Hitlers Linse. Kameramann Sepp Allgeier (Zweiter von links) beobachtet Regisseurin Leni Riefenstahl. Foto: picture alliance / CPA Media Co.
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NS-Filmpropaganda: Täter oder Künstler? Freiburg streitet über das Andenken an einen legendären Kameramann

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Er filmte auf Rollschuhen und Skiern: Sepp Allgeier war eine Legende – und Adolf Hitler sein größter Fan.

Im Zimmer 4420 des Kollegiengebäudes IV der Universität Freiburg kramt ein Mann in einem Regal und zieht sechs DIN-A4-Blätter von einem Stapel. Er trägt einen grauen Haarkranz und ein Cord-Sakko, die Uniform des Historikers. In seinem Büro riecht es nach uralten Büchern. Er legt die Blätter auf den Tisch. „Das“, sagt er, „ist unser Urteil.“

Vier Jahre hat sich Bernd Martin, 77, emeritierter Professor für Neuere und Neueste Geschichte, für dieses Urteil Zeit gelassen. Er hat Archive durchsucht, Akten studiert, sich beratschlagt, abgestimmt. Er wurde beleidigt, bei Auftritten und in der Kommentarspalte der Lokalzeitung. „Die Volksseele hat gekocht“, sagt er. Interessiert hat ihn das wenig, nur sein Büro hat er immer gewissenhaft abgesperrt. Aus Angst, jemand könnte sein Urteil klauen, bevor er es der Stadt selbst verkünden konnte.

Bernd Martin ist Chef einer Kommission, die in Freiburg Straßennamen untersucht. In seinem Urteil stehen zwölf Straßen, von denen er denkt, dass die Stadt sie schnell umbenennen sollte. Untersuchungen wie seine gab und gibt es im ganzen Land. In Berlin empfahlen Historiker vor fünf Jahren, Straßen in Mitte umzubenennen, die ihre Bezeichnungen von der SED erhalten hatten. München verbannte 2014 den Bauunternehmer und Nazifreund Leonhard Moll von den Schildern. Und immer wenn die Kommissionen ihre Ergebnisse präsentierten, begann der Streit. Wie jetzt in Freiburg.

Kann ein Mann Held und Täter sein?

Die Straße, um die es geht, ist kurz. Sie verbindet eine McDonald’s-Filiale mit zwei Wohnblöcken. Auf dem Schild an ihrem Ende steht : „Sepp-Allgeier-Straße“.

Allgeier. Ein Mann von ungeheurem Können, der vor 1933 zum Helden und Pionier der Filmwelt wird. Ein Mann aber auch, der sein Können an der Kamera nach 1933 für Leni Riefenstahl und Adolf Hitler einsetzt. Darf nach so einem eine Straße benannt sein? Als Bernd Martin diese Frage beantworten sollte, stieß er erst mal nur auf weitere Fragen. Kann ein Mann Held und Täter sein? Und was wiegt dann schwerer: das Werk oder der Mensch, der es vollbrachte? 

Sepp Allgeier wird als Sohn eines Maurermeisters geboren. Mit seinem Vater fährt er so oft es geht in den nahe gelegenen Schwarzwald. Er sieht Tannen und verschneite Höfe und verliebt sich in sie. Mit 15 wird er Textilzeichnerlehrling, doch statt zu arbeiten, schaut er aus dem Fenster auf die Schwarzwaldberge. Das Herumsitzen ist ihm so „entsetzlich verleidet“, wie er später der „Freiburger Zeitung“ erzählt, dass er keine Sekunde zögert, als ihm sein Chef, Bernhard Gotthard, eine Alternative vorschlägt.

Der zeichnet nicht nur, er fährt auch leidenschaftlich Ski und liebt das Filmen. Er produziert eine täglich erscheinende „kinematographische Berichterstattung“ – die erste Tagesschau Deutschlands. Beim Skifahren will Gotthard Allgeier überzeugen, sein Kameramann zu werden. Der sagt ohne Zögern zu.

Niemand zuvor hatte solche Szenen gedreht

Man kann diese Anekdoten in einem antiquarischen Buch nachlesen, das Allgeier 1931 veröffentlicht hat. Es heißt „Die Jagd nach dem Bild“ und schildert das Leben eines 18-Jährigen, der sein Glück kaum fassen kann. Für Gotthard reist Allgeier durch die Republik. Er filmt Staatsempfänge, Heißluftballonflüge am Tempelhofer Feld in Berlin, Schwarzwälder Bauern in Tracht. Nebenbei wird er Schwarzwaldmeister im Skisprung. Sein Chef erkennt schnell, zu was einer mit diesen Talenten imstande ist. Er schickt ihn 1913 in die Schweiz, wo Allgeier einen der ersten Hochgebirgsfilme drehen soll: „Besteigung des Monte Rosa“.

20 Kilo wiegt das Stativ, zehn die Kamera, die Allgeier bis auf 4000 Meter schleppt, um befreundete Skiläufer zu filmen. Er versucht die abenteuerlichsten Perspektiven, flickt das gerissene Zelluloid, entwickelt den Film auf dem Lokus, weil es dort dunkel ist – und friert dabei jämmerlich. Im Buch schildert er die Strapazen: „Einmal fegte ich in tollem Tempo mit Sack und Pack in einen vereisten Tunnel und spürte bei der harten Schlittenfahrt, auf dem Rücken liegend, die Bretter in der Luft, die Zacken der Zahnradbahn, als würde ich über eine Folterbank gezogen.“

Szenen wie diese hatte nie zuvor ein Kameramann gedreht, der Film wird zum Erfolg, bejubelt in Kinos in ganz Deutschland. Als ein paar Monate später eine deutsche Expedition in die Arktis aufbricht, fragen die Forscher folgerichtig Allgeier, ob er mitreisen und filmen möchte.

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