Schmeckt köstlich. Foto: Getty Images/iStockphoto
© Getty Images/iStockphoto

Wir in Europa: Exiljournalisten schreiben Europa, der Apfel

Zoya Anwar Mahfoud

Arabisch oder deutsch? Junge Migranten kämpfen mit ihrer Identität. Sie erleben Europa als Ort der Freiheit – und als verbotene Frucht.

Dieser Text ist im Rahmen des Exiljournalistenprojekts #jetztschreibenwir entstanden. Das mehrfach preisgekrönte Tagesspiegel-Projekt, das von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und der Robert Bosch Stiftung unterstützt wird, begann im Herbst 2016 mit einer ganzen Tagesspiegel-Ausgabe mit Texten von Exiljournalisten. Nach "Wir wählen die Freiheit" (September 2017) und "Heimaten" (Juni 2018) erscheint mit "Wir in Europa" (Mai 2019) die dritte Beilage, die von Exiljournalisten gestaltet wurde. Die Autorin (41) hat in Syrien als Journalistin gearbeitet. Sie arbeitet in einem Berliner Frauenhaus und bereitet sich auf ein Studium der Sozialarbeit vor. Aus dem Arabischen von Melanie Rebasso.

"Ich mag es nicht, wenn die Leute wissen, dass ich Araberin bin und aus dem Irak komme. Und damit man gar nicht erst auf den Gedanken kommt, mich nach meiner Herkunft zu fragen, lerne ich bestmöglich Deutsch“, sagt die 16-jährige Nour, die vor dreieinhalb Jahren aus dem Irak nach Deutschland kam. „Außerdem imitiere ich das Verhalten der Deutschen, ihr Auftreten. Ich freue mich jedes Mal darüber, wenn mich die Leute für eine Deutsche halten.“ Im Gegensatz zu ihrer Familie, die streng religiös ist, hasst Nour alles, was mit dem Islam und arabischen Traditionen zu tun hat. Ihr Kopftuch riss sie von sich, kaum hatte sie deutschen Boden betreten. Sie ging von ihrer Familie fort, um in einer Jugendeinrichtung zu wohnen. Sogar ihren Namen änderte sie zu einem deutschen.

Ihre Identität ist zerrissen

Das Leben in der offenen europäischen Gesellschaft ist eine ständige Herausforderung, die jungen Flüchtlingen viel abverlangt. Sie alle beschreiben Europa als Ort der absoluten Freiheit, an dem man alles tun kann, was man möchte. Europa, so scheint es, ist für sie wie der Apfel, der Adam und Eva im Paradies so verführerisch erschien. Innerlich wünschen sich viele junge Flüchtlinge, Europäer zu sein, gegenüber der Außenwelt jedoch können sie sich nicht als solche identifizieren. Ihre Identität ist zerrissen: Auf der einen Seite steht die Zugehörigkeit, die sie gerne hätten, und auf der anderen jene, die ihnen in ihrer Heimat in die Wiege gelegt wurde.

Hussein Ahmed, 16 Jahre alt, ursprünglich aus dem Irak, aber im Jemen aufgewachsen, besucht die zehnte Klasse und macht gerade den Mittleren Schulabschluss. Er schwärmt in einer Art und Weise von Deutschland, die wohl selbst die Deutschen als maßlose Übertreibung empfinden würden. Die Freiheit, die im Jemen fehle, sei in Europa selbstverständlich. Das fange schon mit der Mobilität an. „Im Jemen waren die Verkehrsverbindungen zwischen meinem Zuhause und der Schule sehr beschränkt. In Deutschland hingegen ist es für mich normal, mich jederzeit überallhin bewegen zu können – um Freunde oder den Verein zu besuchen, zum Einkaufen oder in ein Restaurant.“ In Deutschland könne er auch seinen Hobbys – Boxen und Basketball – nachgehen, vergangenes Jahr hat er in Berlin sogar den ersten Platz in einem Boxwettkampf belegt. Später möchte Hussein Informatik studieren. Um seine Zukunft in Deutschland macht er sich keine Sorgen.

"Meine Schwester darf hier nicht die gleichen Dinge tun wie ich"

Auch der 17-jährige Hossam aus Syrien, der seit vier Jahren in Deutschland lebt und sich auf sein Abitur vorbereitet, sieht Vorteile im Leben in Europa. Und doch betrachtet er sich selbst als Syrer durch und durch. „Deutschland ist ein schönes Land. Aber Syrien ist schöner!“ Er pflege hier in Deutschland eine traditionelle arabische Lebensweise. „Das bedeutet auch, dass meine Schwester hier in Deutschland nicht die gleichen Dinge tun kann wie ich.“

Die arabischen Mädchen wiederum sehen Europa aus einem anderen Blickwinkel als die Jungen. In ihren Heimatländern waren sie zumeist größeren Einschränkungen durch die Gesellschaft unterworfen. Durch das Leben in Europa hat sich ihr Horizont erweitert. Für ihre Eltern stellt das oft eine enorme psychische Belastung dar. Auf der einen Seite können sie die neue Lebenswirklichkeit nur schwer akzeptieren, auf der anderen Seite wagen viele es nicht, sich den Wünschen ihrer Töchter entgegenzustellen – aus Angst, sie möglicherweise zu verlieren.

