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Auf der Strecke. Pflegekräfte werden durch pflegefernen Tätigkeiten, wie Essen austeilen oder Dokumentation, noch mehr belastet, beklagt Stephan Sturm. Foto: Marijan Murat/dpa Foto: dpa
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Darf man mit Gesundheit Gewinne machen? „Rendite ist gut für die Patienten“

Die SPD will die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens beenden. Fresenius-Chef Stephan Sturm verteidigt im Interview das Geschäftsmodell seines Konzerns.

Herr Sturm, laut ihrem Wahlprogramm möchte die SPD „die Kommerzialisierung im Gesundheitswesen beenden“. Gewinne „aus Mitteln der Solidargemeinschaft“ sollen in das Gesundheitswesen zurückfließen. Wie sehr fürchten Sie ein SPD-geführtes Gesundheitsministerium?
Über den Ausgang der Bundestagswahl möchte ich nicht spekulieren. Sollte tatsächlich die SPD das Gesundheitsministerium führen, werde ich sehr gern den Dialog mit der Ministerin oder dem Minister suchen, um einiges richtig zu stellen. Kommerzialisierung verbessert die Gesundheitsversorgung. Profite gehen nicht etwa dem Gesundheitswesen verloren, sondern werden von uns zum allergrößten Teil in moderne Medizintechnik, ins Personal und in eine bessere Ausstattung der Kliniken, kurz in immer bessere Medizin reinvestiert. Rendite ist also gut für die Patienten.

Jeder CEO, so sicher auch Sie, ist doch aber dem Shareholder verpflichtet und muss an die Aktionäre eine ordentliche Rendite abführen. Dieses Geld fehlt dann logischerweise dem Gesundheitsbetrieb, oder?
Nein. Die Renditeerwartungen sind für uns ein Anreiz, effektiver zu wirtschaften und keine Mittel zu verschwenden. Es bleibt also mehr Geld übrig, das wir reinvestieren können. Nur ein kleiner Anteil fließt an die Investoren. Das ist bei uns gerade mal ein Viertel dessen, was übrig bleibt, nachdem wir Zinsen und Steuern gezahlt haben. Wir helfen dem Gesundheitswesen also doppelt, denn auch unsere Steuern können in eine bessere Gesundheitsversorgung fließen, wenn der Staat dies möchte. Interessanterweise werden in vielen Regionen mit Steuergeldern dann aber sogar die Verluste mancher kommunaler Wettbewerber ausgeglichen.

Wie gesagt: Es fließt bei den kommerziellen Unternehmen Geld ab, das Krankenhäuser in kommunaler oder freigemeinnütziger Hand, die keine Gewinne abführen müssen, mehr zur Verfügung haben.
Fragen Sie sich doch bitte, wie der Gewinn verwendet wird und woher die Rendite kommt. Wir bezahlen alle unsere Beschäftigten nach dem jeweils für ihre Berufsgruppe geltenden Tarif, oftmals mehr als unsere nicht gewinnorientierten Wettbewerber. Während zum Beispiel in Berlin die kommunalen Krankenhäuser gerade bestreikt werden, haben wir für die Helios-Kliniken seit einem halben Jahr einen neuen Tarifabschluss...

Die wichtigsten Tagesspiegel-Artikel zur Bundestagswahl 2021:

... den Verdi mit insgesamt 3,8 Prozent mehr Geld in 24 Monaten sowie eine Corona-Prämie und im laufenden Jahr einem Corona-Entlastungstag als „ordentliches Ergebnis“ gelobt hat. Allerdings gingen diesem Abschluss Warnstreiks und andere Protestaktionen der Gewerkschaft voraus...
... Und auch an der Versorgung sparen wir nicht. Denn wir können auf Dauer nur wirtschaftlich erfolgreich sein, wenn die Patienten zufrieden sind und uns weiterempfehlen. Wir behandeln unsere Patienten nachweislich besser, erreichen eine bessere Therapiequalität.

