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Auf und Ab. Die Aktienmärkte sind nervös. Am Mittwoch tagt die US-Notenbank und berät über die weitere Zinspolitik. Zinserhöhungen können die Kurse auf Talfahrt schicken. Foto: Oleg Gamulinskiy
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Fidelity-Deutschland-Chef warnt „Inflation ist gefährlich, viele unterschätzen das“

Er leitet einen der zehn größten Fondsanbieter in Europa: Was Alexander Leisten Anlegern empfiehlt und warum er auf die Fed hofft.

Es sind schwierige Zeiten für Anleger: Die Inflation frisst die mickrigen Zinsen auf, die es noch gibt. Wer zu viel Geld auf dem Giro- oder Tagesgeldkonto parkt, zahlt Strafzinsen. Die Börsen sind nervös. Wohin mit dem Geld? Und leitet die US-Notenbank Fed vielleicht schon an diesem Mittwoch die Zinswende ein? Fragen an Alexander Leisten, Leiter des Deutschlandgeschäfts von Fidelity International. Das Unternehmen gehört zu den zehn größten Fondsanbietern in Europa.

Herr Leisten, viele Menschen, die Geld auf dem Giro- oder dem Tagesgeldkonto haben, sollen jetzt Strafzinsen zahlen.
Ja, das ist ein ganz großes Thema für die Sparer und für die Finanzindustrie. Denn die Menschen leiden jetzt darunter, dass Deutschland, wenn es um die Finanzbildung geht, ein Entwicklungsland ist.

Was hat das mit Strafzinsen zu tun?
In der Vergangenheit war es kein Problem, dass das Finanzwissen vieler Menschen so mangelhaft war. Wir hatten eine Sparkultur, es gab Sparzinsen, irgendwie ging das. Aber jetzt ist alles anders: Statt Guthaben- gibt es Negativzinsen, und die Menschen wissen nicht, was sie tun sollen. Viele haben Angst vor Aktien. Die Politik muss dringend dafür sorgen, dass das Thema Finanzen in der Schule eine stärkere Rolle spielt.

Alexander Leisten leitet seit 2014 das Deutschlandgeschäft von Fidelity International. Foto: promo Vergrößern
Alexander Leisten leitet seit 2014 das Deutschlandgeschäft von Fidelity International. © promo

Dann helfen Sie uns: Wohin stattdessen mit der Kohle?
Erstens: Man muss vorsichtig Risiken eingehen, um überhaupt noch Renditen zu erzielen. Ohne Aktien wird das nicht möglich sein. Aktien sind eine gute Anlage, weil man am Wachstum einer Wirtschaft teilhat und weil sich Schwankungen über lange Zeit ausgleichen. Gerade für Menschen mit geringen Einkommen, die derzeit ja besonders stark unter der Inflation leiden, sind Aktien ein guter Schutz vor Preissteigerungen. Zweitens: Man braucht eine vernünftige Mischung verschiedener Anlagen. Das geht nur über Fonds, vor allem wenn man eher kleinere Summen zur Verfügung hat. Drittens: Ich bin ein großer Anhänger von Fonds-Sparplänen, weil man hier regelmäßig über lange Zeit einzahlt und damit kurzfristige Ausschläge ausgleicht.

Sie sind einer der größten Fondsanbieter. Kein Wunder, dass Sie Fonds empfehlen.
Ich bin davon auch wirklich überzeugt. Ich möchte mit meinem Beruf einen Mehrwert für die Bevölkerung schaffen, das gilt auch für uns als Unternehmen.

Das soll ich Ihnen glauben?
Ja. Wir sind ein sehr großes Familienunternehmen. Wir denken langfristig, es geht uns nicht um den schnellen Profit.

