Gerald Hubmann koordiniert von seinem Berliner Büro aus die Arbeit an der MEGA. Links im Regal sind einige der Bände zu sehen. Foto: Mike Wolff
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Marx-Engels-Nachlass Forscher aller Länder, vereinigt euch

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MEGA – diese Abkürzung passt. Seit Jahrzehnten arbeiten Experten an der Marx-Engels-Gesamtausgabe. Abertausende Seiten, und jedes Komma zählt.

Die Zentrale des Jahrhundertprojekts liegt im vierten Stock, am Ende eines schummrigen Gangs. Keine 20 Quadratmeter misst Gerald Hubmanns Büro in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am Gendarmenmarkt. Es ist so vollgestellt mit Regalen, Büchern und Tischen, dass man kaum treten kann. Trotzdem hat der Forscher ins Eck neben dem Fenster eine gewaltige Büste von Karl Marx postieren lassen; der Bronzekopf halb so groß wie der ganze Hubmann. Vor der Wende thronte die Büste unten im großen Veranstaltungssaal. Damit Besucher heute gar nicht erst auf die Idee kommen, in einen kommunistischen Andachtsraum geraten zu sein, hat Hubmann ihr einen profanen Sockel verpasst: eine Holzkiste, auf der „fragil“ steht.

Man kann die Installation als Sinnbild verstehen. Auf der einen Seite der überlebensgroße Marx, der Mythos, ein Mann, dessen Theorien die Welt veränderten, und das nicht unbedingt zum Besseren. Auf der anderen Gerald Hubmann und Kollegen, die sein Erbe in die Zukunft transportieren. Nüchtern, behutsam, ja, skrupulös.

Marx ist nach wie vor ein vermintes Terrain, eine Frage der Weltanschauung“, erklärt der 56-Jährige. „Egal, was Sie sagen: Einer von links oder rechts regt sich immer darüber auf.“

Von seinem kleinen Zimmer aus koordiniert Hubmann seit 1998 die Arbeit von Wissenschaftlern in der ganzen Welt. Sie untersuchen und veröffentlichen alle Texte, die Marx und sein Weggefährte Friedrich Engels je verfasst haben oder die mit ihrem Werk in Zusammenhang stehen. Wirklich alle. Hunderttausende beschriebene und bedruckte Seiten: Buchmanuskripte und Zeitungsartikel, Einträge in Enzyklopädien und Abschriften aus Chemiebüchern. Etwa 20 Forscher sind derzeit beteiligt, von Amsterdam bis Tokio, von Russland bis in die USA.

Marx korrespondierte mit 2000 Leuten

Die Marx-Engels-Gesamtausgabe, an der sie arbeiten, trägt die Abkürzung MEGA. Wie treffend. Die Wurzeln des Projekts reichen zurück bis in die 1920er Jahre. Dennoch sind erst 65 von derzeit 114 geplanten Bänden fertiggestellt und gedruckt worden, wobei jeweils ein „Apparat“ dazugehört, ein Buch, das die Entstehung der Texte detailliert beschreibt, bis hin zu einzelnen Kommata – das macht eine historisch-kritische Edition wie die MEGA aus. Schon jetzt füllen die Bände beinahe drei große Billyregale in Hubmanns Büro, neben Marx-Übersetzungen auf Englisch, Französisch, Griechisch, Russisch, Koreanisch. Der Mann aus Trier ist, ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Staatssozialismus in Europa, ein internationaler Hit.

In 15 Jahren soll die Gesamtausgabe nun definitiv abgeschlossen sein. Um Kosten zu sparen, hat man entschieden, zumindest den Briefverkehr der Denker nur noch online zu veröffentlichen; allein Marx korrespondierte mit 2000 Leuten.

Die scheinbar unendliche Geschichte der MEGA ist auch eine des vergangenen Jahrhunderts. Sie spielt unter den Sozialdemokraten der Kaiserzeit und der Weimarer Republik, in Stalins Sowjetunion, in der DDR und schließlich in der globalisierten Welt der Gegenwart. Sie erzählt davon, wie Schriften derselben Philosophen zunächst subversiv wirken und dann die weltliche Bibel autoritärer Staaten werden konnten – und wie man sie jetzt, mit dem Blick von Philologen, möglichst unideologisch zu betrachten versucht. Und sie wirft eine große Frage auf: Was bleibt von Marx, 200 Jahre nach seiner Geburt?