Stephan Sturm ist Vorstandsvorsitzender der Fresenius SE & Co. KGaA. Foto: Thilo Rückeis Vergrößern
Stephan Sturm ist Vorstandsvorsitzender der Fresenius SE & Co. KGaA. © Thilo Rückeis

Nachweislich bessere Qualität? Woran machen sie diese Aussage fest?
Wir veröffentlichen seit Jahren freiwillig harte Daten zur medizinischen Ergebnisqualität. Das sind vor allem Angaben zur Sterblichkeit während einer Behandlung und zu Komplikationen. Und diese medizinische Qualität liegt in unseren Häusern seit Jahren deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Wir nehmen also weder unseren Mitarbeitern noch unseren Patienten irgendetwas weg. Wir bekommen für die Behandlung der Patienten von den Krankenkassen die gleiche Vergütung wie unsere kommunalen und freigemeinnützigen Mitbewerber. Aber wir setzen es besser und effizienter ein. Gleichzeitig sind andere sogar noch auf staatliche Unterstützungsgelder angewiesen, die dann anderswo, zum Beispiel in Schulen oder Schwimmbädern fehlen. Und wir gehen sogar noch weiter und investieren eigenes Kapital in eine bessere und effizientere Gesundheitsversorgung.

Die staatlichen Unterstützungsgelder fließen ja im Rahmen der gesetzlich geregelten Krankenhausbauförderung, der zweiten Finanzierungssäule der Kliniken in Deutschland neben der Übernahme der Behandlungskosten durch die Krankenkassen. Bedeutet das, dass Helios auf Mittel der Krankenhausbauförderung verzichtet?
Wir nehmen diese Mittel nur selektiv in Anspruch, in einigen Regionen mehr als in anderen, und ergänzen damit unsere hohen Investitionen aus Eigenmitteln. Ein Beispiel: Das für den Neubau unseres Maximalversorgers in Wiesbaden notwendige Investitionsvolumen beträgt 270 Millionen Euro. Wir nehmen aber nur 68 Millionen Euro Förderung vom Land Hessen in Anspruch, der Rest kommt von uns.

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Sie sagten, dass Helios nicht an der Bezahlung seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter spare – aber vielleicht an der Personalausstattung? Denn die Pflegekräfte fühlen sich nicht nur schlecht bezahlt, sondern vor allem überlastet. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat deshalb gemeinsam mit Verdi und dem Deutschen Pflegerat ein Instrument zur Berechnung des Mindestpersonalbedarfs „am Krankenbett“ entwickelt – den sogenannten „PPR 2.0“. Das würde einen enormen Mehrbedarf an Pflegekräften bedeuten. Hält sich Helios jetzt schon freiwillig an diesen Schlüssel?
In einzelnen Bereichen, in denen wir es für sinnvoll halten, haben wir Mindeststandards, aber nicht flächendeckend. Die Frage, die ungelöst im Raum steht, lautet doch aber, woher diese zusätzlichen Pflegekräfte denn überhaupt kommen sollen. Der Bedarf ist deutlich größer als das Angebot, neue Mitarbeiter müssen also vom Arbeitgeber überzeugt sein. Bei Helios konnten wir in den vergangenen zwei Jahren rund 2000 Pflegekräfte zusätzlich einstellen. Glauben Sie, wir hätten diese Menschen für uns gewinnen und langfristig an das Unternehmen binden können, wenn wir nicht eine konkurrenzfähige Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen bieten würden?

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Wie groß wäre der zusätzliche Personalbedarf, wenn Helios für alle seine Kliniken in Deutschland den PPR 2.0 anwendete?
Das lässt sich noch nicht genau sagen. Was ich heute sagen kann ist, dass einige Regularien zu Fehlanreizen bei der Personalausstattung führen. Nehmen wir die Personalkosten für die Pflege. Nach einer neuen Regelung werden diese außerhalb der Fallpauschalen für die Behandlung erstattet. Die Aufwendungen für diejenigen Beschäftigten, die zum Beispiel Essen austeilen oder Dokumentationen erledigen, sind nicht inbegriffen. Das System bietet also den falschen Anreiz, den Pflegekräften auch solche unterstützenden Tätigkeiten zu übertragen, statt sie zu entlasten und so die Personalnot zu lindern. Und das führt zu einer weiteren Verknappung des Angebots an Fachkräften.

