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Der Lieferdienst Flaschenpost startete in seiner jetzigen Form erst vor vier Jahren. Rolf Vennenbernd/dpa
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Dr. Oetker übernimmt Flaschenpost Wie ein vier Jahre alter Getränkelieferdienst eine Milliarde Euro wert sein kann

Der Traditionskonzern fusioniert Flaschenpost mit dem eigenen Getränke-Lieferanten Durstexpress. Das lässt sich der Konzern wohl einiges kosten

Bei Unicorns – also Start-ups, die mehr als eine Milliarde US-Dollar wert sind – denkt man meist an Tech-Unternehmen, die unser Leben digitalisieren. Spotify wäre so ein Beispiel oder auch die Berliner Smartphone-Bank N26. Nun steigt dem Vernehmen nach eine Firma aus Münster in diesen erlesenen Kreis auf, deren Geschäftsmodell verhältnismäßig profan klingt: Das Unternehmen liefert Getränke aus.

Flaschenpost heißt es und wurde vor vier Jahren gegründet. Über eine App können Kunden Getränke bestellen, die innerhalb von zwei Stunden geliefert werden. Bisher ist Flaschenpost in 23 deutschen Städten, auch in Berlin, aktiv und verzeichnet nach eigenen Angaben pro Jahr rund zwei Millionen Bestellungen.

An jedem Standort baut Flaschenpost ein eigenes Lager auf. Mit allen Fahrern und Logistikern beschäftigt das Unternehmen rund 7000 Mitarbeiter. Nun beginnt ein neues Kapitel der Erfolgsgeschichte.

Kein Neuland für Dr. Oetker

Am Montag gab der Oetker-Konzern bekannt, Flaschenpost übernehmen zu wollen. „Entsprechende Verträge wurden am 30. Oktober 2020 unterzeichnet“, teilte das Bielefelder Traditionsunternehmen mit. Der Online-Getränkelieferdienst werde zukünftig aus zwei zentralen Verwaltungen in Berlin und Münster gelenkt und weiterentwickelt.

Bereits am Sonntag hatten die Branchendienste „Deutsche Startups“ und „OMR“ über den Deal und über den Kaufpreis in Höhe von einer Milliarde Euro berichtet. Dr. Oetker machte am Montag keine Angaben zu den Finanzmodalitäten.

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Für den Großkonzern, der eigentlich eher für Backmischungen und Tiefkühlpizzen bekannt ist, ist die Getränke-Lieferung allerdings kein Neuland. Der Lieferdienst Durstexpress, der einst von Getränke Hoffmann gegründet wurde, gehört ebenfalls zum Konzern und wurde zu einer Art Flaschenpost-Klon ausgebaut; an Durstexpress ist auch Radeberger beteiligt.

Durch die Übernahme ergänze man das Angebot von Durstexpress, hieß es dazu von Oetker. Der fusionierte Lieferdienst werde künftig von Vorstandsmitgliedern von Flaschenpost sowie der Geschäftsführung von Durstexpress geleitet. Angesichts der kolportierten Kaufsumme kann in der Übernahme aber vor allem ein Eingeständnis gesehen werden, dass man den Konkurrenzkampf mit Flaschenpost lieber nicht bis zum bitteren Ende austragen wollte.

Gewinner der Coronakrise

Getränke-Lieferdienste gehören, wie die meisten Online-Dienstleistungen, zu den Gewinnern der Coronakrise. „Deutsche Startups“ zufolge soll Flaschenpost allein im Oktober dieses Jahres einen Umsatz von rund 27 Millionen Euro erwirtschaftet haben. 2018 lag der Jahresumsatz bei 100 Millionen.

Gründer Dieter Büchl arbeitete schon lange an dem Konzept eines Getränke-Lieferdienstes. Schon 2012 gründete er ein entsprechendes Start-up, stellte den Betrieb allerdings 2014 wieder ein, weil er mit der Nachfrage nicht zurecht kam. Zwei Jahre später erfolgte dann der Neustart mit Mitgründern.

Ärger um die Betriebsratswahl

In die Kritik geriet das Unternehmen 2019. Als die Beschäftigten einen Betriebsrat wählen wollten, versuchte das Unternehmen dies zu verhindern. Seit April dieses Jahres gibt es das Mitarbeitergremium nun allerdings. Die Angestellten wollen damit vor allem gegen die aus ihrer Sicht schlechten Arbeitsverhältnisse in den Logistikzentren vorgehen. Nach wie vor schreibt Flaschenpost allerdings rote Zahlen. Risikolos ist das Geschäft für Dr. Oetker also nicht.

Der Konzern sitzt allerdings seit Juni 2017 auf einem Batzen Geld. Der Verkauf der Reederei Hamburg Süd spülte einen Nettogewinn von rund zwei Milliarden Euro in die Kassen. Schon damals kündigte der Konzern an, das Geld in Zukäufe stecken zu wollen.

Vermutlich um eine Milliarde Euro ärmer und um einen Getränke-Lieferanten reicher: Dr. Oetker. Foto: dpa Vergrößern
Vermutlich um eine Milliarde Euro ärmer und um einen Getränke-Lieferanten reicher: Dr. Oetker. © dpa

Auch abseits der Übernahmen versucht sich der Konzern immer wieder an einem peppigeren Image. So gründete Dr. Oetker 2017 das Start-up Juit aus, das Tiefkühlgerichte ausliefert. In der Coronakrise baute man dessen Konzept angesichts geschlossener Kantinen auf Mitarbeiterverpflegung aus. Auch bei kleineren Start-ups wie etwa dem Torten-Lieferdienst DeineTorte.de ist der Konzern beteiligt. Er verfolgt damit das Ziel, unabhängiger von den Verkäufen im stationären Handel zu werden.

Nicht alle Getränke-Start-ups haben überlebt

Vor einigen Jahren hatten einige Start-ups wie zum Beispiel auch Trinkkiste oder Durst ihr Glück im Geschäft mit Getränke-Lieferungen gesucht – mit durchwachsener Bilanz allerdings. In Berlin haben die Kunden diverse Getränke-Lieferdienste zur Auswahl.

Neben Flaschenpost und Durstexpress liefert auch Getränke Hoffmann unter eigenem Namen. Auch Anbieter wie Flaschengeister bieten ähnlichen Service. Anders als Flaschenpost und Durstexpress werden hier allerdings teils Liefergebühren fällig oder es gelten hohe Mindestbestellwerte.

Gleiches gilt auch für Lebensmittellieferanten wie Bringmeister, Amazon Fresh oder den Rewe-Lieferdienst. Ob Oetker beide Marken zu einer zusammenführen wird, ist bislang nicht klar. Die Marktführerschaft ist dem Konzern in jedem Fall vorerst sicher.

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