Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland

Mehr zum Thema: Niedrige Löhne und LKW-Fahrer in Not

Eine von 400: Der Tank & Rast gehören die meisten Autobahnraststätten in Deutschland. Foto: Peter Obenaus/RWE
Autobahnraststätten Das Geschäft mit der Pause

Wie überhaupt alles begann? 1932 weihte der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer die erste öffentliche Autobahn in Deutschland ein. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der Ausbau des Schnellstraßennetzes stark beschleunigt. Doch mit jedem Kilometer mehr kamen mehr Autofahrer auf die Straßen und die wollten versorgt werden – mit Reiseproviant und Treibstoff für die Fahrzeuge. Am 1. Mai 1936 wurde deswegen die erste Reichs-Autobahntankstelle bei der Anschlussstelle Darmstadt eröffnet, mit Waschgelegenheiten und einem Aufenthaltsraum für zehn Personen. Dort konnten die Reisenden ihre Butterbrote auspacken. Pause machen. Bis zum Baustopp 1942 ließen die Nationalsozialisten 78 Tankstellen und 24 Rastanlagen errichten. Im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bombenangriffe viele Betriebe. Aus Unversehrten wurden Lazarette.

Sechs Jahre nach der Kapitulation gründete die Bundesrepublik Deutschland die „Gesellschaft für Nebenbetriebe der Bundesautobahnen mbH“ (GfN). Die Gesellschaft führte die Vorplanung der neuen Raststätten durch und übernahm die Baukosten. Außerdem war sie zuständig für dessen Verpachtung und Verwaltung. 1957 entstanden die ersten Motels. In den 80er Jahren gerieten die Raststätten in die Kritik. Die Einrichtung: überaltert. Die Toiletten: verdreckt und verschmiert, mit Junkies auf dem Boden. All das führte zu einem umfangreichen Modernisierungsprogramm der Standorte für zwei Milliarden Deutsche Mark. Im Jahr des Mauerfalls eröffnete an der Raststätte „Uttrichshausen West“ bei Fulda erstmals ein McDonald’s-Restaurant. 1994 wurde die Gesellschaft für Nebenbetriebe schließlich in die Aktiengesellschaft Tank & Rast umfirmiert, die vier Jahre später privatisiert wurde.

Mindestlohn und keine Zuschläge

Trotz gepfefferter Preise werden den Mitarbeitern nur Niedriglöhne gezahlt! So lautet eine Kernkritik der Gewerkschaft „Nahrung-Genuss-Gaststätten“ (NGG), wenn sie nach den Arbeitsbedingungen an deutschen Raststätten gefragt wird. Zwar gebe es an einigen wenigen Standorten Betriebsräte und Tarifverträge, aber das wäre eher die Ausnahme. In der Regel werde allein der Mindestlohn gezahlt.

„Jetzt im Sommer ist besonders viel los, zu jeder Tageszeit, an Wochenenden, Feiertagen, und dann kommt kurz vor Feierabend am besten noch ein Reisebus mit hundert Fußballfans angefahren“, erläutert Christoph Schink, Referatsleiter Gastgewerbe, die Belastungen in der Branche. „Da wollen die Beschäftigten doch zumindest einen Feiertagszuschlag. Aber nicht einmal der ist garantiert.“ Aus Sicht der Gewerkschaft sei die Privatisierung ein Fehler gewesen. Die Pächter würden unter einem enormen Druck stehen, den sie an die Mitarbeiter weitergeben würden. „Und Tank & Rast zieht sich mit seinem Franchisesystem schön aus der Verantwortung“, sagt Schink.

LKW-Fahrer in Not

Eineinhalb Stunden vor Schichtende beginnt für die Fernfahrerin Jasmin Wucherer immer das gleiche Geduldsspiel. Abfahrt Raststätte, im Schritttempo auf Parkplatzsuche, dann meist wieder zurück auf die Autobahn, ein paar Kilometer weiter der nächste Versuch. „Man muss sich frühzeitig umschauen,“ sagt Wucherer. Elf Jahre fuhr sie für eine Berliner Spedition auf Europas Autobahnen, inzwischen nur noch selten als Aushilfe. Hauptberuflich sitzt sie in der Personalabteilung.

„Die Situation mit den Parkflächen hat sich kontinuierlich verschlechtert“, sagt Wucherer. Laut Schätzungen fehlen 30 000 Stellplätze in Deutschland, 4000 allein in Brandenburg. Für die Fahrer ein Problem: Sie müssen ihre Lenk- und Ruhezeiten einhalten. Wer länger fährt, macht sich strafbar und muss mit hohen Bußgeldern rechnen. Bei Fahrern steht die Parkplatznot einer Umfrage zufolge „ganz, ganz weit oben, noch vor dem Gehalt“. Da der Lkw-Verkehr weiter zunehmen wird, könnte sich das Problem noch verschärfen. Experten fordern das Verkehrsministerium auf, zügig für mehr Plätze zu sorgen. Auch deswegen, weil es für die Fahrer immer gefährlicher wird. Nicht selten parken die in ihrer Verzweiflung Auf- und Abfahrten zu, was immer mal wieder zu Unfällen mit Verletzten führt.

„Im schlimmsten Fall musste ich ins Gewerbegebiet, an einen Waldrand oder in ein Wohngebiet ausweichen“, sagt Jasmin Wucherer. Am liebsten seien ihr die Autohöfe. Dort sei es sicherer, es gebe mehr Platz und bessere Ausstattung. Wucherers Spedition hat inzwischen reagiert und lässt ihre Fahrer am Wochenende nicht mehr fahren. Denn seit diesem Jahr sind Speditionen gesetzlich verpflichtet, ihre Fahrer übers Wochenende im Hotel unterzubringen. „Die an Autobahnen zu finden, ist aber noch viel unmöglicher als eine Parkfläche“, sagt Wucherer.

Dümmster Ort für einen Überfall

Raststätten sind bis heute nicht nur für Reisende, sondern auch für Kriminelle attraktiv. Immer wieder höre er von Fällen, in denen schlafende Urlauber auf Raststätten ausgeraubt werden, sagt ein ADAC-Sprecher. Eine Gesamtstatistik zur Kriminalität führen aber weder Autoclub, Verkehrsministerium noch die Polizei. Allerdings: An Raststätten in Brandenburg nimmt seit Jahren das Phänomen des Planeschlitzens zu. 2019 erhöhte sich die Zahl auf über 900 Fälle und auf einen Schaden von mehr als zwei Millionen Euro. Die Aufklärungsquote liege bei unter 30 Prozent, sagte die Polizei in Potsdam.

Dass ein maskierter Räuber plötzlich in der Raststätte steht, kommt ebenfalls vor. Allerdings erzählte ein Ex-Pächter vor einigen Jahren in einem Interview mit dem SZ Magazin: „Eine Autobahntankstelle zu überfallen ist das Dümmste, was man machen kann.“ Die Täter könnten nur in eine Richtung flüchten, die Polizei sei wenige Minuten nach dem Überfall da und auf Autobahnen seien viele Zivilpolizisten unterwegs. Seine Raststätte sei zwar mehrfach überfallen worden, aber die Täter seien immer gefasst worden.

Zur Startseite