[Wie lege ich mein Geld am besten in ETF an? Tipps lesen Sie auf Tagesspiegel+ hier]

Sie verdienen mit Ihren Fonds gutes Geld. Gilt das auch für ETF, also börsennotierte, passive Fonds, die für Anleger kostengünstig Indizes abbilden?
Wir bieten sowohl aktiv gemanagte Fonds an als auch ETF. Unser Schwerpunkt sind aber erstere, weil wir überzeugt sind, dass sich aktiv gemanagtes Portfoliomanagement lohnt.

Aber viele dieser aktiv gemanagten Fonds sind teuer und nicht besser als ETF.
Aber die Fonds, die Sie ansprechen, werden nicht wirklich aktiv gemanagt. Wenn man sich in der Nähe des Vergleichsindex bewegt, kann man für den Anleger die zusätzlichen Kosten natürlich nicht herausholen.

Und Sie machen das besser?
Ja. Der überwiegende Teil unserer Fonds performt besser als der Markt. Wir sind eines der größten Researchhäuser weltweit. Das kostet Geld. Aber das geben wir aus, um für unsere Kunden Unternehmen zu finden, die outperformen. Das klappt auch.

Was ist mit den ETF?
Die haben natürlich ihre Berechtigung. Die Margen sind für uns geringer, das stimmt, aber dafür sind die Absatzvolumina tendenziell höher. Wir verdienen damit auch Geld. Aber für die Anleger ist es so, dass ein gut gemangter aktiver Fonds in der Regel mehr Rendite bringt. Wir setzen unser Wissen übrigens auch ein, um Unternehmen, die uns als Investoren gewinnen wollen, zu beraten und ihnen Vorschläge zu machen, wie sie besser werden können. Das spielt im Bereich der nachhaltigen Geldanlage eine immer größere Rolle.

Schlecht fürs Klima: das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde. Foto: dpa/Patrick Pleul Vergrößern
Schlecht fürs Klima: das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde. © dpa/Patrick Pleul

Haben Sie noch Unternehmen im Portfolio, deren Geschäft klimaschädlich ist?

Es gibt Unternehmen in unseren Portfolios, die noch Nachholbedarf haben. Wir sind überzeugt davon, dass man mehr erreicht, wenn man sich engagiert und den Unternehmen klare Vorgaben macht für ihre nächsten Schritte hin zu einer besseren, nachhaltigen Entwicklung. Damit bewirkt man mehr als mit einer harten Ausschlusspolitik.

Ist diese Art der Anlage noch zeitgemäß?
Wir haben ein großes Angebot an Produkten, die ausschließlich nachhaltig investieren. Wir haben zudem sehr viele Fonds, die Nachhaltigkeit stark berücksichtigen. Und wir haben als einer der wenigen Finanzinvestoren ein internes ESG-Rating. Unsere Analysten beurteilen nicht nur die Unternehmensfinanzen, sondern haben auch ein Rating, das Umwelt, soziale Standards und gute Unternehmensführung berücksichtigt. Sie sehen, das Thema Nachhaltigkeit ist uns wichtig. Wir dekarbonisieren zudem unser Portfolio Schritt für Schritt. Aber wir müssen den Unternehmen auch helfen, den Transformationsprozess zu schaffen.

Machen Sie Druck?
Mit einer reinen Ausschlusspolitik ist nichts gewonnen. Diese Unternehmen haben das Geld für eine Veränderung, aber man muss mit ihnen konkret planen, wie die Dekarbonisierung läuft. Was muss in diesem Jahr geschafft sein, was im nächsten? Ganz konkret. Und wenn die Firmen diese Vorgaben nicht einhalten, ziehen wir uns zurück. Wir beraten übrigens auch viele Unternehmen bei der Dekarbonisierung ihrer Finanzanlagen.

Welche Branchen stehen im Moment besonders im Feuer, wenn es um den klimafreundlichen Umbau geht?
Die Automobilindustrie und die Energiekonzerne, wenn es um die Umwelt geht. ESG-Themen betreffen aber die gesamte Wirtschaft.

