Rasen lohnt sich wirklich nicht. Spätestens an der Ampel trifft man sich wieder. Foto: A. Lebedowicz
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Kolumne: Maris Hubschmid traut sich was Im Schneckentempo durch Berlin

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Ich bin kaum los, da fängt das Gehupe an. Dabei gibt es keine Mindestgeschwindigkeit auf deutschen Straßen. Wie ich mit 18 km/h unbeeindruckt durch Berlin cruiste.

Du bist zu schnell, sagt mein Begleiter. Herrje, ein paar Sätze geplaudert und schon die Geschwindigkeit aus den Augen verloren. Tatsächlich, der Tacho zeigt 22 Kilometer pro Stunde. Ich drossele auf 18. Konzentration jetzt – langsam fahren ist anstrengend.

Das hatte ich mir anders vorgestellt. Viele kennen die Momente, in denen man einen Parkplatz sucht oder Orientierung, vielleicht auch mal wie ich als Automatikfahrerin mit der Kupplung eines Leihwagens kämpft. Schon schimpfen die Nachfolgenden ungeduldig, gestikulieren wild, stressen. Zu unserer Weihnachtsfeier rollte eine Kollegin mit zehn Kilo geschmorter Ochsenbacke an, die aus dem Topf zu schwappen drohte – und zog wegen ihres bedächtigen Fahrstils den Zorn diverser Verkehrsteilnehmer auf sich. Dabei ist die Wahrheit: Es gibt keine Mindestgeschwindigkeit auf deutschen Straßen.

Nicht einmal auf der Autobahn. Dass man dort 60 oder mehr fahren muss, ist ein weitverbreiteter Irrtum. Die Straßenverkehrsordnung besagt bloß, dass ein Fahrzeug baulich in der Lage zu sein hat, 60 zu fahren. Nirgendwo steht, dass man davon Gebrauch machen muss.

Das Hupen begleitet mich zum Potsdamer Platz

Dennoch riskiert, wer trödelt, 100 Euro Bußgeld und Punkte in Flensburg. Paragraf 3, Absatz 2 bestimmt: „Ohne triftigen Grund dürfen Kraftfahrzeuge nicht so langsam fahren, dass sie den Verkehrsfluss behindern.“ Ich finde, Geschmortes auf der Rückbank ist ein triftiger Grund, auch wenn es keine Aufkleber „Ochsenbacke an Bord“ gibt. Der zweite fragliche Punkt ist die Behinderung. Berechnungen einiger Wissenschaftler legen nahe, dass der Verkehr am glattesten flösse, wenn alle Schritttempo führen.

Die im Rückspiegel wissen das nicht. Ich bin kaum los, da fängt das Gehupe an. Als ich mich unbeeindruckt weiter mit 18 km/h durch Kreuzberg bewege – maximal 20 habe ich mir vorgenommen –, werde ich im Sekundentakt überholt. Das Hupen begleitet mich zum Potsdamer Platz und Richtung Alex. Allerdings hupt jeder nur einmal, ehe er mich umkurvt.

In den Seitenstraßen von Schöneberg und Tiergarten geben die Ausgebremsten erstaunlich schnell auf. Sie biegen bei erster Gelegenheit ab. Ein Fahrer mit Paderborner Kennzeichen legt sogar, ohne sich bemerkbar zu machen, den Rückwärtsgang ein. In Mitte wird es dreispurig, hier überholen mich Autos plötzlich aggressiv auch rechts über die Busspur. Breite Fahrbahn: Das scheint bei etlichen das Bedürfnis auszulösen, ordentlich zu beschleunigen. Fahrzeuge, die mich auf der weiten Flur offenbar automatisch schneller einschätzen, nähern sich gefährlich rasch, stoppen abrupt.

Wie sieht die Bekloppte aus?

Nicht wenige treffe ich an der Ampel wieder. Wieso, bitte, debattieren wir noch über 30er-Zonen? Rasen lohnt sich wirklich nicht. Wer im Schnitt zehn Kilometer schneller fährt, verdeutlicht ein Verkehrspsychologe, landet lediglich früher an der Tankstelle, weil er mehr Benzin verbraucht – und verliert den Zeitvorsprung dort.

Nach einer Viertelstunde schließt links ein blauer Twingo zu mir auf, passt sich meinem Tempo an, rollt nebenher. Aha, denke ich, jetzt bekomme ich was zu hören. Wenige Sekunden starren die Insassen herüber, dann geben sie Gas. Waren sie besorgt, ob mir etwas fehlt, und sind beruhigt, weil ich nicht allein im Auto saß? Oder wollten sie schlicht wissen: Wie sieht die Bekloppte aus?

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Dann ist da der Streifenwagen, der eine ganze Weile an mir dranhängt. Sobald die Chance da ist, überholt auch er – und braust davon. Wir zuckeln noch ein bisschen durch die Friedrichstraße, Schaufenster gucken.

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