Relikt aus den 1930er Jahren: das Rathaus in Pretoria, Hauptstadt von Südafrika. Foto: imago images/imagebroker
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Compact with Africa „In Nigeria herrscht brummender Unternehmergeist"

Warum der deutsche Mittelstand mehr Projekte in Afrika entwickeln will. Interview mit Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrika-Vereins

Heute findet die Konferenz "Compact with Africa" in Berlin statt. Als Themen stehen unter anderen wirtschaftlicher Fortschritt und Investitionen auf der Tagessordnung. Die Regierungschefs von zwölf afrikanischen Staaten, darunter Äthiopien, Elfenbeinküste oder Senegal, sind anwesend. Über Chancen und Risiken der Zusammenarbeit sprachen wir mit Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrika-Vereins der Deutschen Wirtschaft.

Herr Liebing, 600 deutsche Unternehmen sind Mitglied im Afrika-Verein der Deutschen Wirtschaft e. V. Für Investoren und Projektentwickler ist Afrika offenbar interessant. Der Normalbürger hört selten positive Nachrichten aus Afrika. Warum?

Afrika ist ungeheuer vielfältig. Es gibt dort die schwierigsten und die korruptesten Länder, aber eben auch die Top-Reformländer. Ich war neulich in Äthiopien und habe dort in Addis Abeba mehr Baustellen für Hochhäuser gezählt als wahrscheinlich in allen deutschen Großstädten zusammen. Wenn Sie durch Nairobi gehen, haben Sie ein viel besseres Mobilfunknetz als in Berlin.

Warum entschließen sich deutsche Firmen zu Investitionen in Afrika?
Wir haben in Deutschland eine Reihe von mittelständischen Unternehmen, die fast spezialisiert sind auf Afrika. Andererseits sind viele Wachstumsmärkte in der Welt zurzeit in Schwierigkeiten. Russland und Iran sind unter Sanktionen, China und USA befinden sich im Handelsstreit. Viele blicken jetzt nach Afrika, weil sich dort zurzeit viel tut. 2018 war ein Rekordjahr deutscher Investitionen in Afrika. Die Statistik wird erst noch veröffentlicht, aber wir glauben, dass wir deutlich über 1,5 Milliarden Euro in diesem einen Jahr liegen.

Haben Sie ein Beispiel für praktisches Engagement?
Sie bauen etwa einen Solarpark. Davor schließen Sie einen Vertrag ab mit einem staatlichen Energieversorger, dafür, dass sie den Strom ins Netz einspeisen. Für die Investition brauchen Sie einen Bankkredit – und die Bank benötigt dafür Bürgschaften. Das ist nicht einfach. Ich hätte gern einen Klima-Hermes, für diejenigen, die in Afrika investieren, dass es also eine Versicherung gibt, wenn der Stromversorger nicht bezahlt. Mit solchen Instrumenten könnten wir in Afrika noch mal ganz anders loslegen.

Öko kommt an - auch auf diesem lokalen Markt in Kapstadt. Foto: imago/Bo van Wyk Vergrößern
Öko kommt an - auch auf diesem lokalen Markt in Kapstadt. © imago/Bo van Wyk

Wieso muss ein deutsches Unternehmen den Solarpark errichten? Können das keine einheimischen Firmen machen?

Oft fehlt das Kapital. Wenn ein Projekt 50 Millionen kostet, dann brauche ich 15 Millionen Eigenkapital, damit die Banken mir den Rest dazugeben. Afrikanische Unternehmer, die 15 Millionen mitbringen können, findet man selten. Unter diesen Umständen würden die Projektrealisierungen zu lange dauern. Die Zeit fehlt, denn das Bevölkerungswachstum ist so groß, dass Sie eine enorme Wachstumsrate haben müssen, um das auch nur auszugleichen. Im Prinzip müssten 30 oder 40 Millionen Jobs in Afrika geschaffen werden, damit es spürbar aufwärtsgeht.

Ist es nicht einfacher, erst mal die Geburtenrate zu senken?
Meine These geht umgekehrt. Immer dort, wo die Menschen bis zu einer gewissen wirtschaftlichen Sicherheit kommen, haben sie weniger Kinder. Nur so lässt sich das Problem lösen, nicht durch Appelle europäischer Entwicklungshilfeorganisationen.

Vor allem China engagiert sich stark in Afrika. Allerdings gibt es deshalb auch oft Kritik.

