Im Gewächshaus. Ein Forscher untersucht Pflanzen, um ein neues Produkt für die Landwirtschaft zu produzieren. Foto: Bayer/dpa Foto: Bayer/dpa
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Forschung und Entwicklung Forschen fürs Anwenden

Sabine Hölper
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Mais untersuchen, Messgeräte entwickeln, Flugantriebe verbessern: Unternehmen suchen Wissenschaftler. Um sie für sich zu gewinnen, lassen sie sich einiges einfallen.

Seit fünf Jahren arbeitet Kristina Bognar bei dem Elektrokonzern Schneider Electric. Ihr Arbeitsplatz befindet sich auf dem Campus EUREF (= Europäisches Energieforum) in Schöneberg, direkt am Gasometer. Ihre Arbeitsbedingungen seien ein Traum, sagt sie. Eigentlich hatte die promovierte Energieverfahrenstechnikerin vor, sich bei einem deutschen Konzern zu bewerben; das französische Unternehmen Schneider Electric, das bundesweit etwa 30 Standorte betreibt, war ihr lange kein Begriff. Doch ihr Doktorvater brachte sie mit den Personalchefs zusammen. Nach einem spontanen Mittagessen und zwei weiteren Gesprächen unterzeichnete sie den Vertrag.

In Berlin sind etliche Unternehmen ansässig, die gute Wissenschaftler brauchen, große Denker, die in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen an Lösungen für morgen und übermorgen arbeiten. Um sie für sich zu gewinnen, müssen sich die Firmen einiges einfallen lassen, zumal sie nicht nur mit anderen Unternehmen im Wettbewerb stehen, sondern auch mit Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Große Unternehmen haben dabei in der Regel weniger Probleme. Für kleine und mittelständische Firmen dagegen ist das eine größere Herausforderung.

An der Uni ist nur für wenige Platz

Immerhin fünf bis zehn Prozent der Absolventen bleiben an der Uni, ihr Ziel ist eine Hochschulkarriere. Also promovieren sie, arbeiten dann als Postdoc, gehen für mindestens ein Jahr ins Ausland. Schließlich habilitieren sie und genießen die Freiheit von Forschung und Lehre an einer Hochschule. „Viele Wissenschaftler wollen ausschließlich Grundlagenforschung betreiben“, sagt Volker Hofmann, Geschäftsführer der Wissens- und Technologietransfergesellschaft der Humboldt-Universität „Humboldt-Innovation“. Und das sei gut so. Die Unis bräuchten solche Forscher.

Die Unternehmen dagegen brauchen Mitarbeiter wie Kristina Bognar, die nach vier Jahren Promotion an der Universität unbedingt in die Wirtschaft wechseln wollte. „In der Wissenschaft hat man viel mehr Zeit, in die Tiefe zu gehen“, sagt die 35-Jährige. Das sei grundsätzlich reizvoll. Aber: Mit der vielbeschworenen Freiheit der Wissenschaft sei es nicht mehr weit her. „Der Druck, Drittmittel einzuwerben, ist derart groß geworden, dass von freier Forschung nicht mehr die Rede sein kann.“ Ins Blaue hinein experimentieren kann man zwar auch in der Wirtschaft nicht. Aber Bognar findet den konzeptionellen Ansatz in den Unternehmen ehrlicher: „Es ist logisch, dass sich die Forschung rechnen muss. Wenn etwas nicht wirtschaftlich ist, wenn es nicht auf die Straße gebracht werden kann, dann kommt es in die Tonne“, sagt die ehemalige Profi-Volleyballerin. Mit wirtschaftlich sei auch das volkswirtschaftliche Gemeinwohl gemeint.

Firmen locken mit visionären Projekten

Doch auch das Forschen in der Wirtschaft muss nicht immer streng auf die Anwendung hin orientiert sein. Beim Triebwerkhersteller Rolls-Royce in Dahlewitz bei Berlin etwa wird zwar grundsätzlich an Lösungen geforscht, die in den nächsten fünf Jahre in neue Produkte, etwa Bauteile, münden. „Aber“, sagt Uli Wenger, Leiter der Abteilung Forschung & Entwicklung, „wir unterstützen auch visionäre, abseitigere Forschung, die auf einen Zeithorizont von 20 Jahren angelegt ist.“ Eine breiter angelegte Forschung sei für Wissenschaftler häufig spannender.

Dietmar Lerche ist Chef der Berliner LUM GmbH, die analytische Messgeräte entwickelt und herstellt und 35 Mitarbeiter beschäftigt. Lerche versucht junge Wissenschaftler damit anzuziehen, dass er ihnen viel Verantwortung überträgt und ihnen möglich macht, eigene Ideen einzubringen. „Sie müssen hier nicht in vorgegebenen Schienen forschen“, sagt er. Die Firma gönne sich sogar den Luxus, zwei Wissenschaftler zu beschäftigen, die kaum anwendungsbezogen, sondern sehr innovativ forschen. Außerdem versuche er, den Gerätebedarf der Mitarbeiter, so weit sich das einrichten lasse, zu erfüllen.

Was er indes nicht bieten kann, sind Gehälter in der Größenordnung, wie Konzerne sie zahlen. Und da sieht er das entscheidende Problem. Die Konzerne, nicht die Universitäten, seien die vorrangigen Wettbewerber im Kampf um die Talente. Rolls-Royce Personalchefin Laura Newitt bestätigt, dass das Gehalt bei der Mitarbeitergewinnung „eine Rolle spielt“. Sie ist aber der Meinung, dass es das Zusammenwirken vieler Faktoren ist, „warum wir stets genügend Fachkräfte finden“. Zum einen sei Rolls-Royce eine „starke Marke“. Darüber hinaus biete der Konzern professionelle Weiterbildungs- und Mentorenprogramme sowie die Möglichkeit, im Ausland zu arbeiten.

Vor allem aber locken Arbeitgeber qualifizierte Mitarbeiter heute mit flexiblen Arbeitszeiten und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Bognar etwa hat innerhalb der fünf Jahre bei Schneider Electric zwei Kinder bekommen und jeweils ein Jahr nach der Geburt nur sehr sporadisch gearbeitet. Der Wirtschafts-Mathematiker Christian Liebchen wiederum ging nach Mainz zum Logistikonzern DB Cargo, weil sein Chef ihm zubilligte, montags und freitags von Berlin aus zu arbeiten, wo er mit Frau und drei Kindern lebt.

Solche Maßnahmen fruchten, sind aber kein Garant dafür, dass Wissenschaftler lange bleiben. Gerade die Hochqualifizierten sind schnell wieder weg, wenn sich andernorts etwas Besseres findet.

Liebchen zum Beispiel zog es wieder zurück an die Hochschule. Vor zwei Jahren übernahm der 44-Jährige eine Professur an der Technischen Hochschule Wildau. Bognar kann sich ebenfalls vorstellen, zurück an die Uni zu gehen, in „fünf oder zehn Jahren“ vielleicht. Sie sagt: „Ich möchte anderen meine Erfahrungen weitergeben.“

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