Robert Doisneau fotografierte den Maler Pablo Picasso 1952 in einem Streifenhemd in seinem Atelier im französischen Vallauris. Das Foto war in der Ausstellung „Picasso. Fenster zur Welt“ im Hamburger Bucerius Kunst Forum zu sehen. Foto: Robert Doisneau
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Armor Lux Streifen am Horizont

Bettina Hagen
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Blau-weiß gestreifte Ringelshirts sind beliebte Outfits – und das seit einem Jahrhundert. Ein Besuch bei Armor Lux an der bretonischen Küste.

Eigentlich haben Berufs- und Freizeitkleidung nicht viel gemeinsam. Während erstere für die Anforderungen im Arbeitsalltag und der sichtbaren Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe entworfen wird, stehen im Freizeitbereich Bequemlichkeit und modische Trends im Vordergrund. Dennoch schaffen manche Kleidungsstücke den Sprung von einer Kategorie in die andere – selten jedoch so erfolgreich wie La Marinière, das blau-weißgestreifte Ringelshirt der bretonischen Fischer. Mit seinen ikonografischen 21 blauen Streifen und den dreiviertellangen Ärmeln hat es Geschichte geschrieben und ist fest im kollektiven Modegedächtnis verankert. Dabei sahen die Anfänge ganz anders aus, so will es jedenfalls eine der vielen Legenden. Bretonische Küstenfischer trugen von jeher blau-weiß gestreifte Hemden, damit sie im Wasser besser zu erkennen waren, wenn sie über Bord gingen. „Fast jeder Küstenort hatte sein eigenes Muster“, sagt Marco Petrucci, deutsch-italienischer Exportleiter von Amor Lux, das die traditionellen Ringelshirts noch heute produziert. „Von den ertrunkenen Fischern blieb meist nur das Hemd zurück und so wusste man zumindest, aus welchem Ort sie stammten.“ Da viele junge Bretonen bei der Marine waren und auch dort ihre Marinière trugen, sah diese sich gezwungen, dem Streifenchaos Einhalt zu gebieten – und uniformierte 1848 das Shirt nach genauem Maß. Die Tradition der regionalen Streifen ging damit verloren, der Siegeszug des Ringelshirts aber begann. Noch heute gehört es zur Ausgehuniform und wird zu besonderen Anlässen getragen.

Ein T-Shirt aus der aktuellen Heritage-Kollektion von Armor Lux. Foto: promo
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Es war Coco Channel, die die Marinière bei einem ihrer Sommerurlaube an der Küste entdeckte und 1917 mit einer Kollektion in Paris salonfähig machte. Die Modewelt wurde aufmerksam und viele Prominente zeigten sich fortan gestreift. Picasso trug es, ebenso die Schauspielerinnen Audrey Hepburn, Jeanne Moreau, Brigitte Bardot bis hin zum jungen James Dean. Très chic waren die Streifen ab den 1960er Jahren in Jetset-Orten wie St. Tropez, Monaco oder Sylt. 1983 dann ein erstes Revival in der Prêt-à-porter-Kollektion von Jean Paul Gautier, der dem Streifenshirt ein Denkmal setzte und in den Olymp der Popkultur hob.

Überall sieht man die geringelten Shirts: An Einheimischen und Touristen

Trotz des weltweiten Erfolgs ist die Geschichte des Shirts nach wie vor eng mit der Bretagne verwoben. Die Halbinsel, ganz im Nordwesten Frankreichs, ist geprägt vom rauen Atlantik und der Küstenfischerei. Zwar tragen die dortigen Fischer längst moderne Produkte aus Hightechmaterialien wie von der bretonischen Firma Guy Cotten, doch La Marinière ist fast überall präsent. An den Körpern der Einwohner, der vielen Touristen und in den zahlreichen Boutiquen. Schon am Flughafen Brest kann man im Souvenirshop Ringelshirts der Marke Armor Lux kaufen, die seit 80 Jahren auf maritime Mode spezialisiert ist und ihren Firmensitz im rund 70 Kilometer entfernten Quimper hat. Dort werden sie produziert, die traditionellen Streifenshirts mit U-Boot-Ausschnitt und der definierten Streifenbreite von zehn Millimetern. Doch das Sortiment wurde im Laufe der Jahre erweitert. Geringelt wird heute in allen Farben, mit schmalen und mit breiten Streifen. Der Verkaufsschlager aber ist nach wie vor die klassische Version. Zwei Damen- und Herrenkollektionen mit Pullovern, Blusen, Mänteln und Jacken im Marinestil gibt es pro Jahr, auch Kleidung für Kinder und Babys wurde aufgenommen. Knapp 5000 Produkte verlassen täglich das Werk.