Setz ein Kopftuch auf!

Die 15-jährige Roula kam vor dreieinhalb Jahren aus Syrien nach Deutschland. Danach verschlechterte sich das Verhältnis zu ihrer Familie, sie riss von zu Hause aus und wohnte drei Monate lang in einer Jugendeinrichtung. „Nach diesen drei Monaten bin ich aber wieder nach Hause zurückgekehrt – auf den großen Druck meiner Verwandten hin, aber auch, weil ich die Schuldgefühle gegenüber meiner Familie nicht mehr ertragen konnte.“

Sie hatte ihr Zuhause verlassen, weil sie sich eingeengt und gegängelt fühlte. „Meine Mutter kommandiert mich ständig herum und stellt mir Fragen, mit denen ich nur schwer umgehen kann. ,Setz ein Kopftuch auf!‘, ,Mit wem sprichst du?‘, ,Wer sind deine Freunde?‘, ,Wer ist Alex?‘ – und dass Alex ein Mädchen und kein Junge ist, glaubt mir meine Mutter sowieso nicht. Das alles sind die Gründe dafür, weshalb die Barrieren zwischen uns mit jedem Tag größer werden.“

Sie hat von Europa geträumt

Dass Roula angefangen hat, Badeanzüge zu tragen, bedeutet eine weitere Provokation gegenüber ihrer Familie, von der sie sich allerdings weder durch ihre Mutter noch sonst jemanden abhalten lässt. Genauso wenig wie davon, gemeinsam mit ihren Freunden Ausflüge zu unternehmen. Europa ist alles für sie und in ihren Augen das Wunderbarste überhaupt. Hier erlebt sie all das selbst, was sie sich einst in ihrer Fantasie ausgemalt oder im Fernsehen und Kino gesehen hat. Und was ihre Verpflichtungen gegenüber ihrer Familie anbelangt, so tut Roula ihr Bestes, um ihr begreiflich zu machen, dass sie und ihre Familie jetzt eben nicht mehr in Syrien leben.

Anders sieht es bei jenen Arabern und Migranten aus, die in Deutschland geboren sind und noch nie einen Fuß in das Land ihrer Vorfahren gesetzt haben oder nur dort Urlaub machen. Viele von ihnen empfinden sich als Deutsche. Allerdings ist auch ihre Identität nicht stabil.

Ich bin Syrerin. Nicht Deutsche, nicht Araberin

Tala Abou Hashim, 15 Jahre alt und in der neunten Klasse, liebt das Tanzen. Zweimal in der Woche besucht sie eine Ballettschule. Es ist für sie eine fantastische Art des Selbstausdrucks. Tala ist überzeugt: „Das kann mir nur die freie europäische Gesellschaft bieten.“ Ihr Vater ist Palästinenser und ihre Mutter Syrerin, sie selbst ist in Deutschland geboren. „Hier bin ich aufgewachsen, ich kenne meine Stadt, weiß, wohin ihre Straßen und Wege führen. Dagegen weiß ich – abgesehen von den Kriegen – weder etwas von Palästina noch von Syrien. Diese zweite Identität, mit der mich keine sehr enge emotionale Beziehung verbindet, habe ich mit meiner Geburt unfreiwillig erhalten.“

Talas Schwester Dina vertritt dagegen einen ganz anderen Standpunkt, obwohl die beiden im gleichen Umfeld aufgewachsen sind. Die 13-Jährige sagt auf die Frage nach ihrer Identität: „Ich bin Syrerin. Nicht wirklich Deutsche und auch keine Araberin.“ Der Begriff „Araberin“ ist ihr zu dehnbar und schwammig, sie vertritt die Ansicht, dass jede arabische Gesellschaft ganz eigene Gepflogenheiten, Traditionen, Vorstellungen vom Leben und ihre eigene Kultur hat. So sei etwa der Syrer kein Iraker und genauso wenig ein Libanese. In einem Punkt stimmt sie aber mit ihrer Schwester überein: dass Europa ein Ort der Freiheit ist.

Der Apfel bleibt in der Kehle stecken

Vielleicht ist es immer so, dass die erste Generation sich von der neuen Kultur abkapselt und sich kaum mit ihr auseinandersetzt. Dagegen möchten viele aus der zweiten Generation überholte Denk- und Lebensweisen verändern. Damit steigen die Konflikte, die daraus resultieren, dass die Erwartungen der Jüngeren mit den Ansprüchen der Älteren nicht zu vereinbaren sind.

Der Apfel „Europa“ wirkt auf viele verlockend. Sie wagen den Biss in die köstliche Frucht und verzehren sie. Einigen aber bleibt der Apfel in der Kehle stecken und sie sträuben sich dagegen, ihn zu verdauen. Zum Wiederausspucken jedoch ist es bereits zu spät.

Zur Startseite