Das kann man nicht schwarz-weiß sehen. Es gibt eine Reihe von Dingen, die wir nicht von China lernen wollen, in puncto Qualitätsstandards zum Beispiel. Man weiß, dass Arbeiter aus China eingeflogen werden, die dann auf den Baustellen arbeiten. Ich habe auch schon Straßen gesehen in Afrika, von Chinesen gebaut, die waren nach zwei Jahren nicht mehr passierbar. Aber: Wir machen es uns zu leicht, wenn wir nur kritisieren, es aber nicht besser machen. Immerhin tun die Chinesen etwas, sie nehmen Geld in die Hand und finanzieren Infrastruktur, womit wir uns enorm schwertun.

Unternehmen, die sich in Afrika engagieren, brauchen gut ausgebildete Leute. Ist es leicht, sie zu finden?

Keine Patina. Diese Promenade in der Küstenstadt Swakopmund/Namibia ist nagelneu und wirkt entsprechend steril. Foto: Gianluigi Guercia/AFP Vergrößern
Keine Patina. Diese Promenade in der Küstenstadt Swakopmund/Namibia ist nagelneu und wirkt entsprechend steril. © Gianluigi Guercia/AFP

Das hängt vom Land und von der Branche ab. Nairobi ist berühmt für seine tollen Programmierer und IT-Fachleute. Gut qualifizierte Leute gibt auch in Ghana, Elfenbeinküste, Nigeria, Südafrika, in den nordafrikanischen Länder sowieso. Generell gilt, wie in Deutschland auch, dass Sie sich bis zu einem gewissen Grad ihre Experten selbst ausbilden müssen. Beispiel: Ein süddeutscher Mittelständler wollte in Namibia ein Zementwerk bauen, bis zur Fertigstellung gingen drei Jahre ins Land. Der Unternehmer hat zu Baubeginn eine Berufsschule danebengestellt und die Zeit genutzt, um die Mitarbeiter auszubilden.

Müssen die Anstöße immer von außen kommen, wachsen die Ideen nicht auch in Afrika?
Gehen Sie mal nach Nigeria, dort herrscht ein brummender Unternehmergeist. Die Leute haben viele Geschäftsideen und setzen sie um. Die wundern sich über die langsamen Deutschen.

Accra, Hauptstadt von Ghana. Das westafrikanische Land hat in jüngster Vergangenheit große Fortschritte gemacht. Foto: Pius Utomi Ekpei/AFP Vergrößern
Accra, Hauptstadt von Ghana. Das westafrikanische Land hat in jüngster Vergangenheit große Fortschritte gemacht. © Pius Utomi Ekpei/AFP

Das leidige Thema Korruption ...

... kommt ja jedes Mal zur Sprache, wenn wir über Afrika sprechen. Wenn Sie bei Transparency International nachschauen – dort geht es ja um einen Korruptionswahrnehmungsindex –, steht deutlich mehr als die Hälfte der afrikanischen Länder besser da als Russland. Jeder Mittelständler sagt mir, ja, auf Russland kann ich nicht verzichten, das ist ein wichtiger Markt. Da muss ich Wege finden, sauber zu arbeiten - und in den meisten Fällen geht das ja auch. Die gleichen Mittelständler sagen mir aber, dass das in Afrika nicht geht, denn dort sei die Korruption zu hoch. Dabei stehen nach dem Ranking zwölf Länder besser da als Griechenland.

Wo sehen Sie Afrika in naher Zukunft?

Ich glaube, dass in zehn, 20 Jahren, einige afrikanische Länder zu richtigen neuen "Tiger-Staaten", also Schwellenländern geworden sind.

Sie sind rund zwanzigmal im Jahr geschäftlich in Afrika. Welches Land empfehlen Sie Touristen?
Uganda ist landschaftlich wunderschön mit schneebedeckten Bergen und dem Victoriasee. Es gibt dort Urwälder und Berggorillas. Kamerun ist auch ein spannendes Land. Man nennt es Afrika en miniature, weil dort alle Klimazonen existieren. Gambia hat tolle Strände, Mosambik, wo Südafrikaner gern Urlaub machen, ist natürlich auch interessant.

Stefan Liebing, 43, ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Afrika-Vereins der Deutschen Wirtschaft und Geschäftsführer des Investmenthauses Conjuncta GmbH, Hamburg. Foto: privat Vergrößern
Stefan Liebing, 43, ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Afrika-Vereins der Deutschen Wirtschaft und Geschäftsführer des Investmenthauses Conjuncta GmbH, Hamburg. © privat
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