Die männlichen Przewalski-Pferde sollten von den Stuten getrennt werden, um die Population einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Foto: Wiktor Hawrylenko, „Discover Kherson“
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Naturschutzgebiet Askanija-Nowa Auf Safari in der Ukraine

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Askanija-Nowa – eines der größten Naturschutzgebiete des Kontinents wurde von einem deutschen Baron aufgebaut.

Einzigartig trifft es wohl am besten. Die riesige unberührte Steppenfläche, eines der größten und ältesten Naturschutzgebiete auf dem europäischen Kontintent, bietet auf mehr als 300 Quadratkilometern eine solche Vielfalt von exotischen Tieren und Pflanzen, dass das Areal als eines der sieben Wunder der Ukraine anerkannt ist.

Das Nationalnaturschutzgebiet um Askanija-Nowa hat eine deutsche Geschichte. Der Ort, rund 30 Kilometer von der Halbinsel Krim entfernt, heißt auf Deutsch „Neu-Askanien“. 1828 hatte dort Herzog Ferdinand von Anhalt-Köthen ein Gut mit Namen Askanija-Nowa als Kolonie des Herzogtums Anhalt-Köthen gegründet. Er hatte in Russland beim Zaren Nikolaus I. nach einer Kolonie für seine Schafzucht angefragt, da es in der Heimat kein passendes Weideland gab. Und da Russland damals Interesse an veredelten Schafsrassen aus Deutschland für die Entwicklung der Textilindustrie hatte, genehmigte der Staat, dass die Anhaltiner in der Süd-Ukraine geeignetes Terrain geschenkt bekamen.

Und so machten sich im August 1828 gerade einmal 25 Menschen mit mehr als 2000 Schafen, Kühen und Bullen aus Anhalt auf den Weg in die südukrainische Steppe. Bis 1830 hat sich die Zahl der Schafe vervierfacht. Obwohl das Geschäft zehn Jahre lang steuerfrei war, musste das Herzogtum es wegen Misswirtschaft mehrmals finanziell unterstützen – bis es 1856 für 1,5 Millionen Goldmark an den deutschen Baron und Gutsbesitzer Friedrich Fein verkauft wurde. Nach der Hochzeit seiner Tochter mit dem Kaufmann Johann Falz veranlasste Friedrich Fein, dass der bereits bekannte Familienname weitergeführt wird – und so wurden beide Namen gekoppelt und die Großgrundbesitzer-Familie firmierte fortan als Falz-Fein. Die Familie war recht erfolgreich.

Ein Park mitten in der Steppe

Das Schafzuchtgeschäft war sehr gut durchdacht, und so erweiterten sie die Weidefläche für die immer weiter wachsende Anzahl der Schafe Schritt für Schritt. Als klar wurde, dass man bereits bearbeitete Wolle viel teurer verkaufen könnte als unbearbeitete, ließen sie entsprechende Werkstätten errichten. Um Wolle schneller transportieren zu können, hatte Sophie von Falz-Fein später beschlossen, einen Hafen zu bauen. Dort konnten gleichzeitig bis zu acht Schiffe anlegen. Neben dem Hafen ist zudem eine Austern-Konservenfabrik eröffnet worden. Sophie von Falz-Fein unterstützte aber zudem auch noch ehrenamtlich Schulen, Gymnasien und Kirchen in der neuen Heimat.

Ihr Sohn Friedrich von Falz-Fein (also der Urenkel von Friedrich Fein) hatte eine ganz besondere Leidenschaft: wilde Tiere und Vögel. Er begann neben der Zucht des Nutzviehs 1874 einen Zoo und 1887 einen Botanischen Garten zu errichten.

Das schien zunächst eine verrückte Idee zu sein. Wie kann man in der Steppe ohne Wasser, ohne Wald und mit raren Regenschauern einen Garten pflanzen? Am Anfang ist das Wasser noch mit Kamelen und Büffeln mehr als 70 Kilometer vom Fluss Dnipro in Fässern transportiert worden, später hat man eine unterirdische Wasserquelle entdeckt und die Bewässerungsanlage so installiert, dass das Wasser entlang der engen Kanäle von alleine floss.

Die ganz jungen Bäume wurden jahrelang mit großen Holzschildern vom Steppenwind geschützt. Jetzt gibt es dort mitten in der Steppe einen Park, so schön wie der Berliner Tiergarten, nur ist er fast 60 Jahre älter.

Die Große Tschaplynka-Depression, ein Feuchtgebiet im Naturschutzgebiet, ist eine natürliche flache Vertiefung. Foto: Wiktor Hawrylenko, „Discover Ukraine“
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Seit 1984 steht das Areal unter Naturschutz

Friedrich von Falz-Fein hat gemerkt, wie schnell und unwiderruflich der Mensch durch seine landwirtschaftliche Aktivität die Landschaft und die Natur verändert. Er entschied, die mehr als 300 Quadratkilometer der Steppe vor jeglicher Art der Bewirtschaftung zu bewahren und hier ein Naturschutzgebiet einzurichten. 1896 erwarb er eine Herde wilder Antilopen, um sie zu domestizieren. Diese Herde existiert heute noch und wird von berittenen Hirten betreut. Ende des 19. Jahrhunderts veranlasste Friedrich von Falz-Fein mehrere Fangexpeditionen nach wilden Przewalski-Pferden im Bereich der Wüste Gobi (China und Mongolei). Diese Pferde gibt es immer noch, und sie fühlen sich dort so wohl, dass man Hengste von Stuten trennen sollte, um die Population einigermaßen unter Kontrolle zu bekommen. Jetzt gelten die Steppen von Askanija-Nowa als die wildesten Europas. Man sagt, sie sind genau so unberührt, wie sie zur Zeit der Nomaden waren.

Seit 1984 ist das Areal im Internationalen System der UNESCO-Naturschutzgebiete eingetragen. Besitzer ist der ukrainische Staat, der sich auch um alles rund um das Terrain kümmert. Besucher können dort durch die Steppe mit einer Pferdekutsche fahren und die Tiere im Freien beobachten. Manche, wie Bisons beispielsweise, allerdings nur aus der Ferne. Die berühmten Przewalski-Pferde haben jedoch keine Angst vor Menschen und nähern sich ihnen gerne. Die beste Zeit für den Besuch des Naturschutzgebiets ist im April und Mai oder September und Oktober. Im Sommer ist Hitze im Süden der Ukraine besonders stark – bewegt man sich dort auf einer freien Fläche, verschmelzen Himmel und Erde nahezu.

Sophie von Falz-Fein wurde von Bolschewiken ermordet

Doch was ist mit der Familie im 20. Jahrhundert geschehen? Während der Oktoberrevolution wurde das Anwesen stark verwüstet; die Falz-Feins mussten vor den Bolschewiken nach Deutschland fliehen. Sophie von Falz-Fein war die Einzige, die ihr Haus, das sich gleich neben dem Hafen befand, nicht verlassen wollte. Sie wurde von Bolschewiken ermordet. Das Ehrengrab ihres Sohnes Friedrich von Falz-Fein befindet sich auf dem alten Zwölf-Apostel-Friedhof in Berlin-Schöneberg.

Das derzeitige Oberhaupt der Familie, Baron Eduard Alexandrowitsch von Falz-Fein, lebt im Fürstentum Liechtenstein. Er setzt sich weiterhin für die Erforschung der Geschichte der Deutschen in Askanija-Nowa und in der Südukraine ein.

Die aus der Ukraine stammende Autorin arbeitet in der Stadt- und Landentwicklung und interessiert sich für die deutschen Migrationserfahrungen in ihrer Heimat.

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