Luchsusproblem. Die Wildkatzen sind in Deutschland noch immer sehr selten. In freier Natur sieht man sie kaum. Foto: Promo
p

Nationalpark Harz Auge in Auge mit dem Luchs

Marius Buhl
3 Kommentare

Es heißt, er töte mit einem Biss. Über den Luchs kursieren viele Gerüchte. Auch, weil er scheu ist. Auf seiner Fährte im Harz.

Am Ende wird diese Suche erfolgreich sein. Man wird ihm gegenüberstehen: Augen wie der Teufel, fleckiges Fell. Er wird einen mustern und fauchen, sodass man für einen Moment seine Reißzähne sieht. Er wird auf und ab stolzieren, die muskelbepackten Hinterbeine anspannen. Der menschliche Hochsprungweltrekord? Für ihn ein Klacks, er springt zweieinhalb Meter hoch. Wegrennen zwecklos, er schafft 70 Sachen. Es heißt, er töte mit einem Biss in die Kehle, bis sein Opfer keine Luft mehr bekommt. Doch das ist das Ende, wie gesagt.

Die Suche beginnt 30 Stunden früher in Bad Harzburg. Vergessenes mitteldeutsches Städtchen im Nordwesten des Harzes, in der Fußgängerzone reihen sich Klamottenläden mit Windjacken im Angebot, ein Lokal, dessen Spezialität Schinken ist, die örtliche Bank, ein Café mit Bienenstich in der Auslage. So weit, so normal. Am Ende der Straße steht das „Haus der Natur“ und davor wartet Patrick Preiss, und der ist schon ein Erlebnis. Pali-Tuch in Rot um den Hals, Ohrring rechts, am Finger einen silbernen Totenkopfring. Er trägt eine waldgrüne Jacke und auf dem Kopf eine Mütze, deren Muster das ungeübte Auge wohl dem Leopard zuordnen würde. Das geübte sieht die Pinselohren. Luchs.

Preiss ist Ranger. Er kontrolliert den Nationalpark Harz. Richtig, Nationalpark, wie der Yellowstone in den USA oder der Serengeti in Tansania. Nur, dass es im Harz keine Grizzlys gibt. Und Elefanten auch nicht. Dafür Luchse.

Preiss soll helfen. Den Unauffindbaren finden. Den scheuen Jäger.

Langsam wächst der Bestand

200 Jahre ist es her, dass ein Jäger den letzten Luchs im Harz getötet hat. Heute gibt es wieder 80 von ihnen in der Umgebung. Ungefähr. So genau weiß das nicht mal Preiss. Was er weiß: 24 Tiere haben sie im Jahr 2000 ausgewildert. Langsam, ganz langsam wächst der Bestand. Katzen und Kuder, so heißen die Männchen in der Jägersprache. Zehn sind gestorben, einige weitergezogen, nach Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen und Hessen. Sie haben Junge gezeugt, der aus Hessen sogar mit einem fremden Luchs aus Bayern. Manche sind im Harz geblieben, einer bei Bad Harzburg, Preiss’ Revier. M4, so heißt er. M für männlich, 4, weil er der vierte Luchs mit Sender war. Heute hat er keinen Sender mehr, sonst wäre diese Suche ziemlich einfach.

Preiss macht gleich zu Beginn klar: Das wird verdammt schwer. Aber wir könnten Spuren finden. Und ein paar Mal hat es schon geklappt, da hat er, Preiss, M4 gesehen. Einmal hat er ihn angelockt mit einem Luchsruf von seinem Handy. Zur Paarungszeit war das, Preiss imitierte per Telefon ein Weibchen, M4 wollte mal nachsehen. Waren sogar Touristen dabei.

Also los, südwärts, dem Wald entgegen. Gebüsch säumt den Weg, am Himmel strahlt eine eiskalte Wintersonne in den Nebel hinein. Preiss geht zügig. Ein drahtiger Mann, Rocker und Ranger. Erzählt gleich mal vom Wolf, den es hier auch geben soll, ein paar Minuten nur, da streunert rechts neben dem Weg ein geflecktes Tier herum. Die Ohren angelegt. So elegant geht nur ein Tier. „Was für ein Glück, eine Wildkatze“, ruft Preiss. Beugt sich runter und streichelt sie. Zwinkert. Nur ein Witz. „Das ist die dicke Hauskatze vom Gasthaus da drüben.“

Im Nationalpark sollen mehr Buchen wachsen

Wir stapfen durch das Kalte Tal, so heißt es, und der Wind hält sich dran, pfeift frostig um die Zweige der kleinen Buchen, ein Schneedeckchen liegt auf Halmen und Gräsern. Preiss entdeckt eine Wildschweinfährte und erzählt, wie er mal mitten in einer Mulde landete – um ihn herum lauter Frischlinge. Da hat er Reißaus genommen, denn wenn das die Sau gesehen hätte, stünde er jetzt nicht hier. „Ich hatte aber auch tolle Wildsaubegegnungen“, sagt er. Die Tiere seien schlau, unheimlich sozial, ihre Hauer scharf. „Wer sagt, ‚Du bist doch eine dumme Sau’, sagt vor allem eines: Dass er selbst eine dumme Sau ist“, sagt Preiss.

Kleine Nationalparkkunde. 1990, zwei Tage vor der Wiedervereinigung, beschloss die DDR-Regierung im Ostharz einen Nationalpark zu errichten. Vier Jahre später folgte das Land Niedersachsen mit dem Westharz, erst 2006 vereinte man die Parks. Und über allem der Brocken, mit 1141 Metern der höchste Berg Norddeutschlands. Die Jahresdurchschnittstemperatur auf dem Gipfel liegt bei 3,5 Grad Celsius, die stärkste gemessene Windgeschwindigkeit bei 263 Kilometer pro Stunde. Der Brocken ist der nebligste Ort Deutschlands: Im Jahr 1958 zählten Forscher 330 Nebeltage.

Die Natur Natur sein lassen, das ist das Motto des Nationalparks. Zum Beispiel bringt hier niemand Totholz weg, da kommt ein Specht, hämmert ein Loch rein, und es zieht der kleine Sperlingskauz ein. Kein Totholz – kein Specht – kein Sperlingskauz. Ganz einfach.

Ein bisschen greifen sie aber doch ein. Korrigieren die Fehler der Vergangenheit. Im Harz hat man Fichten gepflanzt, noch und nöcher, besonders nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Nadelbäume wachsen schnell und sind ergiebig. Ein ökonomischer Baum, aus Menschensicht. „Aus Natursicht Quatsch“, sagt Preiss. In Höhenlagen unter 750 Metern ist die Fichte im Harz gar nicht zu Hause, da sollte Buche wachsen. Noch immer bedeckt die Fichte aber 60 Prozent der Nationalparkfläche. Also machen sie sogenannte Initialzündungen: Dort, wo der Borkenkäfer die Fichten tötet, pflanzen die Ranger Buchen. 20 Prozent Nadelbäume, das ist das Ziel, sagt Preiss, und dann erklärt er und zeigt und guckt und kommt vom Thema ab, das passiert ihm manchmal. So viel zu sehen.

Zur Startseite