Der Lufthansa-Chef rechnet nicht mit einer anhaltenden Rückkehr der Nachfrage auf das Vorkrisenniveau vor 2024. Foto: AFP
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Flüge nach Nirgendwo und All-you-can-fly-Tickets Wie Airlines verzweifelt um Passagiere werben

Felix Wadewitz

Die Fluggastzahlen sind stark zurückgegangen. Fluggesellschaften kämpfen um Gäste - mit teilweise skurrilen Angeboten.

Es ist bei den Fluglinien ein schmaler Grat zwischen PR-Gag und Verzweiflungstat in diesen Tagen. Aus Mangel an Reisezielen bieten taiwanesische Airlines gerade Flüge ins Nirgendwo an. Am Samstag etwa flog Eva Air mit einem ausgebuchten Airbus A330 mehr als 300 Passagiere in Richtung Japan, drehte in der Luft um und landete später wieder in Taipeh. 150 Euro in der Economy kostete der Rundflug.

In China versuchen die Fluglinien, mit Flatrates Passagiere in ihre Maschinen zu locken. China Southern verkauft seit kurzem ein All-you-can-Fly-Ticket für umgerechnet knapp 450 Euro – gültig ab Ende August bis Januar. Konkurrent China Eastern hat mit einem ähnlichen Angebot für Flüge am Wochenende angeblich schon 100.000 Passagiere überzeugt und die Auslastung seiner Maschinen damit deutlich gesteigert.

Hierzulande sind die Reisenden noch zurückhaltender. In der vergangenen Woche lagen die Passagierzahlen an deutschen Flughäfen um mehr als 76 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres. „In der Mitte des Sommers deutet sich noch keine Trendumkehr an“, teilte der Airport-Verband ADV am Freitag mit. „Die Aufhebung der Reisewarnung für die EU-Staaten und die Wiederaufnahme von Flügen führte nur zu einer begrenzten Nachfrageerholung.“ Und für den Rest der Welt gilt immer noch die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes.

Für die Passagiere ist die Lage oft unübersichtlich, die Signale widersprüchlich. Fluglinien nehmen Verbindungen auf, nur um sie wegen einer veränderten Corona-Lage kurzfristig wieder streichen zu müssen. Passagiere berichten von voll ausgelasteten Flugzeugen genauso wie von fast leeren. Schlecht gebuchte Flüge werden kurzfristig abgesagt. Und selbst Branchenexperten haben den Überblick verloren, wo welche Einreiseregeln gelten und für wen.

Spahn fordert Testpflicht für Einreisen aus Drittstaaten in die EU

Seit Samstag müssen sich Rückkehrer aus Risikogebieten in Deutschland testen lassen. Alle anderen können das an den Flughäfen oder anderen Teststellen freiwillig tun. Ginge es nach den Airlines, würde sich das Modell international durchsetzen. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) fordert eine Testpflicht für Einreisen aus Drittstaaten in die Europäische Union.

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Wenn Passagiere flächendeckend an Flughäfen getestet würden, würden die sogenannten „Travel Bubbles“ zwischen einzelnen Ländern auch bei lokal plötzlich steigenden Infektionszahlen nicht gleich platzen, so die Hoffnung. Als Großbritannien wegen eines neuen Corona-Hotspots in Katalonien kürzlich eine Quarantäne für alle Spanien-Rückkehrer verhängte, musste der Reisekonzern Tui deshalb gleich alle von Briten gebuchten Reisen nach ganz Spanien streichen.

Auf Dienstreisen wird wohl auch weiterhin verzichtet

„Wir erleben eine Zäsur des globalen Luftverkehrs. Vor 2024 rechnen wir nicht mehr mit einer anhaltenden Rückkehr der Nachfrage auf das Vorkrisenniveau“, befürchtet Lufthansa-Chef Carsten Spohr, „insbesondere bei Langstreckenverbindungen wird es keine schnelle Erholung geben.“ Etwa besser sehe es auf „touristischen Kurzstrecken“ innerhalb Europas aus.

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Auf Dienstreisen wird wohl auch nach dem Ende der Sommerferien weiterhin weitgehend verzichtet. Und der für US- und europäische Fluglinien sonst so ertragreiche Transatlantikverkehr hängt vor allem von der Entwicklung der Pandemie in den USA ab – und hier sieht es nicht gut aus. Anderswo, etwa in einigen asiatischen Ländern und in Australien, beginnt bereits die sogenannte zweite Welle der Pandemie.

Verzögerungen bei Rückzahlungen sorgen für Ärger

Für Ärger bei Zehntausenden Passagieren, deren Flüge in den vergangenen Monaten wegen der Pandemie gestrichen wurden, sorgen immer noch die Verzögerungen bei der Rückzahlung der Ticketkosten. Verbraucherschützer kritisieren, die klammen Fluglinien würden diese bewusst „verschleppen“. Das gelte für Billigflieger genauso wie für Premiumanbieter, bemängelt etwa das Fluggastrechte-Portal Fairplane. Es geht um Milliarden.

Allein die bis zur staatlichen Rettung von der Pleite bedrohte Lufthansa musste bislang zwei Milliarden Euro an Kunden zurück überweisen, rechnet Vorstandschef Spohr vor. Eine weitere Milliarde steht noch aus. In den nächsten Wochen sollen aber auch die letzten Kunden ihr Geld bekommen, warb der Airline-Chef für Verständnis. Bei vielen wütenden Passagieren dürfte das auf taube Ohren stoßen – schließlich hat der Steuerzahler dem Konzern aus der Patsche geholfen.

Verbraucherfreundlicher entwickeln sich dagegen die aktuellen Buchungsbedingungen. Um Passagieren die Sorge vor neuen Reisebeschränkungen zu nehmen, locken die Airlines mit kostenlosen Umbuchungen. Bei Billigfliegern wie Ryanair gab es diese Option vor Corona oft gar nicht, oder sie war teurer als das Ticket selbst. Damit überhaupt Flüge gebucht werden, ist das nun plötzlich kein Problem.

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