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Inzwischen sorgt der Astrazeneca-Verteilungsstreit auf politischer Ebene für Verwerfungen Foto: Tsp
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Die Akte Astrazeneca Wie der Streit zwischen der EU, Großbritannien und dem Konzern eskalierte

Die Europäische Union, die Briten und Astrazeneca trauen sich nicht mehr über den Weg. Das Vertrauen ist erschüttert, ein Exportstopp scheint unausweichlich.

Was vielversprechend begann, ist inzwischen zu einem Debakel geworden. Nachdem der Impfstoff von Astrazeneca von Beginn an von Debatten um seine medizinische Wirksamkeit und Nebenwirkungen begleitet wurde, sorgt inzwischen der Verteilungsstreit auf politischer Ebene für Verwerfungen. Die Europäische Union, Großbritannien und das Unternehmen selbst trauen einander nicht mehr über den Weg. Es deutet sich an, dass die weltgrößte Freihandelszone zu Maßnahmen greifen wird, die noch vor Wochen nicht für möglich gehalten worden wären.

Am Freitag pochten zunächst mehrere EU-Staaten auf Korrekturen der Exportbedingungen. Einig waren sich die Staats- und Regierungschefs darin, dass Impfstoff-Exporte in Drittstaaten strenger überwacht werden sollen. Die Nachrichtenagentur „Reuters“ meldete sogar, dass EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton einen Exportstopp für den Astrazeneca-Impfstoff verhängt habe, bis der Konzern seine Liefervereinbarungen erfüllt habe.

„Wir haben die Werkzeuge und werden dafür sorgen, dass alles in Europa bleibt, bis das Unternehmen seine Verpflichtungen wieder einhält“, wird er zitiert. „Wir haben ein Problem mit dieser Firma.“ Wie konnte der Streit derart eskalieren?

EU prüft Exportbeschränkungen seit Tagen

Die Bundesregierung hat protektionistische Eingriffe aufgrund der weltweit verflochtenen Lieferketten der Pharmaindustrie lange kritisch gesehen. Doch inzwischen ändert sich die Haltung dem Vernehmen nach auch in Berlin. In der EU-Kommission war laut dem „Handelsblatt“ schon in den vergangenen Tagen über verschärfte Regeln für Impfstoff-Exporte debattiert worden.

Man wolle die Entscheidungen über die Genehmigung von Ausfuhren künftig von zwei Kriterien abhängig machen: Gegenseitigkeit und Verhältnismäßigkeit. Gegenseitigkeit bedeute demnach, dass die EU prüft, ob das Land, das Lieferungen erhalten soll, selbst Ausfuhren beschränkt. Unter Verhältnismäßigkeit werde verstanden, wie die dortige epidemiologische Lage, die Impfquote und die Impfstoffvorräte aussehen.

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Im Fall von Astrazeneca scheinen nun bald aber noch härtere Regelungen zu gelten. Großbritanniens Regierungschef Boris Johnson, der sich bereits mit Astrazeneca hat impfenlassen, warnte die EU vor langfristigen Folgen einer Blockadepolitik. Der Chef von Astrazeneca selbst, Pascal Soriot, gibt sich verschwiegen. Er sei „wie ein Stück nasse Seife. Man kann danach greifen wie man will, Sie entwischen uns immer wieder“, warf ihm finnische Linken-Europaabgeordnete Silvia Modig bei einer Videokonferenz mit EU-Abgeordneten an den Kopf. Die niederländische Christdemokratin Esther de Lange warf dem 61-jährigen Franzosen vor, sich wie ein „unzuverlässiger Gebrauchtwagenhändler“ zu verhalten.

Non-Profit-Vertrag mit der Oxford-Universität

Dabei hatte der Weg des Impfstoffs verheißungsvoll begonnen. Die Universität Oxford wollte ein Vakzin entwickeln, das leicht einsetzbar ist und nicht von den reichen Länder der Welt gekapert werden sollte. Als Produzent wurde ein Exklusiv-Vertrag mit dem britisch-schwedischen Pharmariesen Astrazeneca geschlossen, das deshalb eine Non-Profit-Vereinbarung unterschrieb, von der staatlichen Vorfinanzierung allerdings natürlich profitierte.

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Doch schon seit den ersten Studien stand das Unternehmen in der Öffentlichkeit in der Kritik. Auch wenn alle Experten geschlossen für die Nutzung des Impfstoffs warben, sorgten Wasserstandsmeldungen aus den Studien für Verunsicherung. Nachdem die Impfung wegen möglicher Nebenwirkungen vorübergehend sogar gestoppt wurde und häppchenweise bekannt wurde, dass Astra Zeneca weit hinter seinen Lieferversprechen bleibt, erodierte das Vertrauen weiter.

Der britische Premierminister Boris Johnson hat sich bereits mit Astrazeneca impfen lassen. Jessica Taylor/Uk Parliament/PA Media/dpa Vergrößern
Der britische Premierminister Boris Johnson hat sich bereits mit Astrazeneca impfen lassen. © Jessica Taylor/Uk Parliament/PA Media/dpa

Allein in dieser Woche wurden die Probleme von Astrazeneca erneut deutlich. Am Dienstag sorgten neue Daten für Debatten über die Glaubwürdigkeit der von Astrazeneca präsentierten Studien. Alle Experten betonen dabei allerdings weiterhin die hohe Wirksamkeit der Vakzin.

