Weg vom Großstadtlärm. Das Gästehaus liegt direkt am Ufer der Dahme. Foto: Jens Büttner/dpa
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Kolumne: In fremden Federn Hier verliert der Alltag Tempo

Matthias Kirsch
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Ein Schwan watschelt ans Ufer, die Wellen klatschen an den Steg: Im Gästehaus Flussbad ist es still. Aber auch in Köpenick währt die Ruhe nicht ewig.

Der schlanke Flussbadkater Oskar tigert durch das Blumenbeet, fordert lautstark ein zweites Frühstück und springt dann, wie selbstverständlich, in den Aufzug. Im zweiten Stock steigt er aus und flitzt in eines der Hotelzimmer, schlichtes Doppelbett, beige gefliestes Bad, Blick aufs Ufer. Eigentlich darf er nicht in die Räume, er wird auch gleich wieder vom Personal verscheucht. Aber Oskar ist der König von Köpenick und das Gästehaus Flussbad in der Gartenstraße sein Palast.

Oskar und sein schwarzes Fell hätten sich jedes Zimmer aussuchen können. Alle bieten die Sicht aufs Wasser. Wie jeder Platz im Frühstücksraum, auf der Terrasse, am Strand des Gästehauses. Der Ausblick ist immer derselbe, so soll es sein, und der Ausblick ist gut. Auf die Dahme, auf den Schlossgarten. Auf die gegenüberliegenden Uferhäuser, fast alle schön, fast keine bunt.

Hier, wo die Straßen „Kietz“ oder „Breite Gasse“ heißen und man die Schmale Gasse vergeblich sucht, wo Schulkinder die Bücher der Oma für 50 Cent auf dem Bürgersteig verkaufen und man immer einen Euro gibt, hier im Reich von König Oskar, ist es still. Nicht gespenstisch, einfach angenehm.

Das Haus erinnert an ein Boot

Man hört zu, wie ein Schwan langsam an das Ufer watschelt. Wie die Wellen, die keine wirklichen Wellen sind, gegen den Steg klatschen. Hier verliert der Alltag Tempo und gewinnt dadurch. Die Terrassen am Fluss, die schmale Holzbrücke, sie könnten überall sein auf der Welt, aber doch nicht in Berlin. Oder?

Im Gästehaus Flussbad herrscht die gleiche Stille. Draußen hupt kein Auto, rattert keine Tram, drinnen klingelt das Telefon ein bisschen weniger oft. Das Haus selbst erinnert an ein Boot. Treppengeländer wie eine Reling. Metallsäulen in der Mitte des Restaurants in Maschinenraumoptik.

Aber auch in Köpenick währt die Ruhe nicht ewig. Wenn die Sonne hinter den Wolken herauslugt, der Badestrand eröffnet, dann werden Sonnenschirme in den Sand gesteckt und Handtücher ausgebreitet, Kanus bestiegen und Köpper gesprungen, Volleybälle gepritscht und Stieleise geleckt. Dann schippern gelegentlich Party-Flöße vorbei, auf denen britische Junggesellen aus Manchester oder Birmingham oder Bourton-on-the-Water ihre Abschiede feiern.

Oskar bleibt treu in seinem großen Boot. Und wer den Weg antreten muss, eine kurze Stunde nur zurück in die Stadt, zurück in den Lärm, beneidet den Kater. Einfach sitzen bleiben. Einfach wieder einsteigen, in den Aufzug, in den zweiten Stock.

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