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Marcel Fratzscher glaubt nicht, dass die Wirtschaft bald wieder ihr Vorkrisenniveau erreicht haben wird. Foto: imago images/McPHOTO
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Deutschland in der Rezession Eine rapide Erholung wäre eine gefährliche Illusion

Marcel Fratzscher

Der Wirtschaftseinbruch ist dramatisch und viele Risiken liegen noch vor uns. Doch aus dem bisherigen Krisenverlauf lassen sich Lehren ziehen. Ein Gastbeitrag.

Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal dieses Jahres um zehn Prozent geschrumpft. Dies ist eine dramatische Zahl – zuletzt gab es während der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre einen so starken Einbruch. Viele sehen die Entwicklung der vergangenen Wochen und Monate jedoch optimistisch und sind überzeugt, dass die Wirtschaft sich schnell erholen wird. Dieser Optimismus ist aber gefährlich, denn er ignoriert eine Reihe großer Risiken.

Auf den ersten Blick scheinen die Zahlen einer schrumpfenden Wirtschaft im zweiten Quartal weniger dramatisch zu sein: Denn in anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Spanien und Italien dürfte die Wirtschaftsleistung um 15 Prozent eingebrochen sein. Zudem ist die Arbeitslosigkeit zwar im Juli weiter gestiegen, aber mit 57.000 zusätzlichen Arbeitslosen war der Anstieg relativ gering.

Auch der Ausblick für das dritte Quartal ist ermutigend: Die Prognose des DIW Berlin sieht eine wirtschaftliche Erholung von drei Prozent der deutschen Wirtschaft in diesem Quartal bis Ende September. In der Tat sind die meisten der Restriktionen für die Wirtschaft aufgehoben und die Zahl der Infizierten bleibt auf einem niedrigen Niveau.

Wir erleben bei vielen Deutschen ein kollektives Aufatmen. Viele haben die Hoffnung, dass es nun steil bergauf geht und der Konsum sich erholt. Menschen fahren in den Urlaub und holen Anschaffungen nach.

So bald kein Vorkrisenniveau in Sicht

Diese vermeintlich rapide wirtschaftliche Erholung könnte sich jedoch als eine gefährliche Illusion erweisen. Denn es dürfte recht unwahrscheinlich sein, dass die deutsche Wirtschaft nun in jedem Quartal um drei Prozent wächst und die Wirtschaftsleistung bereits Mitte 2021 wieder das Vorkrisenniveau erreicht haben könnte. Jedes von vier großen Risiken könnte den Zug der wirtschaftlichen Erholung zum Entgleisen bringen.

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Ein großes Risiko ist eine zweite Ansteckungswelle, die zu erneuten Beschränkungen für Unternehmen und Beschäftigte führen könnte – auch wenn viel aus der ersten Welle gelernt wurde und manche Fehler nicht in einer zweiten oder dritten Welle wiederholt werden. Man wird versuchen müssen, eine kluge Balance zwischen Eigenverantwortung – also eigenverantwortliches Verhalten, Vorsorge und Einhaltung gemeinsamer Regeln der einzelnen Bürger – und staatlichen Restriktionen für Unternehmen und das tägliche Leben zu finden.

Eine der vielleicht wichtigsten Lehren ist, dass Schulen und Kitas nicht wieder so umfänglich geschlossen werden dürfen. Es muss ein Mindestmaß an Funktionalität bestehen bleiben, auch um den Einsatz der Eltern im Arbeitsmarkt weiterhin zu ermöglichen.

Der Blick in die USA zeigt, wie es nicht geht

Eine andere wichtige Lehre ist die Erfahrung der USA. Das Chaos in dem Land zeigt, dass staatliche Restriktionen und Regeln dringend notwendig sind. Gibt es sie nicht, führt dies zu mehr und nicht weniger wirtschaftlichem Schaden. Diese Lehre widerlegt vor allem die Kritiker in Deutschland, die behaupten, der wirtschaftliche Schaden entstehe durch solche Regeln und Restriktionen.

Marcel Fratzscher ist Professor für Makroökonomie an der HU Berlin und leitet seit 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW). Foto: dpa Vergrößern
Marcel Fratzscher ist Professor für Makroökonomie an der HU Berlin und leitet seit 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW). © dpa

Das zweite große Risiko ist die drohende Welle von Unternehmensinsolvenzen, die Deutschland nun im Herbst erfassen könnte. Denn die Politik hat die Meldepflicht von Insolvenzen bis zum 30. September aufgeschoben, so dass wir uns auf einen starken Anstieg und damit auch einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit gefasst machen. Wir haben derzeit in Deutschland 6,7 Millionen Menschen in Kurzarbeit, viele davon könnten in die Arbeitslosigkeit abrutschen.

Aber auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die jetzt noch in Vollzeit arbeiten, könnten ihre Beschäftigung verlieren. Denn viele Unternehmen, die in der ersten Welle durch Rücklagen überleben konnten, werden dies in einer zweiten Welle nicht mehr können. Ein Anstieg der Arbeitslosigkeit reduziert die Einkommen und schwächt damit auch den privaten Konsum.

Risiko Finanzsystem und Welthandel

Das dritte große Risiko ist das Finanzsystem. Unternehmenspleiten bedeuten, dass viele Banken faule Kredite in den Bilanzen haben und diese abschreiben müssen. Das könnte Banken dazu zwingen, auch Kredite an gesunde Unternehmen zurückzufahren und damit auch deren Leben zu erschweren. Dies könnte in einen Teufelskreis münden, bei dem eine geringere Kreditvergabe weitere Unternehmen in die Insolvenz treibt, die Arbeitslosigkeit erhöht und die Nachfrage weiter reduziert.

Das vierte große Risiko ist der Welthandel. Kaum eine Volkswirtschaft ist so abhängig von den Exporten wie Deutschland. Fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung und fast jeder zweite Job in Deutschland hängen direkt oder indirekt an den Exporten. Der Welthandel bricht jedoch in einer solchen Krise deutlich stärker ein als die Wirtschaftsleistung.

Wir dürfen die Perspektive nicht verlieren

Viele Länder, nicht nur die USA, sondern auch große, bevölkerungsreiche Länder wie Indien, haben die erste Welle der Pandemie noch lange nicht überwunden. Der Welthandel dürfte sich also weiterhin schwach entwickeln, vor allem, wenn Donald Trump und auch China die Handelskonflikte weiter anheizen. Einer der großen Leidtragenden davon dürfte die deutsche Volkswirtschaft sein.

Es ist wichtig, die Perspektive in einer solchen Krise nicht zu verlieren. Der dramatische Einbruch des Bruttoinlandsprodukts im zweiten Quartal liegt nun hinter uns und die Wirtschaft fängt an, sich zu erholen. Dies ist gut und auch wichtig, um optimistisch zu bleiben. Gleichzeitig müssen wir aber auch realistisch bleiben. Die Risiken für die deutsche Wirtschaft sind nach wie vor enorm, wir haben die Krise noch lange nicht überwunden. E

s ist daher wichtig, dass Politik und Wirtschaft vorbereitet sind und schon jetzt kluge Maßnahmen ergreifen, wie man auf eine zweite Welle, auf Unternehmensinsolvenzen und auf Probleme im Finanzsystem reagieren kann. Denn auch für die Wirtschaft gilt: Vorsorge ist der Schlüssel für Stabilität und eine schnelle Erholung.
Der Autor ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

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