Lieferengpässe und Abhängigkeiten bei Rohstoffen bedrohen massiv die deutsche Wirtschaft - und damit auch unseren Wohlstand. Foto: Getty Images
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Werteorientiertes Wirtschaften Hohe Erwartungen in unruhigen Zeiten

Dominik H. Enste

Die Herausforderungen in der Wirtschaft sind gewaltig. Destabilisierende Faktoren wie der russische Angriffskrieg kommen zu Klima- und Demographiewandel noch hinzu. Ein Gastbeitrag.

Die zentralen Treiber - oder auch Hemmschuh - der wirtschaftlichen Entwicklung und Transformation sind der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die daraus folgenden Sanktionen des Westens. Die damit einhergehende Destabilisierung zeigt sich nicht nur an der höchsten Inflationsrate in Deutschland seit fünf Jahrzehnten und dem erneuten Einbruch der industriellen Produktion, die in vielen Branchen noch immer unterhalb der Zeit vor der Corona Pandemie liegt. Die Explosion der Energiepreise birgt zudem Gefahren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, der europaweit in den letzten Jahren vielfach auch durch hohe Staatsausgaben und Staatsschulden erkauft wurde. Die nun (notwendigerweise) steigenden Zinsen sorgen für zusätzliche Verunsicherungen und hohe Verluste an den Börsen.

Weitere Treiber der Destabilisierung sind die vier Megatrends, die 4 „D“ nachhaltiger Veränderung: (1) die De-Karbonisierung, bei der es darum geht, den CO2-Ausstoß zu verringern, um den Klimawandel zu verlangsamen. (2) Der demographische Wandel, der aktuell fast überall für Fachkräftemangel und perspektivisch für große Finanzierungsprobleme in der Sozialversicherung sorgt. (3) Die Digitalisierung transformiert die Wirtschaft in kaum gekanntem Ausmaß und verunsichert viele Menschen, da sie nicht nur die Kommunikation, sondern auch das gesellschaftliche Zusammenleben dramatisch verändert. Und angesichts der zunehmenden Probleme beim weltweiten Handel aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen oder der Covid19-Pandemie, die sich wirtschaftlich bei Lieferengpässen oder deutlich gestiegenen Preisen für Rohstoffe zeigen, sorgt die (4) De-Globalisierung für große Herausforderungen bei deutschen Firmen. Da rund zwölf Millionen Jobs in Deutschland vom Export abhängen – in der Industrie sogar bis zu zwei von drei Arbeitsplätzen, bedrohen diese Megatrends den Wohlstand massiv.

Gesellschaftliche Erwartungen an Unternehmen

Neben diesen Krisen müssen Unternehmen weitere Herausforderungen bewältigen: Kunden erwarten heutzutage mehr als innovative und preiswerte Waren und Dienstleistungen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erwarten von ihren Führungskräften mehr als erfolgsorientierte und steigende Löhne. Anleger und Eigentümer erwarten mehr als eine hohe und sichere Rendite. Die Unternehmen sollen all das auch moralisch einwandfrei garantieren. Wie dies im harten nationalen wie internationalen Wettbewerb und angesichts der oben genannten 4 „D“ gelingen kann, interessiert Gesellschaft und Öffentlichkeit dabei zumeist nicht.

[Dominik H. Enste ist Professor für Wirtschaftsethik und Institutionenökonomik an der TH Köln, Geschäftsführer der IW Akademie und Kompetenzfeldleiter im IW]

Das Ideal des ehrbaren Kaufmanns prägt seit Jahrhunderten die Vorstellung des vorbildlichen Unternehmers. Fragen der verantwortungsvollen Unternehmensführung rücken angesichts von einzelnen, aber dramatischen Wirtschaftsskandalen wie zuletzt die Insolvenz des DAX-Unternehmens Wirecard zunehmend ins öffentliche Bewusstsein. Die Milliardengewinne der Mineralölkonzerne sorgen angesichts der weiter steigenden Benzinpreise für moralische Empörung und Unverständnis. Staatliche Eingriffe in den Markt – zum Beispiel in Form einer Übergewinnsteuer oder auch die Deckelung von Mieten werden gefordert, weil sich die Unternehmen – so der Vorwurf – auf Kosten der wehrlosen Nachfrager bereichern. Mit anderen Worten: den Unternehmen mangele es an Integrität und Werteorientierung und sie maximierten nur ihren kurzfristigen Gewinn. Nun haben alle dieser mehr oder weniger willkürlichen, moralisch motivierten Staatseingriffe eine Vielzahl von unerwünschten Nebenwirkungen. Sinnvoller ist es aus Sicht eines Wirtschaftsethikers solche Rahmenbedingungen zu setzen, die werteorientiertes Wirtschaften ermöglichen oder sogar belohnen und die moralischen Dilemmata auflösen. Dies kann mit Maßnahmen auf drei Ebenen öfter gelingen, als dies auf den ersten Blick scheint.