Hubmann jedenfalls ist ein gefragter Mann in diesen Tagen. Im Mai eröffnet die neue Ausstellung in Marx’ Geburtshaus in Trier, an der seine Leute mitgewirkt haben. Eine Kollegin war gerade auf einer Konferenz zum Jubiläum in Moskau, er selbst fährt zu einer ähnlichen Veranstaltung nach Peking. Dabei versuchen sie eigentlich, Distanz zu China halten, wo momentan das allergrößte Interesse an der MEGA besteht. Vor der Akademie hielten schon Limousinen, kurz darauf saßen Vertreter wichtiger chinesischer Unis in Hubmanns Büro, sie hätten am liebsten gleich den ganzen Laden übernommen. Selbst Interviews oder die Mitarbeit von Chinesen blockt Hubmann meist ab: „Es gibt einfach zu viele Anfragen, würden wir darauf eingehen, wäre hier gar keine Arbeit mehr möglich.“

Viel Handwerk und ein wenig Detektivarbeit

Gegenüber von Hubmann hat sein Kollege Ulrich Pagel Platz genommen, der – stattlich und mit Vollbart – etwas vom jungen Marx hat. Nicht, dass das Absicht wäre. Bevor er als Mitarbeiter bei der MEGA anfing, war Pagels Gebiet eher die angelsächsische Philosophie des 20. Jahrhunderts. „Damals kannte ich vor allem den Marx, wie er mir von Marxisten präsentiert wurde. Das war einer, der immer recht hatte, und das fand ich unheimlich ermüdend.“ Heute sieht er das anders, aber die Distanz zu Marx hatte ihr Gutes. Manchmal haben sie Praktikanten, die sich sehr für den Denker begeistern. „Das birgt Frustrationspotenzial.“ Pagel lächelt. „Weil wir uns mit Fragen beschäftigen, die im Hinblick auf die Weltrevolution keinerlei Fortschritt bedeuten.“

Der Alltag besteht aus viel Handwerk und ein wenig Detektivarbeit. Man blicke auf eine beliebige Manuskriptseite aus dem Oeuvre von Marx und Engels. Sie ging im Laufe der Jahre und Jahrzehnte durch verschiedene Hände. Zuerst steht da zum Beispiel ein Text in Schönschrift. Der muss von Engels stammen, dem tüchtigen, wenn auch weniger genialen Bourgeois, der seinen Freund Karl samt Familie aushielt. Geht das Geschriebene auf eigene, auf gemeinsame Ideen zurück, oder hat ihm Karl bloß was in den Block diktiert? Hinweise gibt der Stil. „Das häufige Schicksal Marx’scher Texte ist es, dass sie mit wunderbaren, geschliffenen Formulierungen beginnen und es dann zerbröselt“, sagt Pagel. Apropos zerbröseln: Die Manuskripte wird irgendwann die verwendete Eisengallustinte auffressen, an anderen haben bereits Mäuse genagt, die von Rotweinflecken angelockt wurden. „Man hat auch schon mal ein Haar gefunden. Wenn man Marx klonen wollte, gäbe es also Chancen.“

Zurück zum Text. An den krakelt Marx im nächsten Schritt womöglich etwas mit Bleistift. 20 Jahre danach streicht er dann die Hälfte des Ganzen mit Tinte durch (impulsiver, vertikaler Strich mit breiter Feder, typisch Marx): Warum, muss man fragen, ergab die Passage für ihn im Lichte neuer Erkenntnisse keinen Sinn mehr? Und wieder ein halbes Jahrhundert später kommt vielleicht ein wackerer Sozialist auf die Idee, den getilgten Teil mit Auszügen aus anderen Werken zu kombinieren oder ihn tief im Archiv zu vergraben, weil ihm das darin Gesagte nicht passt.

Die Macher der MEGA dokumentieren peinlich genau alle Varianten eines Textes, die durch solche und andere Einflüsse entstehen. Und sie ziehen ihre Schlüsse daraus.

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