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Ausgezeichnet: David Card, Jousha Angrist und Guido Imbens (von links nach rechts) Foto: dpa/Niklas Elmehed/Nobel Prize Outreach 2021
© dpa/Niklas Elmehed/Nobel Prize Outreach 2021

Update David Card, Joshua Angrist und Guido Imbens Wirtschafts-Nobelpreis geht an Forscher aus USA und Kanada

Die Arbeiten der drei Ökonomen befassen sich mit dem Mindestlohn und Experimenten ähnlich wie in der Medizin. Wofür wurden sie ausgezeichnet?

In der medizinischen Forschung ist es ein übliches Verfahren: Eine Personengruppe mit einem körperlichen Leiden erhält eine Tablette eines Medikaments, dessen Wirkung getestet werden soll. Eine zweite Personengruppe mit denselben Beschwerden bekommen ebenfalls eine Tablette, die allerdings vollkommen wirkungslos ist. So kann man den Einfluss des neuen Medikaments testen und Rückschlüsse darüber ziehen, ob diese Arznei zugelassen werden sollte.

Für ein ähnliches Verfahren im Kontext der Wirtschaftswissenschaften haben der US-Kanadier David Card, der US-israelische Forscher Joshua Angrist sowie der US-Niederländer Guido Imbens am Montag den Wirtschaftsnobelpreis erhalten. Denn die Kausalität von wirtschaftlichen Zusammenhängen ist häufig schwerer zu erforschen als die Wirkung von Tabletten unter Laborbedingungen.

Mit ihren Arbeiten zur experimentellen Ökonomie hätten die Forscher „neue Einblicke in den Arbeitsmarkt“ gegeben und gezeigt, welche Schlussfolgerungen aus Ursache und Wirkung von Experimenten gezogen werden könnten, würdigte die Königliche Akademie der Wissenschaften die drei Männer.

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Die Hälfte des mit zehn Millionen Kronen (eine Million Euro) dotierten Preises geht an Card. Der 1956 in Kanada geborene Ökonom forscht und lehrt an der Berkeley-Universität in Kalifornien.

Forschung zum Mindestlohn

Als Cards einflussreichste Forschung gilt eine Studie zum Mindestlohn, die er gemeinsam mit dem 2019 verstorbenen Ökonom Alan Krueger durchgeführt hat. Indem sie die Auswirkungen von Mindestlohn auf zwei Beschäftigungsgruppen eines Fast- Food-Unternehmens untersuchten, brachen sie mit der unter Ökonomen weit verbreiteten Gewissheit, dass eine fest Lohnuntergrenze Arbeitsplätze gefährde.

Wie in der Medizin beobachteten sie eine Gruppe von Beschäftigten in New Jersey, in der der Mindestlohn deutlich gestiegen war, sowie eine Gruppe im benachbarten Pennsylvania, in der es keine Steigerung gab. Das Ergebnis: Die deutliche Mindestlohnerhöhung führte nicht zu einer Beschäftigungsminderung in der Branche. Der Beitrag löste eine sehr hitzige Debatte zur Methodik und zum Ergebnis aus.

Eine spätere, groß angelegte Studie eines größeren Ökonomenteams um Card, das grenznahe Regionen mit Mindestlohnänderungen in verschiedenen Bundesstaaten verglich, bestätigte das für Mindestlöhne vorteilhafte Ergebnis der ersten Studie. Bis heute wird die Frage, ob und ab welcher Höhe Mindestlöhne Beschäftigung kosten, unter Ökonomen intensiv diskutiert.

Die goldene Medaille, die mit dem Wirtschafts-Nobelpreis vergeben wird. Lovisa Engblom/The Nobel Foundation/dpa Vergrößern
Die goldene Medaille, die mit dem Wirtschafts-Nobelpreis vergeben wird. © Lovisa Engblom/The Nobel Foundation/dpa

Neue Erkenntnisse lieferte Card auch mit einer Studie zur Wirkung von Einwanderung auf das Lohnniveau. Er untersuchte dies anhand der Einwanderung aus Kuba in verschiedene Teile Floridas. Sein Ergebnis hier: Die Löhne der US-Bevölkerung sanken nicht. Trotz der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt durch Einwanderer aus einem wirtschaftlich schwächeren Land. Cards Studien hätten dabei zu neuen Analysen und neuen Perspektiven geführt, erläuterte das Komitee seine Entscheidung weiter.

Die methodologische Grundlage für Cards Forschungen

Die andere Hälfte des Preises geht gemeinsam an den 61-jährigen Angrist und den 58-jährigen Imbens. Angrist forscht und lehrt am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA, Imbens in Stanford. Tatsächlich bilden ihre Arbeiten ein Fundament für das Verständnis von Forschungen wie von Card. Sie erarbeiteten Mitte der Neunzigerjahre die Grundlagen, um den durchschnittlichen Behandlungseffekt in einem natürlichen Experiment zu schätzen.

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Das bedeutet, sie stellen Bedingungen auf, die gegeben sein müssen, damit man tatsächlich aus den Beobachtungen Kausalitäten ableiten kann; dass also die Effekte tatsächlich durch die Behandlung hervorgebracht wurden und nicht durch Zufall oder andere Einflüsse. Angrist und Imbens hätten damit gezeigt, wie präzise Folgerungen zu Ursache und Wirkung sein können, so das Komitee. Ihnen sei Mitte der 90er Jahre ein „methodologischer Durchbruch“ gelungen. Neben dieser methodologischen Forschung, für die er nun ausgezeichnet wurde, hat Angrist mittlerweile auch mehrere natürliche Experimente durchgeführt, die vor allem den monetären Effekt besserer Bildung untersuchen sollten.

Argumentationsgrundlage für das linke Spektrum

Die drei Männer haben laut Nobel-Komitee insgesamt „die empirische Forschung in der Wirtschaftswissenschaft revolutioniert“. Sie hätten gezeigt, „dass es in der Tat möglich ist, wichtige Fragen zu beantworten, auch wenn es nicht möglich ist, dazu Zufallsexperimente zu machen“, sagte Komitee-Mitglied Eva Mork am Montag in Stockholm.

Insgesamt ehrt das Komitee in Stockholm damit Wirtschaftswissenschaftler, deren Arbeiten Forderungen aus der linken Seite des politischen Spektrums als Argumentationsgrundlage dienen. „Die Forschung der Nobelpreisgewinner zeigt, dass der Staat sich nicht immer auf den Markt verlassen kann und selbst in wichtige wirtschaftliche Prozesse eingreifen sollte, um ein Marktversagen zu verhindern“, kommentierte Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) die Preisverleihung.

Der Wirtschafts-Nobelpreis geht im Gegensatz zu den anderen Preisen nicht direkt auf das Testament des Preisstifters Alfred Nobel zurück. Er wurde im Jahr 1968 von der Schwedischen Reichsbank in Gedenken an Alfred Nobel ins Leben gerufen und wird seit dem Jahr 1969 verliehen.

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