Woher kommen die 29 Millionen Impfdosen?

Das Vertrauen der Behörden in die Versprechungen des Konzerns hingegen erodierte einen Tag später, als 29 Millionen Impfdosen des Konzerns in einem Abfüllwerk in der Nähe von Rom auftauchten. Der Vorwurf der EU: Astrazeneca habe die Impfdosen verheimlichen und an Großbritannien liefern wollen – obwohl auch die EU-Staaten Anspruch auf das Vakzin hätten. In London wurden die Berichte zwar zurückgewiesen, gleichzeitig sagt aber der britische Gesundheitsminister Matt Hancock, der Londoner Vertrag mit Astrazeneca würde den der EU „übertrumpfen“.

Die EU habe einen Vertrag, der „beste Bemühungen“ seitens des Impfstoffherstellers zusichere, London habe sich hingegen Exklusivität zusichern lassen. Eigentlich hatte Astrazeneca der EU bis Ende Juni die Lieferung von 300 Millionen Einheiten zugesagt. Zuletzt hatte der Konzern dies aber auf 100 Millionen gekappt. Laut Unternehmensangaben sollten von den in Italien gefundenen Dosen 13 Millionen an die internationale Impfinitiative Covax gehen, die restlichen 16 Millionen an die Europäische Union.

Auch wenn Astrazeneca sagt, die in Italien gefundenen Impfdosen seien außerhalb der EU produziert worden, gehen viele Experten davon aus, dass sie in den Werken des Unternehmens Halix in den Niederlanden abgefüllt wurden. Denn erst am Mittwoch dieser Woche hat Astrazeneca die Zulassung dieses Werks bei der EU beantragt – obwohl die Fabrik schon seit Dezember geschätzte fünf Millionen Dosen pro Woche produziert.

Warum der Antrag so lange auf sich hat warten lassen, ist nicht bekannt. Der Verdacht steht im Raum, dass Halix die EU damit extra hinhalten wollte, um noch mehr für Großbritannien produzieren zu können. Am Freitag erteilte die europäische Arzneimittelbehörde (EMA) dann auch die offizielle Zulassung. „Wir erwarten jetzt, dass die Impfstoffe, die in diesem Werk hergestellt werden, in den nächsten Tagen an die EU-Mitgliedsstaaten ausgeliefert werden, als Teil der vertraglichen Verpflichtung und der Zusagen von Astrazeneca an die Bürger Europas“, sagte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides dazu.

Der Weg führt nach Deutschland

Doch mit dem Werk von Halix führt die Suche nach der Herkunft der 29 Millionen Impfdosen aus Italien auch nach Deutschland. Denn die 2012 gegründete Firma Halix ist eine Tochter des niederländischen Unternehmens HAL Allergy, das wiederum zum Düsseldorfer Beratungs- und Investmentunternehmen Droege Group gehört; eines der größten deutschen Familienunternehmen. Auch der Weltbild-Verlag, das Onlineportal Buecher.de oder der Beatmungsgerätehersteller Servona sind Teil der Droege-Group.

Auf Tagesspiegel-Anfrage zur Verbindung zum Impfstoff-Fund in Italien verwies das Unternehmen darauf, dass Halix alle operativen Geschäfte „in Eigenregie“ betreibe. Zudem betont man die „moderne state-of-the-art Produktionsstätte“. Und in der Tat hat sich Halix in der Branche ein gutes Standing erarbeitet. Die Firma habe einen „guten Ruf als Auftragsfertiger“, sagt etwa der Pharmaexperte Wilbert Bannenberg dem „Spiegel“.

Eigentlich gilt Astrazeneca als zuverlässig

Tatsächlich können viele Branchenkenner die Kritik nur teilweise nachvollziehen. „Die bekannten Lieferschwierigkeiten sind klar in diesem Vergabesystem begründet“, sagt etwa Roland Bodmeier, Professor für Pharmazie an der FU Berlin auf Nachfrage. In der Vergangenheit sei Astrazeneca nicht als flatterhafter Partner aufgefallen. Im Vergleich zu einigen Firmen beispielsweise aus dem asiatischen Raum gelte Astrazeneka bislang sogar als sehr zuverlässig. „Warten wir mal ab, ob die EU klagen wird“, sagt er. „Wenn nicht, dann spricht das schon mal für sich.“

Aus Sicht von Petra Thürmann, Ärztliche Direktorin des Helios Universitätsklinikums Wuppertal und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, könnte die Unerfahrenheit von Astrazeneca auf dem Gebiet der Impfstoff-Produktion ein Grund für die Verzögerungen sein: „Da könnte eine Rolle spielen, dass man zum Beispiel unterschätzt hat, wie lange man benötigt, um alle Kontrolluntersuchungen vorher durchzuführen und vielleicht auch bestimmte Zulieferer benötigt.“

Doch wo außer in Halix produziert Astrazeneca seinen Impfstoff noch? Zwei Werke liegen in Großbritannien. Aus ihnen ist bislang noch gar kein Impfstoff in die EU gelangt. Eine dritte Fabrik im belgischen Seneffe hat nach Konzernangaben immer wieder technische Probleme, weshalb weniger als erwartet produziert werde. Auch in Deutschland produziert Astrazeneca. In Dessau stellt das Unternehmen IDT Biologika Dosen für den Pharmakonzern her. Hier ist von heimlich produzierten Vorräten bislang nichts bekannt.

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