Tagesspiegel Mobil Weniger ist schwer

Dagmar Dehmer

Die Kinder in Deutschland werden immer dicker. Sie bewegen sich zu wenig und naschen zu viel. Das kostet die Krankenkassen Milliarden Euro. Deshalb wird das Thema nun zu einem Fall für die Politik.

DIE LAST MIT DER ERNÄHRUNG

Ulrike Korsten-Reck lacht. Die Freiburger Ärztin hat eines der erfolgreichsten Therapie-Programme für dicke Kinder entworfen. „Ja“, sagt sie, „der Kongress Kinder und Ernährung ist tatsächlich der erste Versuch, das Problem politisch anzugehen.“ Sie lacht, weil sie schon so lange versucht, Interesse für die Probleme zu wecken, die da langfristig auf die Solidargemeinschaft zurollen.

Sieben Prozent der Mädchen und zehn Prozent der Jungen in Deutschland sind übergewichtig, heißt es im Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) aus dem Jahr 2000. Jedes Jahr entstehen in Deutschland nach Schätzungen von Gesundheitsexperten Kosten von rund 70 Milliarden Euro durch falsche Ernährung. Nur langsam entdeckt auch die Politik das Problem. Nachdem die Weltgesundheitsorganisation vor zwei Jahren Alarm geschlagen hat, die Fettleibigkeit von Jugendlichen nehme Züge einer Epidemie an, haben auch Gesundheitspolitiker angefangen, darüber nachzudenken, wie sie das gewichtige Problem in den Griff bekommen könnten.

EU-Verbraucherkommissar David Byrne beispielsweise wendet sich nach seinem Kampf gegen die Tabakindustrie nun der Ernährungsindustrie zu. Zumindest irreführende Werbung für so genannte Kinderlebensmittel will Byrne in der gesamten EU einschränken. Außerdem setzt er sich für Aufklärungskampagnen ein, damit Eltern und Kindern mehr über eine gesunde Ernährung lernen. Das versucht auch Verbraucherministerin Renate Künast. Bereits im vergangenen Jahr begann das Ministerium, Fortbildungen für Erzieher in Kindertagesstätten zu finanzieren. Schließlich ist für viele Kinder das Essen in der Kita ihre Hauptmahlzeit. Und wenn sie rechtzeitig lernen, gesunde Lebensmittel zuzubereiten, sei das die beste Prävention, findet Künast. Außerdem verhandelt sie seit einigen Monaten mit den Kultusministern der Länder über Ernährungsthemen in den Lehrplänen. Auch die meisten Wissenschaftler halten es für notwendig, in den Schulen gesunde Ernährung zu lehren. Schließlich gebe es eine zunehmende Zahl von Eltern, die auf diesem Gebiet völlig ahnungslos seien. Es gebe immer mehr Menschen, die gar nicht kochen können, hat auch die DGE festgestellt.

Dass dicke Kinder kein Privatproblem sind, haben jedoch nicht nur die Krankenkassen erkannt. Auch die Ernährungsindustrie beschäftigt sich mit dem Thema. Notgedrungen. Auch wenn eine Klage dicker Kinder in den USA gegen die Fast-Food-Kette McDonalds vor kurzem gescheitert ist. Die Gefahr, wie die Tabakindustrie am Pranger zu stehen und für das Übergewicht verantwortlich gemacht zu werden, ist vielen dadurch bewusst geworden. Als erster Konzern hat Kraft-Foods reagiert: In den USA will der Nahrungsmittelkonzern den Fett- und Zuckeranteil seiner Produkte reduzieren und zudem die Packungsgrößen verkleinern. In Deutschland ist das nach Auskunft der Kraft-Sprecherin, Nicola Oppermann, noch kein Thema. Allerdings hat das Unternehmen einen Beirat gebildet, der sich mit dem Problem Übergewicht und Fertiggerichte auseinander setzen soll. Bis zum Ende des Jahres will Kraft entscheiden, ob Rezepturen verändert werden. Oppermann betont: „Wir positionieren unsere Produkte ohnehin nicht so stark in Richtung Kinder.“

Ulrike Korsten-Reck genügt das alles noch lange nicht. „Ich sehe täglich zehn bis 15 schwerst übergewichtige Kinder“, sagt sie. Aus ihrer Sicht müssen diejenigen, die viel Erfahrung haben, ihre Erkenntnisse austauschen und diese in Schwerpunktpraxen umsetzen, in die Eltern mit ihren Kindern kommen können. Korsten-Reck ist auch dafür, die Kosten für die Behandlung nur dann von den Krankenkassen tragen zu lassen, wenn sich Eltern und Kinder zu einer langfristigen Therapie verpflichten. „Wir schließen mit den Eltern einen Vertrag ab“, berichtet sie. Und natürlich braucht es dafür auch eine vernünftige Finanzierung. Deshalb ist sie froh, dass beim Ernährungsgipfel in der kommenden Woche auch Gesundheitsministerin Ulla Schmidt mit am Tisch sitzt.

Informationen und Hilfe für dicke Kinder gibt es bei folgenden Institutionen:

Freiburg Intervention Trial for Obese Children(Fitoc): www. fitoc.de

Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kinder und Jugendalter (AGA): www.a-g-a.de

Forschungsinstitut für Kinderernährung Dortmund: www.fke-do.de

AOK und Stiftung Kindergesundheit:

www.powerkids.de

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: www.bzga.de

Deutsche Gesellschaft für Ernährung: www.dge.de

Ministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft: www.verbraucherministerim.de

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