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Selfridges gehört zu den traditionsreichsten Adressen in der Oxford Street. Glyn KIRK / AFP
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Eigentümer des KaDeWe kaufen dazu Londoner Luxus-Kaufhaus Selfridges gehört jetzt auch René Benko

Das Kaufhaus in der Oxford Street geht für rund vier Milliarden Pfund an die Eigentümer des KaDeWe. Auch dort leidet das Geschäft unter der Pandemie.

Die Verhandlungen zogen sich viele Monate lang hin, kurz vor Weihnachten war es endlich soweit: Gemeinsam übernehmen die Investment-Holding Signa des Tiroler Kaufhauskönigs René Benko und der thailändische Einzelhandel-Konzern Central Group das weltberühmte Londoner Edelkaufhaus Selfridges. Damit finden sich die Besitzer von Prestige-Objekten wie dem KaDeWe in Berlin, Rinascente in Rom und Mailand sowie dem Globus-Warenhaus an der Züricher Bahnhofstraße nun auch an Londons Einkaufszeile Oxford Street wieder.

Schon bald dürften sich die neuen Eigentümer mit der örtlichen Bezirksregierung von Westminster zusammensetzen: Zu erörtern sein wird die Frage, wie sich die pandemie-gebeutelte Innenstadt neu beleben lässt.

Über den Kaufpreis hieß es am Wochenende in London, dieser liege um die vier Milliarden Pfund (4,72 Milliarden Euro) und ein wenig unterhalb der ursprünglichen Vorstellung der kanadischen Milliardärsfamilie Weston. Deren legendärer Patriarch Galen Weston hatte Selfridges 2003 für 589 Millionen Pfund erworben. Zu der Gruppe von 18 Einzelhandelstempeln gehören auch Selfridges-Häuser in den englischen Metropolen Birmingham und Manchester; sieben Filialen der de Bijenkorf-Kette, darunter Häuser in Amsterdam, Rotterdam und Den Haag; sowie in Dublin und weiteren irischen Städten die Warenhäuser der Marken Brown Thomas und Arnotts.

"Tempel der Shopping-Gläubigen"

Unangefochtenes Juwel, sozusagen die Kathedrale der Selfridges-Gruppe, bleibt aber das zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaute, massive Gebäude an der Londoner Oxford Street mit seiner an einen griechischen Tempel gemahnenden Fassade. Folgerichtig hat das Modeblatt ’Vogue’ einmal vom „Tempel der Shopping-Gläubigen“ gesprochen.

In den knallgelben Einkaufstaschen tragen die Kunden und Kundinnen aus aller Welt jeden nur erdenklichen Luxus nach Hause: von eleganten Schuhen über alle globalen Parfüm-Sorten bis hin zu schauerlich kitschigem Spielzeug wie überdimensionierten Teddybären oder Mini-Ferraris für den reichen Rennfahrer-Nachwuchs.

„Der Kunde hat immer Recht“, hieß es schon in den ersten Anzeigen-Kampagnen – nach diesem Motto handelte der in Chicago reich gewordene Harry Gordon Selfridge auch in der Hauptstadt des damaligen britischen Empire. Die adelige Gesellschaft schaute zunächst mitleidig auf den US-Emporkömmling herab, der seine Kathedrale 1909 am damals deutlich weniger attraktiveren westlichen Ende der Oxford Street eröffnete.

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Selfridge spekulierte zu Recht auf die hervorragende Erreichbarkeit seines Hauses durch den direkt gegenüber liegenden U-Bahnhof Bond Street. Der Ruf des neuen Publikumsmagneten gründete auf sorgsamer, aber unaufdringlicher Behandlung der Kundinnen, die sich zudem zu moderaten Preisen in mehreren Restaurants vergnügen oder in der hauseigenen Bibliothek erholen konnten.

Renovierung bis ins Pandemiejahr 2020

Ein Jahrhundert und mehrere Besitzerwechsel später brachte ein anderer Nordamerikaner frischen Wind in die Luxusbude. Der Kanadier Galen Weston, Abkömmling einer Einzelhandelsdynastie, ließ der Londoner Shopping-Kathedrale erst in jüngster Zeit ein umfangreiches Facelifting angedeihen. Seither verschönern eine 5500 Quadratmeter große Handtaschen-Abteilung, im Luxus-Jargon „Handtaschen-Galerie“ genannt, sowie Verkaufsnischen für Edel-Juwelier Tiffany und das Modehaus Louis Vuitton den wuchtigen Bau.

