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Komplex und kapitalintensiv ist die Fertigung von Batteriezellen, die bislang in der Hand asiatischer Firmen liegt. Foto: dpa
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Elektromobilität im Fokus der Politik Milliarden für neue Batterien

EU-Kommission genehmigt auch die Förderung der Tesla-Fabrik in Brandenburg. Altmaier hält 10 000 neue Arbeitsplätze für möglich.

Selbstlob gehört zum Habitus eines Politikers, doch Peter Altmaier (CDU) hatte zuletzt nicht viel Gelegenheit dazu. Die Pandemie macht der Wirtschaft und dem Wirtschaftsminister zu schaffen, und Friedrich Merz (CDU) hätte Altmaier gerne im Kabinett ersetzt. Wohl auch deshalb, weil dem frühere Blackrock-Mitarbeiter Merz die industriepolitischen Ambitionen Altmaiers gegen den ideologischen Strich gehen. Am Dienstag konnte der Minister endlich einen Erfolg vermelden, nachdem die EU-Kommission die milliardenschwere Förderung weiterer Batterieprojekte genehmigt hatte. Altmaier freute sich über das „Musterbeispiel für vorausschauende Industriepolitik“. Seine vor knapp drei Jahren gestartete Initiative trage jetzt Früchte.

Asiaten liegen vorn

„Der Vorsprung der asiatischen Hersteller ist groß und gewaltig“, meinte Altmaier. Doch mit den neu genehmigten Projekten, darunter eine Batteriezellenfertigung von Tesla im brandenburgischen Grünheide, seien die Chancen gut, künftig 30 Prozent der weltweiten Batteriezellenproduktion in Europa zu haben. „Batteries Made in Germany und Made in Europe“ seien in Sicht.

Bislang produzieren ausschließlich asiatische Unternehmen die Batteriezellen für das elektromobile Zeitalter. Für jeweils zweistellige Milliardenbeträge haben sich etwa VW, Daimler und BMW Zellen von südkoreanischen und chinesischen Herstellern bis Mitte des Jahrzehnts gesichert. Aber was passiert dann? Eine Handvoll Konzerne könnte die Preise diktieren und das Angebot knapp halten. Es gibt Szenarien, wonach 2025 bis zu 100 Gigawattstunden (GW) allein in Europa fehlen. Das wäre in etwa die Kapazität für zwei Millionen Elektroautos in der Mittelklasse. Mit viel Geld versucht die Politik daher, europäische Produktionsstätten bis 2025 aufzubauen und eine geschlossene Wertschöpfungskette für die Autoindustrie zu schaffen.

13 Milliarden Euro Gesamtinvestition

Allein in Deutschland stellt das Bundeswirtschaftsministerium drei Milliarden Euro bereit. Hinzu kommen Beiträge der Bundesländer, in den Zellenprojekte aufgelegt werden. Durch die drei Milliarden des Bundes würden hierzulande „Investitionen von über 13 Milliarden Euro angestoßen“, hat das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) gerechnet.

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Die Förderung findet statt im Rahmen der von Brüssel genehmigten IPCEI-Projekte (für Important Project of Common European Interest). Im vergangenen Jahr waren bereits folgende Unternehmen gefördert worden: BASF, die in Schwarzheide in der Lausitz Kathodenmaterial für Zellen produziert; ein französisch- deutsches Projekt mit der Total-Tochter Saft und PSA/Opel, die in Kaiserslautern und im französischen Douvrin zwei Zellenfabriken bauen. Allein diese Vorhaben werden von den Regierungen in Deutschland und Frankreich mit zusammen 1,3 Milliarden Euro gefördert bei einer Gesamtsumme von gut fünf Milliarden Euro. Rund 2000 Arbeitsplätze könnten in Kaiserslautern entstehen.

Großprojekt in Kaiserslautern

Das zweitgrößte deutsche IPCEI-Projekt war bislang Varta. Der Batteriehersteller erweitert auf der Schwäbischen Alb die Kapazitäten für kleine Rundzellen (unter anderem für Hörgeräte und kabellose Kopfhörer) und bekommt dafür 200 Millionen Euro vom Bund, 60 Millionen Euro vom Land Baden-Württemberg sowie gut 30 Millionen vom Freistaat Bayern. Ob und gegebenenfalls wie Tesla das Varta-Fördervolumen übersteigt, blieb am Dienstag offen. Nach Angaben des BMWi sei das „zentrale Ziel von Tesla die Entwicklung und Realisierung fortschrittlicher Herstellungs- und Recycling-Methoden von Lithium-Ionen-Batteriezellen“ in Brandenburg.

BMW und Porsche sind dabei

Tesla, BMW und Porsche sind die einzigen Autohersteller, die zum Kreis der 15 Unternehmen zählen, die hierzulande IPCEI-Mittel erhalten. BMW bekommt Geld für die Weiterentwicklung der Lithium-Ionen-Technologie, für den Aufbau einer „Prototypen-Produktionsanlage für innovative Batteriemodule und -system mit verbesserter Recyclingfähigkeit“ sowie für die Beteiligung an der Entwicklung von Festkörperbatterien, die irgendwann im nächsten Jahrzehnt die Lithium-Ionen- Zellen ablösen könnten. Porsche wiederum will zusammen mit dem Zellhersteller Customcells in Tübingen Hochleistungszellen mit hoher Energiedichte sowie kurzer Ladezeit und hoher Reichweite entwickeln und produzieren.

Den größten Bedarf hat VW

Porsche hat mit dem Zellenprojekt die Nische der Luxusautos im Blick, die Porsche-Mutter Volkswagen dagegen braucht gigantische Zellenkapazitäten für den Massenmarkt. In Salzgitter baut VW mit der schwedischen Northvolt eine Zellenfabrik, die ursprünglich 16 Gigawatt (GW) für etwa 350 000 Mittelklasse-Pkw im Jahr produzieren wollte; inzwischen sind 24 GW im Gespräch. Die ersten Zellen aus Salzgitter könnten 2024 auf den Markt kommen.

Im Norden Schwedens baut Northvolt für rund vier Milliarden Euro eine Anlage mit einer Kapazität von 32 GW. Hier soll der Betrieb 2023 starten. Dazu untersucht Northvolt nun in dem neuen IPCEI-Projekt „die Möglichkeit für eine dritte Fertigungsstätte in Deutschland“. Seit längerem wird über eine Zellenfabrik in der Nähe der VW-Elektroautostandorte Zwickau und Emden spekuliert.

Elf deutsche Unternehmen beteiligt

Zu den insgesamt elf deutschen Unternehmen, die Altmaier am Dienstag als Fördergeldempfänger nannte, gehört die Firma Liofit aus Kamenz, die Akkus recyclen will. Ferne dabei sind ACI Systems (Gewinnung von Lithium), Alumina Systems (Kathode auf der Basis von SodiumNickel-Chloride), ElringKlinger (Entwicklung eines Zellgehäusedesigns), Manz (Maschinen zur Produktion der nächsten Zellengeneration), SGL Carbon (neue Herstellungsprozesse und Recyclingkonzepte für Annodenmaterialien) sowie die Skeleton Technologies aus dem sächsischen Großröhrsdorf, die Lithium- Ionen-Batterien mit Ultrakondensatoren zu verbinden sucht. Alles in allem, so freute sich der Industriepolitiker Peter Altmaier, entstehe in den kommenden Jahren mit Hilfe der Steuerzahler ein „Batterie-Ökosystem mit mehr als 10 000 Arbeitsplätzen“.

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