Als kleines Mädchen bewunderte Astrid Holleeder ihren älteren Bruder Willem. Jetzt hat er ihre Ermordung in Auftrag gegeben. Foto: Privatbesitz Familie Holleeder
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Schwester des Heineken-Entführers Mein Bruder, der Mörder

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Amsterdams Unterwelt-König steht vor Gericht, weil seine Schwester gegen ihn ausgesagt hat. Seitdem lebt Astrid Holleeder in Angst. Keiner soll erfahren, wie sie heute aussieht – wir treffen sie an einem geheimen Ort.

Frau Holleeder, gestern haben Sie im Hochsicherheitssaal in Amsterdam gegen Ihren eigenen Bruder vor Gericht ausgesagt. Er hat aus dem Gefängnis heraus Ihren Mord befohlen. Warum leben Sie noch?

Nur, weil ich das Haus nicht verlasse. Seitdem ich vor fünf Jahren angefangen habe, geheime Zeugenaussagen gegen ihn zu machen, bin ich in Gefahr.

Im Gerichtssaal saßen Sie in einer abgeschirmten Kabine, so dass weder Ihr Bruder noch seine Rechtsanwälte Sie sehen konnten. Wie bereitet man sich auf so etwas vor?
Ich saß in dieser Kabine schon neun Mal zuvor, insgesamt habe ich bereits 40 Zeugenaussagen gemacht. Ich wusste also, wie es sich anfühlen würde. Aber dieses Mal war es das erste Mal mit ihm in der Öffentlichkeit.

Ab sechs Uhr morgens haben die Leute in Amsterdam angestanden, um einen Platz im Gerichtssaal zu bekommen. Ihr Bruder, Willem Holleeder, ist der bekannteste Kriminelle der Niederlande, seitdem er 1983 den Brauereibesitzer Freddy Heineken entführte. Danach beherrschte er 30 Jahre die Amsterdamer Unterwelt. Nun ist er wegen fünf Morden, Mordversuchen und der Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation angeklagt. Auch dank Ihrer Unterstützung.

Ich nehme selbst nichts von dem Rummel wahr, ich werde ja in das Gebäude gebracht und kriege von der Umgebung kaum etwas mit. In meiner Kabine sehe ich nichts und habe keine Ahnung, was draußen vor sich geht. Unsere Familie lebte bislang in einer absurden Welt, in der wir einander aber perfekt verstehen. Man spricht nie aus, was man weiß. Aber es ist schwer, das nun jemand anderem zu erklären.

Willem Holleeder entführte 1983 den Biermagnaten Freddy Heineken und dominiert seitdem Amsterdams Unterwelt. Foto: picture alliance/ANP
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Sie galten jahrelang als Willems Vertraute. Während Sie längst als Anwältin für Strafrecht arbeiteten, hat Ihr Bruder Sie beinahe täglich mit seinen Anliegen behelligt. Seit 2013 haben Sie die Gespräche mit ihm heimlich aufgenommen, um Beweismaterial zu schaffen. Damals haben Sie entschieden, gegen ihn auszusagen. Jetzt müssen Sie die Sprachcodes Ihrer Familie für die Richter übersetzen.

Wenn mein Bruder sich an mich wandte, haben wir nie am Telefon geredet oder in Innenräumen, meistens im Gehen. Ankündigungen eines Mordes wurden nie direkt ausgesprochen. Er sagte dann zum Beispiel: „Er ist dran.“

Sie machen dazu jetzt mit der Hand eine Pistolen-Geste!

Die kommt automatisch, so hat er das auch immer getan. Eine andere verklausulierte Formulierung ist „ein Schlag aus dem Dunkel“. Das heißt, wenn du es nicht erwartest, werden sie kommen, um dich zu töten. Die Opfer haben den Konflikt vergessen oder gedacht, alles ist wieder gut. Gerade das ist der gefährlichste Punkt. Er sagte immer: „Wenn ich nett tue, bedeutet es Gefahr.“ Und er sagte: „Du weißt, was ich tue.“ Ich wusste auch Bescheid, wenn er über jemanden sagte: „Er wird einer von den anderen sein.“

Den anderen Toten?

Ja, für mich ist es natürlich, dass man das Wort niemals ausspricht. Das ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Ich habe im Gericht bemerkt, dass es mir immer noch schwer fällt, das zu benennen. Genauso merke ich, dass ich mich immer noch automatisch zurückhalte, wenn ich über meinen Bruder rede. Ich versuche weiter, ihn auf eine Art zu schützen. Denn er ist extrem gefährlich, aber zugleich mitleiderregend. Ich kann ihn lesen, kenne jede Reaktion von ihm. Als ich gestern im Gerichtssaal seine Stimme hörte, habe ich Angst bekommen.

Sie nannten ihn "die Nase". Nun steht Willem Holleeder, wegen Mordversuchen, Morden und der Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation, deren Zweck es war, Verbrechen zu begehen, vor Gericht. Foto: pa/ANP ALOYS OOSTERWIJK
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„Namen“, hat er gerufen. „Welche Namen?“

Ich weiß, dass er will, dass ich Namen nenne, dann ist mein Risiko noch höher, getötet zu werden. Eben nicht nur von ihm, sondern auch von den anderen Beteiligten. In einem Prozess Namen zu nennen, ist in unserer Welt ein Todesurteil. Aber ich verstehe zugleich, warum er sich so verhält. Ich kenne seine Defekte. Deshalb ist es für mich jetzt so schwierig, gegen ihn auszusagen. Ich weiß, warum er so wurde, wie er ist.

Wegen Ihres gewalttätigen Vaters.

Ja, und allem, was damit einherging.

Astrid Holleeder spricht, wie es Ärzte und Extremsportler manchmal tun, mit der Klarheit jener, deren Handlungen irreversible Konsequenzen haben. Sie wurde vor 52 Jahren als jüngstes von vier Kindern in Amsterdam geboren. Der Vater arbeitete in der Heineken-Brauerei, trank und terrorisierte die Familie mit Gewaltausbrüchen. Die Mutter und die Geschwister Willem, Sonja, Gerard und Astrid lebten deshalb in ständiger Wachsamkeit. Astrid bewunderte ihren großen Bruder Willem für seine Unabhängigkeit. 1983, Astrid war 17, entführte er mit seinem Freund und Komplizen Cor van Hout Freddy Heineken und erpresste 35 Millionen Gulden, heute etwa 16 Millionen Euro. Seitdem ist die gesamte Familie Holleeder berüchtigt, als handle es sich um einen verschworenen Clan. Tatsächlich hatte Willem längst die Rolle des Vaters eingenommen und schüchterte seine Familie ständig ein. Astrid ist die einzige, die Abitur gemacht und studiert hat. Sie hat lange leidenschaftlich Basketball gespielt und wurde Anwältin für Strafrecht. Im November 2016, da hatte sie wegen Lebensgefahr ihren Beruf schon aufgeben müssen, kam in Holland ihr Buch „Judas“ heraus – auf Deutsch erscheint es am 12. April. Soghaft beschreibt sie darin die alternative Normalität, in der die Familie lebte. Die zu kennen, ist notwendig, glaubt Astrid Holleeder, um die psychologischen Mechanismen ihres Bruders zu verstehen.

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