Gefragt, was die Umbauarbeiten denn kosten dürften, soll der Patriarch erwidert haben: „Geben Sie aus, was nötig ist, das wird mein Vermächtnis.“ Umgerechnet mindestens 354 Millionen Euro wurden in jahrelanger Renovierung, die im Pandemiejahr 2020 zu Ende ging, ausgegeben. In diesem Frühjahr starb Weston – und kaum deckte den Patriarchen der grüne Rasen, setzten seine Erben das Vermächtnis auf die Verkaufsliste.

Der Wunschzettel des thailändischen Milliardärs

Den stolzen neuen Besitzern der Selfridges-Gruppe wird ein ähnliches Händchen für den Einzelhandel mit Luxuskram bescheinigt wie dem Namensgeber Selfridge. Für Central-Group-Chef Tos Chirathivat geht ein Traum in Erfüllung. Bei aller Liebe zu den Flaggschiffen in Berlin, Zürich oder Mailand, zum Alsterhaus in Hamburg oder Oberpollinger in München – London stand seit Jahren ganz oben auf der Wunschliste des thailändischen Milliardärs.

Auch das KaDeWe gehört dem österreichischen Investor Rene Benko und der thailändischen Central Group. Jörg Carstensen/dpa Vergrößern
Auch das KaDeWe gehört dem österreichischen Investor Rene Benko und der thailändischen Central Group. © Jörg Carstensen/dpa

„Wir sind in Europa, weil Europa das Zentrum ist für den Rest der Welt“, pflegt der 57-Jährige zu sagen. Das bisherige Selfridges-Management soll im Amt bleiben, dürfte aber Anregungen von einem alten Bekannten des Hauses erhalten: Central Groups Italien-Chef Vittorio Radice brachte um die Jahrhundertwende die Gruppe auf Erfolgskurs.

Ob solche Kaufhäuser im Zeitalter von Online-Shopping eigentlich noch zeitgemäß sind und wie sie zu Zentren einer Innenstadtbelebung werden können – zu diesen spannenden Fragen haben sich Co-Besitzer Benko und sein Signa-Management schon viele Gedanken gemacht, zuletzt auch gebündelt in einem langen FAZ-Interview. Darin schwärmt der Tiroler von „ganzheitlichen Konzepten“, die Wohnen, Arbeiten, Handel, Gastronomie und Kultur miteinander vernetzen.

Oxford Street leidet unter Corona

Liebevolle Aufmerksamkeit der neuen Investoren kann die Oxford Street gewiss gut gebrauchen. Tobten bis März 2020 scheinbar endlos die Touristenhorden aus Europa, Amerika und Fernost durchs Londoner Westend, so erlitt das berühmte Einkaufsparadies durch die Pandemie einen an Herzversagen grenzenden Schock. „Auf der Regent Street wurden die Fensterfronten einstiger Luxusläden mit bunter Folie abgeklebt, um den Zustand ihrer Verlassenheit zu verschleiern“, beschreibt Marion Löhndorf in ihrem England-Buch ’Geschüttelt aber ungerührt’ die Situation im Jahre 2021. Die Oxford Street büßte Experten zufolge so viel Kundschaft ein wie kein anderes vergleichbares Einkaufszentrum in Europa.

Die Bezirksregierung Westminster ließ sich als neue Attraktion für Einkaufstouristen einen künstlichen Hügel am Ende der Oxford Street neben dem Triumphbogen Marble Arch aufschwatzen. Die Kosten von umgerechnet 7,1 Millionen Euro sollten saftige Eintrittspreise einspielen. Weil das vermeintliche Öko-Bauwerk aber verkorkst und im Londoner Nieselregen schäbig daherkam, blieben zahlende Besucher aus.

Nun sollen breitere Gehwege, mehr Restaurants und Fitnessstudios sowie ein besseres Mix aus Büros und Einzelhandel für eine Wiederbelebung sorgen. Mittendrin die „Omnichannel Luxuswarenhausgruppe“ Selfridges, von der in einer Pressemitteilung im schönsten Retail-Jargon die Rede ist. Kein Zweifel – für das Londoner Westend und eine seiner führenden Adressen wird 2022 ein aufregendes Jahr werden.

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