Der französische Designer Jean-Paul Gaultier hat das Marinière neu interpretiert. Hier zusammen mit dem Schauspieler Jean-Claude Dreyfus 1995 bei den Filmfestspielen in Cannes. Foto: AFP
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Gegründet wurde das Unternehmen allerdings nicht von einem Bretonen, sondern von dem Schweizer Walter Hubacher, der 1938 unter dem Namen Amor Lux in Quimper eine Manufaktur für hochwertige Unterwäsche gründete. Die gibt es noch heute zu kaufen, doch die Konfektionskleidung wurde ab den 1970er Jahren sukzessive ausgebaut und ist inzwischen auch europaweit erfolgreich. „Deutschland ist unser Exportland Nummer eins, gefolgt von England und den Beneluxländern“, sagt Marco Petrucci, der seit zehn Jahren für Amor Lux tätig ist. 1993 übernahmen die Bretonen Guy Le Floch und Michel Gueguen die Firma, mussten sich allerdings auf Wunsch der Familie Hubacher verpflichten, den Hauptsitz in der Stadt Quimper zu belassen. Die bretonische Erfolgsgeschichte hätte so weitergehen können, wäre nicht 1998 die Produktion durch ein Hochwasser fast komplett zerstört worden. Drei Monate standen die Strickmaschinen still und brachten das Unternehmen an den Rand der Insolvenz. Nach Klärung mit den Versicherungen entschied man, ein zusätzliches modernes Werksgelände oberhalb der Stadt zu errichten. Knapp 400 Mitarbeiter sind jetzt an den beiden Standorten tätig, europaweit sind es 600.

Bei Armor Lux werden auch die Uniformen für die französische Post gefertigt

Bei Amor Lux ist man stolz darauf, dass vieles noch in Handarbeit produziert und verpackt wird. Auch die Ringelshirts. Im Fabrikverkauf kann man durch ein Fenster zusehen, wie die bunten Garnfäden in die Strickmaschinen laufen und zu runden Stoffschläuchen werden. Es ist die Geburtsstunde des Ringelpullis. Danach wird der Stoff gefärbt und industriell vorgewaschen. Im Anschluss werden aus den Schläuchen Stoffbahnen geschnitten und sorgfältig, Streifen auf Streifen, übereinandergelegt. Das Ausschneiden der Shirt-Form ist Handarbeit. Da ist Genauigkeit gefragt, doch die Näherinnen erkennen mit ihrem geschulten Blick selbst kleinste Abweichungen. „Der Materialausschuss ist deutlich geringer als beim maschinellen Zuschnitt“, erklärt Petrucci. „Maschinen sind bei der feinen Strickware viel zu unflexibel.“ Die Stoffabfälle, die dennoch anfallen, werden gehäckselt und zu neuem Garn verarbeitet. „Keine Erfindung von uns“, sagt Petrucci, „das hat man schon vor Jahrhunderten so gemacht.“ Doch das Thema Nachhaltigkeit ist längst Teil der Unternehmenskultur – seit 2009 gibt es einen Zertifizierungsvertrag für biologisch angebaute Baumwolle mit Ecocert, ein werksinterner Wasserkreislauf recycelt das für die Produktion benötigte Wasser.

Qualität. Eine Näherin von Amor Lux im bretonischen Quimper. Foto: AFP/Fred Tanneau
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Es hat fast eine gewisse Komik, dass analog zur Historie des Streifenshirts auch Amor Lux ein Standbein in der Produktion von Berufskleidung hat. Die Uniformen der französischen Post, der französischen Bahn und der Supermarktkette Carrefour werden in Quimper gefertigt. 50 Prozent der gesamten Produktion nimmt dieser Unternehmenszweig ein. Für die Aufträge aus öffentlicher Hand wurde eigens ein zertifiziertes unabhängiges Labor auf dem Betriebsgelände eingerichtet, das die Stoffe auf ihre Beschaffenheit und Farbechtheit prüft. Auch die Stoffe für den Freizeitbereich werden dort einem Stresstest unterzogen.

Im Zuge der internationalen Expansionsstrategie will man weiterhin zweigleisig fahren. Mittlerweile tragen bereits die Mitarbeiter des Museum of Modern Art in New York und des Guggenheim Museum Venedig Amor Lux. Demnächst sollen Uniformen für Hotels hinzukommen. In Planung sind außerdem Accessoires für Haus und Wohnung. Bettwäsche im maritimen Streifenlook gibt es bereits, an weiteren Stoffprodukten wie Tischdecken und Handtüchern wird gearbeitet. Sogar über ein eigenes Parfum spricht man. Amor Lux ist auf dem Weg zur Lifestyle-Marke. Und bleibt dabei hoffentlich seinen bretonischen Wurzeln treu.

In Berlin bekommt man die geringelten Shirts bei Manufactum Hardenbergstraße 4-5 in Charlottenburg.

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