In der Medina (Altstadt) von Fès wartet hinter jeder Ecke wartet in eine Überraschung, zum Beispiel ein Gewürzstand. Foto: Alamy Stock Photo
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Marokko Alle auf Zucker

Boris Brandt
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In Fès ist nicht nur der Tee süß, sondern auch die marokkanische Gastfreundschaft. Sieben Regeln für den Homestay.

1 Rein ins Chaos!

Der Place Rcif in der Medina, der Altstadt von Fès, am späten Abend: Kinder mit Tiermasken tollen herum, junge Männer schieben Holzkarren voller Lebensmittel oder Baumaterialien umher oder treffen sich mit Freunden. Ein stillgelegtes Kino soll als Treffpunkt mit den Homestay-Gastgebern dienen. Schon seit drei Stunden ist unter der per Mail zugesandten Telefonnummer niemand zu erreichen. Beunruhigend. Doch am Tresen des nahegelegenen Hotels sitzen zwei Frauen, die sich sofort bereit erklären, zu helfen. Hektisch suchen sie nach Anhaltspunkten und Hinweisen, dann endlich ist klar: In fünf Minuten kommt jemand. Der wütende Mann Mitte 60 stellt sich als Monsieur Ahmed vor und beruhigt sich erst nach mehreren Entschuldigungen. Stundenlang habe er am Bahnhof gewartet, um uns zu der Unterkunft zu begleiten, die seinem Freund gehört. Da ist wohl was in der Kommunikation schiefgelaufen. Doch der Ärger ist schnell verflogen, spätestens beim Willkommenstee, der auch nachts um halb zwölf noch gereicht wird.

2 Uhren anlegen!

Die verzierte Lampe zittert bedenklich, das alte Holzbett fällt fast auseinander. Dafür zeigt Gastgeber Monsieur Lemrabet, der Freund von Monsieur Ahmed, persönlich, wie die Dusche funktioniert, und reicht mit seinem immerwährenden Lächeln die Handtücher. Nach drei Minuten wird das Wasser endlich warm und dann plötzlich unerträglich heiß. Wer perfekten Service erwartet, ist beim Homestay in Fès falsch. Man sollte sich stattdessen dem Tagesrhythmus der Gastgeber anpassen, der von Arbeit und Gebet durchgetaktet ist. Treffpunkte für den Tag werden meistens nach dem Frühstück ausgemacht. Einfach kommen und gehen, wie im Hotel, ist kaum möglich. Im geschäftigen Treiben der Altstadt lässt es sich jedoch gut aushalten. Und auch für eine entspannte Pause gibt es zahllose Gelegenheiten, zum Beispiel im Café Rsif Chez Benyahya. Auf mehreren Stockwerken lockt es mit Thé Verveine und einem Blick über die Dächer und Hügel der Stadt, direkt am Place Rcif in Fès’ Altstadt (Boulevard Ben Mohammed El Alaoui).

Kultureller Schatz. Die Medina von Fès existiert seit Jahrhunderten. Foto: Alamy Stock Photo
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3 Her mit dem Zucker!

Für einen Tee ist immer Zeit, ob nachmittags in der Medina oder am Abend mit der Gastfamilie. Eine Einladung dazu auszuschlagen, wäre arg unhöflich. Das zuckersüße Getränk wird, um es abzukühlen, mehrfach ausgegossen und wieder zurückgefüllt, das Ganze dauert gute zehn Minuten. Zum Teeglas reicht Monsieur Lemrabet nicht weniger süße Sesamkekse. Die Stimmung löst sich, und die Gastgeber erzählen von sich und ihrer Familie. Sogar die erwachsene Tochter, die im Ausland lebt, wird gemeinsam angerufen und sendet über eine brüchige Telefonverbindung Grüße in die Heimat und an die neuen Gäste. Auch wenn es spät wird: Gastfreundschaft kennt keinen Feierabend. Vor dem Schlafengehen zeigt Monsieur Lemrabet in aller Ruhe und immer noch freundlich lächelnd, wie die Tür zum Balkon aufgeht.

4 Mitessen!

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Zum Frühstück am nächsten Morgen steht Monsieur Lemrabet schon wieder im Dienste seiner Gäste und serviert ungesalzenen Ziegenkäse, Omelett mit Kumin und Salz, Olivenöl, schwarze Oliven, selbstgemachte Butter und Aprikosenmarmelade, dazu Sesambaguette und leicht süßliche Fladen. Am Abend lädt Lemrabets Freund Ahmed zum Essen ein. Auch er lebt mit seiner Familie in einem alten Riad, einem traditionellen marokkanischen Haus mit Hof. Spatzen fliegen durch die offenen Oberlichter des jahrhundertealten Gebäudes. Im Eingangsbereich mit den Sofas an der Wand und den Orangen auf dem Tisch warten die Gäste, bis Ahmed in den Speiseraum im ersten Stock bittet. Während der Fernseher läuft, tischt der Gastgeber den maghrebinischen Eintopf auf, die Tajine, die seine Frau zubereitet hat. Alle bedienen sich aus dem großen runden Topf, der in der Mitte des Tisches steht, anschließend isst jeder in seinem eigenen Bereich. Neben der Tajine, die aus Zucchini, Karotten, Artischocken und Kartoffeln besteht, gibt es einen leicht scharfen Auberginen- und einen Spinatdip. Dazu die marokkanische Nationalsuppe Harira, gekocht mit Linsen, Tomaten und Rindfleisch, außerdem allerlei Gewürzen wie Pfeffer, Ingwer und Kreuzkümmel. Monsieur Ahmed verfeinert die Harira mit einer Nudeleinlage, zum Dessert serviert er Datteln und Orangen. Solche Einladungen zum Abendessen sind beim Homestay häufig und eine prima Gelegenheit, die maghrebinische Küche zu probieren und die marokkanische Freundlichkeit zu erleben. Wie nebenbei lernt man die Familien der Gastgeber so näher kennen.

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