Mehr Wettbewerb durch verlässliche staatliche Rahmenbedingungen

Von Seiten des Staates (Makro-Ebene) müssen vor allem die Rahmenbedingungen für fairen Wettbewerb geschaffen werden. Die Marktkräfte sorgen dann dafür, dass Gewinne nur in einem begrenzten Zeitraum erzielt werden können, weil sofort andere Anbieter von den Gewinnen angelockt auf den Markt drängen. Dies war bei FFP-2 Masken der Fall und beim Desinfektionsmittel oder auch den Impfungen gegen COVID-19 der Fall. Hohe Gewinne – wie derzeit bei fossilen Brennstoffen – sorgen dafür, dass Investitionen in alternative, regenerative Energien sich plötzlich lohnen und Solar- und Wärmepumpenhersteller sich vor Aufträgen kaum retten können. So werden mittelfristig die Gewinne der Mineralölkonzerne abgeschmolzen. Die Beschleunigung der Bearbeitung von Bauanträgen und die Ausweisung von Bauland erweitern das Angebot und machen Wohnen günstiger.

Profit: Langfristige Gewinnerzielung durch Reputationsaufbau

Unternehmen sollten sich an den drei „P“ Profit, People und Planet orientieren. Um die „Licence to operate“, also die Erlaubnis den Geschäften wie bisher nachzugehen, nicht zu verlieren oder durch mehr und mehr staatliche Bürokratie eingeschränkt und mit hohen Kosten belastet zu werden, wie dies beispielsweise mittels des Lieferkettengesetzes geschieht, sollten Unternehmen noch öfter freiwillig auf werteorientiertes Wirtschaften setzen. Denn Gewinn und Gewissen werden oftmals als Gegensätze wahrgenommen. Vielfach aber lässt sich der kurzfristige Konflikt durch den Wechsel auf eine längerfristige Perspektive auflösen.

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Natürlich gibt es Fälle, wo Unternehmen durch fragwürdiges Handeln ihren kurzfristigen Gewinn maximieren. Das klassische Beispiel ist die Laufkundschaft wie Touristen, die mit überteuerten Produkten abzockt werden. Durch die Digitalisierung und damit größere Transparenz wie durch Bewertungsportale lohnt sich das Verhalten immer weniger und der Aufbau von Reputation wird wichtiger – wie schon immer, wenn Unternehmen auf Stammkunden angewiesen sind. Langfristige Gewinnmaximierung erfordert es eben, dass die Interessen nicht nur der Shareholder und Eigentümer, sondern aller Stakeholder berücksichtigt werden. In einer funktionierenden Marktwirtschaft ist der Kunde der König, da er sich den Anbieter aussuchen kann. Und nur wer seine Bedarfe deckt, wird erfolgreich sein.

People: Fachkräftemangel erfordert Mitarbeiterorientierte Führung

Der demographische Wandel stärkt seit einigen Jahren die Position der Bewerberinnen und Bewerber; denn Fachkräfte sind knapp und die Arbeitslosenquote gering. Unternehmen müssen also mehr auf die Wünsche der Mitarbeitenden eingehen, um Nachwuchs zu finden. Wenn die Generation Y und Z andere Karriere- und Arbeitszeitwünsche haben, tun Unternehmen gut daran, sich darauf einzustellen. Wenn gutes Geld zu verdienen nicht mehr reicht, sind glaubwürdiges Wertemanagement, eine gelebte Vertrauenskultur mit entsprechenden Freiräumen für frühzeitige Verantwortungsübernahme, flexible Arbeitszeiten und -orte, wichtige Vorteile im Wettbewerb um Nachwuchskräfte. Mit einer wertschätzenden Führung kann die Arbeitszufriedenheit um mehr als ein Drittel gesteigert werden. Wer als Führungskraft durch Führung Kraft gibt statt sich als Vorgesetzter aufzuspielen, schafft Mehr-Werte für alle Stakeholder.

Planet: Information - Incentives - Innovation für den Klimaschutz

De-Karbonisierung und De-Globalisierung erfordern ebenfalls mehr Werteorientiertes Wirtschaften. Corporate Social Responsibility (CSR) – also die zusätzliche Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung durch Unternehmen – kann wesentlich dazu beitragen, gesellschaftliche, ökologische und wirtschaftliche Interessen zu verbinden. Dafür bedarf es valider Fakten und Informationen rund um die Entwicklungen, auf deren Basis dann die Rahmenbedingungen angepasst und beispielsweise der CO2-Ausstoß durch Zertifikatehandel oder CO2-Steuern verteuert und damit alternative Technologien und Energieträger attraktiver werden. Durch eine technologieoffene Wahl der Regulierungen fördert dies auch die Innovationskraft und -bereitschaft, ohne die die Herausforderungen durch die vier oben genannten „D“ nicht bewältigt werden können. Werteorientiertes Wirtschaften bedeutet damit, sich als Unternehmen über die eigenen Werte bewusst zu werden und danach nach Innen Außen zu handeln. Dabei kommt es weniger auf die kodifizierten Werte an, als vielmehr darauf, diese glaubwürdig zu leben.

Eine wertebasierte Strategie kann die Loyalität von Kunden, Mitarbeitenden, Lieferanten stärken und vermeidet, dass CSR als Marketinginstrument missbraucht und als Greenwashing überführt wird. Für viele Firmen, gerade auch kleine und mittelständische Unternehmen, ist das nichts Neues. Sie produzieren schon seit Generationen auf einem stabilen Wertefundament. Unser Studien belegen das auch empirisch: Integer Wirtschaften lohnt sich langfristig – auch wenn es sich nicht immer kurzfristig rechnen.

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