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Testen, testen, testen. Mit den geplanten Anwendungen der Gewinner des „WirVsVirus“-Hackathons der Bundesregierung sollen die Abläufe künftig vereinfacht werden und Schutzkleidung leichter zu beschaffen sein. Foto: dpa
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Digitale Wartezimmer und Zollabwicklung 20 von der Bundesregierung ausgezeichnete Projekte, doch es fehlt das Geld

Mit dem „WirVsVirus“-Hackathon wollte die Bundesregierung digitale Lösungen für die Coronakrise finden. Doch Geld für die Projekte gibt es noch immer nicht.

Die Gewinner des „WirVsVirus“-Hackathons der Bundesregierung versuchen seit Wochen ihre Projekte voranzutreiben. Es ist auch ein Kampf gegen die Zeit. Denn ihre digitalen Problemlösungen für gesellschaftliche Herausforderungen aller Art, die durch das grassierende Coronavirus nun offenbar wurden, könnten besser schon heute als morgen verwendet werden.

Doch die Koordination von Ressourcen und Kompetenzen, die im Rahmen der Initiative in gänzlich neuen Strukturen zusammengeführt werden müssen, stellt sich weiterhin als schwierig heraus. Dazu kommt, dass auch Ministerien und Behörden integriert werden müssen – ihre Expertisen, Anregungen und Netzwerke sollen in die Entwicklung der digitalen Anwendungen einfließen.

Die Beteiligten der 20 ausgezeichneten Projekte engagieren sich seit Ende März ehrenamtlich neben ihrer hauptberuflichen Tätigkeit oder ihres Studiums. „Für mich ist es eine Herzensangelegenheit, und die Motivation in unserem Team ist weiterhin sehr hoch“, sagt Entwicklerin Theresa Willem.

Digitale Wartezimmer wären jetzt nützlich

Mit sechs Gleichgesinnten arbeitet die 26-Jährige an dem Digitalen Wartezimmer, einer Anwendung für Patienten, die den Informationsfluss zu den zuständigen Gesundheitsämtern verbessern soll, wenn jemand glaubt, sich mit dem Coronavirus infiziert zu haben. „Die Vision ist eine nahtlose Begleitung für die Behandlung von Covid-19-Erkrankungen. Eine zentrale Plattform, die den gesamten Prozess digital abbildet, vom Verdachtsfall, über Test und Quarantäne, bis hin zur Genesung“, sagt Willem.

Das Ziel des Teams ist es, die einzelnen Komponenten wie die digitale Abbildung des Krankheitsverlaufs, die Vereinbarung von Testterminen oder Übermittlung von Diagnoseresultaten zu verknüpfen. Die Webseite ist bereits online, tatsächlich genutzt werden kann die Anwendung aber noch nicht. Sie soll nach den Vorstellungen der Macher auch nur die Basis bilden für eine stete Weiterentwicklung. Doch auch bis dahin bleibt einiges zu tun.

Oft beschäftigen die Teams rechtliche Fragen und Probleme, beispielsweise was den Datenschutz angeht. Umso wichtiger wäre hier eine enge Zusammenarbeit mit Experten. Um die Probleme angehen zu können, wurde von den „WirVsVirus“- Initiatoren das sogenannte Solution Enabler Programm konzipiert, das kurz vor Ostern gestartet wurde.

Es fehlt an Manpower

Das Programm integriert weitere Ideen- und Ratgeber aus verschiedenen Fachbereichen und soll den Austausch unter den Projekten fördern. Die Teams sollen im Rahmen dieses Unterstützungsprogramms unter anderem Fragen aufbringen, ihre Probleme formulieren und nach personeller Verstärkung Ausschau halten können. „Wir sind ein Team von sieben Leuten. Da geht vieles deutlich langsamer, als wenn mehr Manpower zur Verfügung stehen würde“, sagt Willem. Über den Solution Enabler seien zumindest bereits einige wertvolle neue Kontakte entstanden. Dennoch rechnen die Entwickler damit, dass noch einige Wochen vergehen könnten, bis alle nötigen Partner gefunden sind.

