Blumen, Briefe und ein Stofftier liegen auf dem S-Bahn Steig Jungfernstieg zum Gedenken an die zwei Opfer einer tödlichen Messerattacke in Hamburg. Foto: Christian Charisius/dpa
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Nach Bluttat in Hamburg Jedes vierte getötete Kind stirbt nach Trennung oder Rechtsstreit

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In Hamburg eskalierte ein Streit um das Sorgerecht. Die Tat ist bei weitem kein Einzelfall, die Zahlen zu Gewalt gegen Kinder steigen.

Die Richterin werde seinem Antrag auf gemeinsames Sorgerecht für die einjährige Tochter nicht stattgeben, das erklärte sie dem 33-Jährigen am Mittwoch in einem Saal des Amtsgerichts St. Georg in Hamburg. Am Tag danach steckte er vermutlich ein Messer ein und tötete das Mädchen und dessen Mutter am Bahnhof Jungfernstieg. Er hatte seine Ex-Partnerin schon in den Monaten vor der Tat bedroht, sagte ein Sprecher des Gerichts. Am Freitag sollte er dem Haftrichter vorgeführt werden.

Eine schreckliche Beziehungstat – und kein Einzelfall. Jedes vierte getötete Kind stirbt nach Trennungen oder in Folge gerichtlicher Auseinandersetzungen von Ex-Partnern, erklärt Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe. Das geht aus einer wissenschaftlichen Untersuchung von 2013 hervor, an der Becker beteiligt war.

Die polizeiliche Kriminalstatistik von 2016 bestätigt diese Ergebnisse. Allgemein sind die Zahlen zu Gewalt gegen Kinder gestiegen. Im Durchschnitt werden jeden Tag in Deutschland mindestens zwölf Kinder misshandelt, drei von ihnen sterben pro Woche. Die Zahl der Todesopfer ist von 130 im Jahr 2015 auf 133 im Jahr 2016 gestiegen. Etwa 25 Prozent dieser Tötungen finden im Zusammenhang mit Trennungen der Eltern statt.

Schnell stehen dann – neben den Tätern – Ämter und Sachbearbeiter in der Kritik. Hätten sie es verhindern können? Warum hat es niemand kommen sehen? Rainer Becker findet diese Reaktion unfair. Die Jugendämter seien „ausgehungert“, es gebe zu wenig Personal. Um Kinder besser zu schützen, setzt er auf Statistik.

Standardisierter Fragebogen soll besseren Schutz bieten

Ein standardisierter Fragebogen solle helfen, jene schneller und besser zu erkennen, die emotional gefährdet seien und ihren Kindern etwas antun könnten. Becker und seine Kollegen arbeiten an einem solchen Instrument. Es könne aus etwa 15 bis 20 Fragen bestehen, sagt er. Lückenloser Schutz werde nie möglich sein, doch eine solche Einordnung könne Ämtern trotz der geringen Ressourcen helfen, bessere Arbeit zu leisten.

Wer nach Auswertung der Antworten als besonders gefährlich gilt, soll schnell einen Termin beim Gutachter des Familiengerichtes bekommen. Der Umgang mit dem Kind könne unterdessen eingeschränkt werden, erklärt Becker.

Ob sich derartige Gewalttaten in bestimmten sozialen Milieus häufen oder sich durch die gesamte Gesellschaft ziehen, kann der Experte nicht sagen. „Die polizeiliche Kriminalstatistik, aus der wir unsere Daten beziehen, erhebt solche Faktoren nicht.“ Das mache es schwieriger, jenen präventiv Hilfe anzubieten, die Hilfe brauchen.

So viel könne er jedoch sagen: Die Täter seien zu 65 Prozent Männer, rund die Hälfte aller Täter begehe nach der Tat Selbstmord. Besonders gefährdet seien Personen, die sich nur über ihre Familie definieren. Jene, die ihren Partner und das Kind als Besitz betrachten und Menschen, die sich durch die Trennung in ihrer Ehre verletzt fühlen. Oft wollten Täter durch die Tötung des Kindes den Ex-Partner treffen, sagt Becker. „Ihre Logik ist: Du hast dich von mir getrennt, und das ist die Strafe.“

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