: Rund einer von drei Bissen unserer Nahrung wird von ihnen mitproduziert. Gründe dafür gibt es mehrere – neben dem Klimawandel und neuen Krankheitserregern zählt auch der Einsatz von Pestiziden und die stetig wachsenden Ackerflächen dazu.

Wie grüne Wüsten

„Die vielen Monokulturen auf dem Land sind für Bienen wie grüne Wüsten“, sagt Linke und geht einige Meter von den Bienenstöcken weg, bevor er das Netz von seinem Imkerhut nach oben klappt. Der 33-Jährige muss vorsichtiger sein als die meisten seiner Kolleg:innen: Er ist auf Bienenstiche allergisch – denkbar unpraktisch für einen Imker. Doch als er das erste Mal gestochen wurde und im Krankenhaus landete, hatte er sich bereits für die Imkerei entschieden. Und blieb dabei.

Heute hat er 25 Bienenvölker, die über die Stadt verteilt stehen. In Lichtenberg sei die Frühtracht besonders ausgiebig, dafür gäbe es im Sommer weniger Blüten. Die Bienen auf der Staatsoper fänden im Frühling, Sommer und Herbst Nektar, dafür sei es im Schnitt weniger als an anderen Standorten. Die Auferstehungskirche in Friedrichshain sei einer seiner besten Standorte, erzählt Linke. Auch jetzt über den Winter bleiben die zwei Bienenstöcke hier am Kirchendach stehen, ernähren sich von dem Honig, den sie in den vergangenen Monaten eingeflogen haben. Dazu hat Linke ihnen rund die Hälfte gelassen – etwa 30 Kilo pro Stock. Die andere Hälfte hat er verkauft.

Imker Norman Linke kümmert sich um die Stöcke auf dem Dach der Auferstehungskirche. 25 Völker hat er insgesamt im Stadtgebiet. Foto: Antolín Avezuela Vergrößern
Imker Norman Linke kümmert sich um die Stöcke auf dem Dach der Auferstehungskirche. 25 Völker hat er insgesamt im Stadtgebiet. © Antolín Avezuela

[Lesen Sie zu diesem Thema auch: Der Kampf um die Blüten: Wenn das Hobbyimkern zur Gefahr für andere Insekten wird“ (T+)]

In Berlin muss er dabei wenig Sorge haben, dass der Honig mit Pestiziden verschmutzt ist – anders ist das für Imker:innen, die ihre Bienen in der Nähe von landwirtschaftlichen Flächen stehen haben. Denn auf vielen Äckern finden Bienen einen Cocktail an Pestiziden, der für sie schnell zur Überdosis wird.

Massenproduktion wird belohnt

Die Mengen, die sie dort finden, sind sehr viel höher als noch vor zwanzig Jahren: So wurden 2002 rund 34000 Tonnen an Pestizid-Wirkstoffen verkauft, 2019 waren es ungefähr 45000 Tonnen. Das geht Hand in Hand mit der Intensivierung der Landwirtschaft, wie sie von der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU gefördert wird. Seit 1962 prägt sie die Entwicklungen der europäischen Landwirtschaft mit milliardenschweren Subventionen. Mit dem Ziel, dass Nahrungsmittel in Europa leistbar bleiben und die Landwirtschaft finanziell überleben kann, schuf die EU damals ein System, das die Massenproduktion belohnt. Je größer die Fläche oder der Viehbestand eines Betriebs, desto mehr Geld.

Das Ergebnis: Landwirtschaftliche Flächen wurden immer größer, kleinere Betriebe verschwanden. Laut der EU-Kommission ist die Zahl der Betriebe in Europa deshalb zwischen 2005 und 2016 deshalb um 30 Prozent gefallen. Die größten drei Prozent der Betriebe halten nun über die Hälfte der Agrarflächen in Europa. Sie erhalten auch den Großteil der GAP-Förderungen.

Was hat das mit den Bienen auf der Auferstehungskirche zu tun? Auf den wachsenden Agrarflächen wurden mehr und mehr Produkte eingesetzt – Dünge- und Pflanzenschutzmittel. Laut der EU-Kommission ist der Anteil der Flächen, wo besonders viele Chemikalien eingesetzt werden, um knapp ein Drittel gestiegen – auf Kosten der Artgenossinnen von Linkes Bienen.

Tötungsrate entscheidet

„Das ist auch besonders deshalb ein Problem, weil die Substanzen, die heute eingesetzt werden, oft giftiger als noch vor zwanzig Jahren“, sagt der Agraringenieur und Humanbiologe Anton Safer, der vor seinem Ruhestand an der Universität Heidelberg gearbeitet hatte. Es brauche kleinere Mengen – aber das verführe zur exzessiven Anwendung, sagt er am Telefon.