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Andere Projekte könnten schon früher funktionsfähige Anwendungen anbieten. Die ebenfalls ausgezeichnete Idee Print4Life soll schon an diesem Wochenende mit einer Website online gehen, auf der sich Nutzer registrieren und verbinden können. Das Projekt will Engpässe bei der Versorgung mit medizinischem Gerät oder Schutzausrüstung schneller beheben, indem es Fertigungsaufträge für Produzenten, die 3D-Drucker benutzen, zentral verwaltet. Einrichtungen, die einen Bedarf sehen, können gezielt nach Angeboten suchen, und umgekehrt können Hersteller konkrete Anfragen einsehen und Hilfe anbieten.

„Für uns ist es ein heikles Feld. Wir dürfen auf der Webseite keinen Hinweis auf medizinische Produkte führen, sondern bieten sie stattdessen als Hilfsgüter an“, sagt Martin Hamann, der sich im Team unter anderem um die Kommunikation mit den Anbietern und Interessenten kümmert.

Die Systeme müssen verfeinert werden

Hamann und seine Mitstreiter kennen sich aus dem Fablab Lübeck, einem eingetragenen Verein, der Bastlern und Tüftlern unter anderem innovative Geräte zur Verfügung stellt. Hamann selbst studiert an der Hochschule Flensburg Bio- und Verfahrenstechnologie. Aus eigenem Antrieb bildete er sich vor einer Weile im Bereich der Regulationsanforderungen für medizinische Produkte weiter. Die Vorkenntnisse helfen jetzt und verhindern, dass viel schiefgeht bei der Entwicklung. „Aus diesem Basiswissen haben wir jetzt einen Haftungsausschluss formuliert, den wir auf der Seite dringend benötigen“, sagt Hamann. Das Beispiel zeigt, dass die Projektentwickler dem Unterstützungsprogramm, das auch in juristischen Fragen helfen sollte, zeitlich voraus sind.

Einen Schritt weiter sein, könnten auch die Macher von fastbordercrossing.org. Sie hatten die Idee, den grenzüberschreitenden Lastverkehr digital zu ermöglichen. Alle relevanten Fragen des Zolls werden vorab über eine Anwendung beantwortet, der Nutzer schließlich mit einem QR-Code ausgestattet, den er an der Grenze nur noch scannen muss, um grünes Licht für die Weiterfahrt zu bekommen.

„Wir stehen gerade an dem Punkt, dass wir ein funktionierendes System entwickelt haben, das wir natürlich noch verfeinern müssen“, sagt der IT-Unternehmer Michael Siebers, der das Projekt als Mentor begleitet. Die weitere Entwicklung ist jetzt allerdings etwas ins Stocken geraten. „Was uns bisher gefehlt hat, sind Kontakte zu Polizei, Politik oder Ministerien, die uns klar sagen: Das brauchen wir. Ohne diese Angaben ist es für uns unmöglich, eine Lösung zu entwickeln, die am Ende auch wirklich in den Live-Betrieb geht“, sagt Siebers, der aber auch weiß: „Aktuell sind die für uns relevanten Kontakte durch die Ausbreitung des Coronavirus enorm eingebunden.“

Die Teams benötigen zudem Serverkapazitäten, die ihnen von unterstützenden Firmen zur Verfügung gestellt werden, um zumindest nicht selbst für diese Zusatzkosten aufkommen zu müssen. Zumal die bisher ehrenamtliche Arbeit an den Projekten keine späteren Verdienste in Aussicht stellen. Wann nun wie angekündigt Geld an die Teams fließen soll, ist weiterhin unklar, wie eine Sprecherin des Hackathons auf Anfrage erklärt. Es werde noch einmal „ein bis zwei Wochen“ dauern, bis entschieden werde, wie die finanzielle Unterstützung für die Projekte aussehen könne.

Die freiberuflich arbeitende Theresa Willem aus dem Team des Digitalen Wartezimmer sieht die Angelegenheit jedoch pragmatisch. Sie sagt: „Das Projekt ist eine Art Kunde, den wir zurzeit selbst bezahlen.“

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