Die Pflegekräfte, die neu zu ihnen kommen, fehlen anderen Krankenhäusern oder besonders auch Pflegeheimen. Wäre es da nicht ein besserer Weg, den eigenen Bedarf an Beschäftigten selbst auszubilden?
Ja. Und deshalb haben wir über die letzten fünf Jahre die Zahl der Ausbildungsplätze bei Helios um 50 Prozent erhöht, in der Pflegeausbildung um 40 Prozent. Und die meisten Ausgebildeten bleiben in unserem Unternehmen. Wir haben eine Übernahmequote von 80 Prozent in der Pflege.

Können Sie damit Ihren Bedarf an Fachpersonal komplett decken?
Nein, noch nicht. Aber wir haben die Zahl der Ausbildungsplätze bereits deutlich erhöht und wollen das weiterhin tun. Bis hin zum Ziel, den Bedarf selbst zu decken, ist es aber eine längere Reise. Die geschilderten Fehlanreize verlängern sie.

Sie haben jetzt mehrfach betont, dass das Patientenwohl bei Helios im Mittelpunkt stünde. Ist das eine Dividende, die auch Ihre Aktionäre akzeptieren?
Ich betone immer wieder, dass sich unser Erfolg nicht nur am Gewinn, sondern zuvorderst an der Behandlungsqualität misst. Wenn die Qualität stimmt, dann sind wir auch wirtschaftlich erfolgreich. Das sind zwei Seiten derselben Medaille.

tIn Berlin gehören zwei Krankenhäuser zur Helios-Gruppe: das Klinikum in Berlin-Buch (Foto) und das Klinikum Emil von Behring in Steglitz-Zehlendorf Foto: Tobias Kleinschmidt / dpa Vergrößern
tIn Berlin gehören zwei Krankenhäuser zur Helios-Gruppe: das Klinikum in Berlin-Buch (Foto) und das Klinikum Emil von Behring in Steglitz-Zehlendorf © Tobias Kleinschmidt / dpa

Würden Sie mit dieser Maxime auch auf Umsatz verzichten?
Ja, die langfristige Sicht ist entscheidend. Qualität geht in der Regel mit Menge einher: Je geringer die Fallzahlen, desto höher die Komplikationsrate. Deshalb ist Helios ein großer Verfechter der Mindestmengen. Für wenige Indikationen ist das schon gesetzlich vorgeschrieben. So dürfen nur die Häuser eine Knieprothese einsetzen, die eine bestimmte Mindestmenge pro Jahr erreichen. Wir dehnen das freiwillig auf mehr Indikationen aus. Das hat für uns durchaus auch schmerzhafte ökonomische Konsequenzen, wenn wir bestimmte Leistungen von Kliniken, die das zu wenig machen, abziehen und an anderen Standorten konzentrieren. Aber auf lange Sicht zahlt sich das aus – medizinisch und dann auch wirtschaftlich.

Ein Beispiel?
Aortenchirurgie. Oder die Urologie. Auch in der Geburtshilfe setzen wir auf bessere Qualität dank größerer Routine. 500 Geburten pro Jahr sollten es schon sein.

Würden Sie dieser Maxime folgend auch Krankenhausstandorte schließen?
Wir haben einige kleinere Häuser, für die wir mittel- bis langfristig eine neue Perspektive suchen müssen. Aber das gilt nicht nur für Helios. Es gibt in Deutschland so einige Krankenhausstandorte, auf die man gut verzichten könnte, einfach deshalb, weil sie zu klein und dabei zu wenig spezialisiert sind. Wenn man diese umgestalten oder schließen würde, hätte das nicht nur eine deutliche Steigerung der Qualität zur Folge. Dadurch würde auch der Bedarf an Pflegekräften sinken, ohne dass ein Patient schlechter versorgt würde. Das Personal würde nur besser verteilt, im Idealfall auf weniger, dafür größere, stärker spezialisierte, insgesamt bessere Klinikzentren.

Stephan Sturm ist Vorstandsvorsitzender der Fresenius SE & Co. KGaA mit Sitz in Bad Homburg. Zum Konzern gehört die Helios-Klinikgruppe, die in Deutschland 89 Krankenhäuser betreibt.

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