Außerdem werde im Zulassungsverfahren neuer Mittel vor allem darauf geachtet, wie viele Bienen tatsächlich sterben. Schäden durch nicht unmittelbar tödliche Dosen, die Bienenvölker dennoch stark beeinträchtigen, würden zu wenig untersucht. Auch gäbe es kaum Forschung zu den Effekten auf andere Bestäuberinsekten wie Wildbienen und Schmetterlinge. Sie sind weniger resistent gegen Gifte als ein Bienenvolk – und sterben deshalb schneller.

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Fragwürdige Zulassungsverfahren

Für die Zulassungen verantwortlich ist die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA. Sie erarbeitet jene Standards, die neue Substanzen erfüllen müssen. Ursprünglich hatte die EFSA empfohlen, die Tötungsrate bei sieben Prozent eines Volkes anzusetzen – den EU-Mitgliedsstaaten war das zu niedrig: Jetzt dürfte der neue Grenzwert bei zehn Prozent angesetzt werden.

Und dabei geht es nur um die Wirkstoffe selbst. Nachdem die EFSA einen Wirkstoff zugelassen hat, wird er mit Hilfsstoffen zu Pflanzenschutzprodukten formuliert. „Dabei wird oft übersehen, dass sich Wirk- und Hilfsstoffe gegenseitig verstärken können. Über solche Cocktail-Effekte auf den Feldern ist zu wenig bekannt“, warnt Safer. Ein Komplettverbot von Pflanzenschutzmitteln halte er zwar für fatal. Stattdessen brauche es eine sachkundige Diskussion darüber, in welchen Fällen der Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln tatsächlich nötig sei, und mit welchen anderen Mitteln oder Maßnahmen gearbeitet werden könne. „Ab und zu müssten wir eben auf Ernten verzichten und die Bauern entschädigen“, sagt er. 

Heute ist eines von zehn Bestäuberinsekten in Europa vom Aussterben bedroht. Foto: Antolín Avezuela Vergrößern
Heute ist eines von zehn Bestäuberinsekten in Europa vom Aussterben bedroht. © Antolín Avezuela

Heute gehe der Trend in die Gegenrichtung, sagt Safer weiter: Während die Diskussion vor allem über Mengen von eingesetzten Pestiziden geführt werde, würden die Substanzen stärker werden – eine viel kleinere Menge mit viel größerer Wirkung. Ein Beispiel sei der Wirkstoff Thiamethoxam, der vor allem zum Schutz von Zuckerrüben und Raps eingesetzt wird. „Ein paar Löffel pro Hektar wirken so stark wie ein paar Kilo von früheren Mitteln“, sagt Safer.

Umstrittenes Nervengift

Thiamethoxam ist ein Neonicotinoid, kurz Neonic. Das sind Mittel, die direkt auf Nervensystem von Bienen wirkt. Der Flug der Bienen verändert sich, ihre Kommunikation wird eingeschränkt und manchmal finden sie nicht mehr nach Hause. Weil das Mittel in der Vergangenheit massive Bienensterben verursachte, verbot es die EU im Jahr 2018 in Freilandkulturen.

Das heißt aber nicht, dass es nicht mehr eingesetzt wird: Liegt eine akute Bedrohung für die Ernte vor, können Staaten für bis zu 120 Tage Notfallzulassungen erteilen. Allein in diesem Jahr gab es bereits mindestens 25 solcher Notfallzulassungen für Neonicotinoide in Europa – in Deutschland vor allem, um die Zuckerrüben-Ernte zu retten. Umweltverbände kritisieren diese Einsätze. Denn die Substanzen können bis zu fünf Jahre in der Erde bleiben. Von dort aus gelangen sie ins Wasser und auf Pflanzen, für die sie nicht bestimmt waren. Dabei gäbe es seit Jahren ein Pflanzenschutz-Präparat auf dem Markt, das Zuckerrüben ebenso wirksam vor Viren, die Blattläusen übertragen, schützt wie Neonicotinoid-Produkte: Der Wirkstoff Maltodextrin, der sogar eine Lebensmittelzulassung hat. Trotzdem hat die Zucker-Vereinigung (WVZ) bereits eine neue Notfallzulassung für Thiamethoxam für 2022 beantragt. Es gebe keine Alternativen, so das Argument.

Ob es solche Zulassungen also braucht? Genau zu Fragen wie dieser will die Initiative „Berlin summt!“ Diskussionen anregen. Seit ihrem Start 2010, sei das Bewusstsein stark gestiegen, findet der Imker Linke. Die Rettet-die-Bienen-Bewegung habe sich weiterentwickelt, das Anliegen sei heute ein viel Breiteres. „Es geht nicht um die Honigbiene, sondern darum, dass mehr blühende Pflanzen angebaut werden und weniger Chemie eingesetzt wird“, so Linke. Seine Bienen – sie seien einfach Stellvertreterinnen für die vielen anderen Arten, deren Lebensräume nach und nach verschwinden.

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