Einkommensschwache leiden am meisten: In den USA ist die Inflation auf dem höchsten Stand seit 40 Jahren. Foto: AFP/Ed Jones Vergrößern
Einkommensschwache leiden am meisten: In den USA ist die Inflation auf dem höchsten Stand seit 40 Jahren. © AFP/Ed Jones

Ein Thema, das vielen Menschen Angst macht, ist die Inflation. Sie ist so hoch wie seit knapp 30 Jahren nicht mehr. In den USA mehren sich die Hinweise auf eine Zinswende, am Mittwoch tagt dort die Notenbank.
Die Coronakrise kam volkswirtschaftlich zu einer extrem ungünstigen Zeit. Wir spüren bis heute die Nachwehen der Finanzmarktkrise. Um diese Krise zu bewältigen, haben die Notenbanken die Zinsen auf Null gesetzt und in großem Stil Anleihen gekauft. Sie hatten damals Glück, dass es keine inflationären Tendenzen gab. Die Coronakrise wird aber nun wieder mit denselben Instrumenten bekämpft. Ich befürchte, dass diese Konstellation und diese Dramatik unterschätzt werden. Zum einen müssen die Zinsen niedrig bleiben, um die Staatsschulden bezahlbar zu halten. Zum anderen ist die Inflation jetzt so hoch, dass die Zinsen steigen müssen. Die Politik und die Notenbanken gehen mit diesem Dilemma merkwürdig gleichgültig um. Inflation ist gefährlich, aber viele unterschätzen das, weil sie das Phänomen bislang nicht selbst erlebt haben. Es ist keine Frage: Die Notenbanken müssen die Zinsen behutsam erhöhen.

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Droht nach einer Zinserhöhung ein Börsencrash?
Nein. Das Zinsniveau ist so gering, dass es selbst nach einer Erhöhung noch niedrig ist. Klar, wenn die US-Notenbank Fed die Zinsen erhöht, werden die Aktienkurse reagieren, vielleicht auch heftig. Aber mittelfristig spielt sich das wieder ein. Denn Aktien sind ja der einzige wirksame Inflationsschutz, vielleicht neben Immobilien. Und von jedem Absturz haben sich die Aktien bislang wieder erholt.

Die neue Koalition will einen Teil der gesetzlichen Rente auf dem Kapitalmarkt anlegen. Ist die Aktienrente der richtige Weg?
Grundsätzlich ja. Aber es kommt auf die Ausgestaltung an. Wie sollen die zehn Milliarden Euro, die der Bund in diese Aktienrente investiert, gemanagt werden? Wenn das so läuft wie bisher, ist nicht viel erreicht.

Wie stellen Sie sich das vor?
Es gibt gute Beispiele: Nehmen Sie den Kenfo. Das ist der Fonds, der mit seinen Kapitalanlagen Rücklagen bilden soll, um Altlasten der Atomkraft zu bezahlen, oder die RAG-Stiftung, die Folgekosten des Bergbaus finanzieren soll. Diese Fonds sammeln eine bestimmte Kapitalsumme, die dann von Asset-Management-Spezialisten verwaltet wird. Wir haben ähnliche Systeme in Schweden und Norwegen.

Verbraucherschützer fordern statt Riester einen öffentlichen Vorsorgefonds für die betriebliche Altersvorsorge. Die Ampel will das prüfen. Halten Sie eine solche Fondslösung für eine gute Idee?
In Großbritannien hat sich das bewährt. Aber auch hier kommt es auf die Ausgestaltung an. Wichtig ist: So etwas muss parallel einhergehen mit einer Initiative für die Finanzbildung der Bundesbürger. Die Menschen müssen ja verstehen, was mit ihrem Geld passiert. Um die Rentenlücke zu schließen, wird zusätzliche private Altersvorsorge wichtig bleiben – ergänzend zu den aktuellen Reformplänen.

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