Adelheid Rasche, Kunst- und Modehistorikerin, lebt in Nürnberg. Foto: promo
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Adelheid Rasche im Interview Ein ungeheuer starkes Museumsobjekt

Grit Thönnissen
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Warum Modeausstellungen sinnvoll sind.

Adelheid Rasche war mehr als 25 Jahre lang Leiterin der Lipperheideschen Kostümbibliothek in Berlin und konzipierte rund 25 modebezogene Ausstellungen. Seit einem Jahr ist sie Sammlungsleiterin für Kleidung, Textilien und Schmuck am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Hier berichtet sie von ihrer Arbeit.

Was braucht man konkret, um eine Ausstellung zu realisieren?

Üblicherweise braucht eine Ausstellung einer gewissen Größe, ab 100 Exponaten, einen Vorlauf von mindestens einem Jahr, manchmal auch bis zu drei Jahren, wenn die Recherchen aufwendig sind. Und nicht zu vergessen: Modeausstellungen brauchen mehr Gestaltungsbudget als Ausstellungen mit bildender Kunst, da Kleidung und viele Accessoires mit passenden Präsentationsformen versehen werden müssen: Körperformen wie Schneiderfigurinen oder Schaufensterfiguren, abstrakte Formen wie Hohlkörper oder andere Gestaltungselemente. Vermittelnde Bildmedien und eine professionelle Ausleuchtung sind für mich ebenso unverzichtbare Elemente.

Warum sollte Mode Ihrer Meinung nach überhaupt im Museum ausgestellt werden?

Das Museum ist ein Ort der Selektion, es soll das Konzentrat einer Zeit, eines Themas, eines Landes, einer Spezies sammeln und in unterschiedlichen Ausstellungskontexten zeigen. Das Museum bildet einen Gegenpol zur Konsumwelt, einen Ort der Entspannung, des Lernens, des Erlebens und des Genießens. Das Prinzip Mode als stetiges Movens ist eine besondere Kulturleistung des Menschen, sie formt sich in Kleidung, Accessoires und vielen anderen Artefakten. Gerade die Kleidermoden zählen einerseits zu den vergänglichsten Kulturgütern. Andererseits ist die Mode dem Menschen körperlich so nahe, dass sie jeden von uns unmittelbar berührt. Das macht sie zu einem ungeheuer starken Museumsobjekt, weil sofort Identifikation oder Distanz entsteht, und damit eine Rückkoppelung auf die eigene Identität.

Dazu braucht es aber ein gutes Konzept?

Mode wird von Menschen entworfen, von Menschen ausgeführt, durch Menschen vermarktet und kommuniziert, von Menschen gekauft und getragen. All diese Phasen kann das Museum mit seiner kuratierten Auswahl zum Ausgangspunkt von Ausstellungen nehmen. Das Museum kann das zentrale Mode-Exponat quasi aus all den genannten Perspektiven hinterfragen und erläutern, aus seiner Entstehungszeit ins Jetzt holen.

Sehen Sie Unterschiede zwischen Kunst und Mode als Museumsobjekten?

Mode wird im Museum aus dem Wirtschaftskreislauf herausgelöst, ihr Lebenszyklus ist unterbrochen, weil sie keinen Träger finden muss. Deshalb kann es in sehr wenigen Fällen richtig sein, sie als Kunstwerk zu präsentieren. Mode ist jedoch grundsätzlich ein Designobjekt, das eine Mischung von funktionalen und ästhetischen Elementen darstellt. Diese Bipolarität macht sie spannend.

Was bedeutet Forschung im Bereich Mode, wie geht man da vor?

Forschung heißt grundsätzlich, Fragen zu stellen. Jedes Thema benötigt eigene Forschungsansätze und Fragestellungen. Lange Zeit beherrschte die von der Kunstgeschichte entwickelte Stilgeschichte auch die Modegeschichte. Heute steht uns zum Glück eine Vielzahl von Herangehensweisen zur Verfügung: monografische Porträts von Modemachern aller Art, wirtschaftshistorische Analysen, soziologische Verortung, modetheoretische Herangehensweise, Studien zur materiellen Kultur und Ansätze, die den Modekonsumenten in den Blick nehmen.

Wie baut man eine Sammlung auf?

Sammeln, ob privat oder öffentlich, sollte immer einer klaren Strategie folgen, die je nach Kontext regional, monografisch, enzyklopädisch oder nach anderen Kriterien ausgerichtet sein sollte. Sammeln darf nicht zum Ansammeln führen! Meine Doppelfunktion als Sammlungsleiterin und Ausstellungskuratorin ist eine enorme Chance. So kann ich neue Sammlungsobjekte in Hinblick auf eigene Ausstellungsideen auswählen. Beispielsweise plane ich in einigen Jahren eine Ausstellung zur Wechselwirkung von Schmuck und Mode vom Rokoko bis heute und habe bereits begonnen, Bestandslücken durch gezielte Erwerbungen zu füllen.

Wie wichtig ist Forschungsarbeit für Sie?

Ohne Forschung wäre für mich die Arbeit mit historischen und zeitgenössischen Objekten undenkbar; selbst Mode der relativ nahen Vergangenheit lässt sich nur mittels Fragestellungen zu ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen – oder zur Gedankenwelt ihrer Entwerfer, oder mit der Kenntnis technischer Innovationen, oder schlicht im Verhältnis zu ihrer Zeit – so vermitteln, dass sie mehr ist als ein „altes Kleidungsstück“.

Wie wirkt sich das auf eine Ausstellung aus?

Eine Ausstellung ist dann überzeugend, wenn vorher eine überzeugende Konzeption mit entsprechenden Fragestellungen erarbeitet wurde und diese in räumliche Form übersetzt wird. Nichts ist schrecklicher als eine Menge ausgebreitetes Material, ohne dass ein roter Faden erkennbar wird. Nicht immer braucht es viel Erklärung durch Texte, aber es braucht spürbare Ideen, durchdachten Raum, gestaltete Atmosphäre.

Warum sollte es die Aufgabe von staatlichen Museen sein, Mode auszustellen?

Das würde ich nicht so formulieren; es kann durchaus sehr überzeugende Ausstellungen mit Mode geben, die durch andere Akteure entstehen. Schlimm wird es nur, wenn der Begriff „Ausstellung“ als Etikett auf eine unüberlegte Anhäufung von Objekten gesetzt wird und man als Besucher das Gefühl bekommt, dass es eigentlich um ganz andere Dinge geht, wie PR oder Selbstdarstellung.

Bereiten Sie gerade eine Ausstellung vor?

Seit einem Jahr bin ich als Sammlungsleiterin für Kleidung, Textilien und Schmuck in Nürnberg tätig. Hier ist mir im letzten Sommer eine spektakuläre Erwerbung gelungen: ein um 1760 datiertes, original erhaltenes Damenkleid aus hellblauer Seide mit Blüten- und Spitzenmuster, das über 250 Jahre in Familienbesitz war. Rund um dieses Kleid und einen rotseidenen Reifrock zeigen wir ab 5. Juli die Ausstellung „Luxus in Seide. Mode des 18. Jahrhunderts“, in der rund 100 Exponate die luxuriöse Damenmode des Rokoko in ihrer damaligen gesellschaftlichen Bedeutung zeigen. Eine Besonderheit im Katalog, den wir gerade vorbereiten, werden die ungewöhnlichen Einsichten ins Innere der Kleider mittels Röntgenaufnahmen sein.

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