Ulrich Tukur im Februar 1988 in Peter Zadeks "Lulu" im Hamburger Schauspielhaus. Foto: imago/teutopress
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Interview mit Ulrich Tukur "Ich habe meine Frau nie ungeschminkt gesehen"
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"Wir ziehen nach Berlin oder nach Hamburg"

Die „Zeit“ hat mal über Sie geschrieben, dass Sie Ihre innere Unruhe mit Hyperaktivität bekämpfen.

Das hat sich nicht wesentlich geändert. Wie bei einem Boot mit Außenbordmotor: Wenn es schnell fährt, liegt es ruhig im Wasser, wird das Tempo gedrosselt, fängt es an zu schwanken.

Was macht Ihr Tinnitus: besser geworden?

Nein. Ich habe ihn erst nicht als solchen erkannt. Dann war es zu spät. Ich drehte in der Normandie einen französischen Kinofilm, als ich auf einmal ein merkwürdiges Geräusch hörte. Ich dachte, das wäre die Gastherme im Keller. Als das Geräusch auch in Venedig noch vorhanden war, wo es keine Gastherme gibt, wusste ich, dass ich ein Problem hatte. Seitdem brummt mein Kopf, als wäre er ein Radioröhrenapparat.

Ihre Frau soll einen „Bedside Noiser“ angeschafft haben. Ein Gerät von der Größe eines Radios, das von quakenden Fröschen bis zur Musik Geräusche abspielt, die den Ton im Ohr überlagern sollen.

Was habe ich nicht alles versucht: Wasser laufen lassen, einen Ventilator gekauft, der klapperte, bis es mir irgendwann zu blöd war. Wenn man das Geräusch akzeptiert, wird es leiser. Kämpft man dagegen an, wird es unerträglich. In Hotels verlange ich Zimmer, die zur Straße hinausgehen. Die finden das sehr kurios.

Bald gehen Sie wieder mit Ihrer Band „Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys“ auf Tournee. Neben eigenen Kompositionen haben Sie Stücke aus den 1920er bis 1940er Jahren neu arrangiert.

Zu keiner anderen Zeit wurde Populärmusik mit so viel artistischer Raffinesse gemacht. Vielleicht ist das mein Lebensthema: sicherzustellen, dass Menschen, wunderbare Sänger, Musiker und Schauspieler, die eine reiche Unterhaltungskultur mitgeprägt haben, nicht vergessen werden. Der Gedanke, dass alles vergeht, ist manchmal schwer zu ertragen.

Als junger Mann hatten Sie Ihr Zimmer mit Todesanzeigen gepflastert. Warum?

Ich hatte sie zum Entsetzen meiner Eltern aus der „FAZ“ ausgeschnitten und ein Gemälde davor gehängt, das einen sterbenden Soldaten aus dem Dreißigjährigen Krieg zeigte. Mein Memento mori. Vielleicht wollte ich nur provozieren, weil mir die Wirklichkeit daheim zu schwäbisch war.

Sie lebten doch gar nicht in Schwaben, sondern sind als Kind viel umgezogen.

Wenn Sie eine Oberschwäbin zur Mutter und einen Stuttgarter zum Vater haben, dann haben Sie, wo auch immer Sie sich befinden, ganz Württemberg im Haus. Lob gab es wenig. Mein Vater hat mich bis zu seinem Tod nicht für voll genommen. Da war nichts zu machen. Das Einzige was ihn, einen schwäbischen Ingenieur, beeindruckte, war, dass ich irgendwann mehr Geld verdiente als er.

Vor etwa 20 Jahren sind Sie mit Ihrer Frau ganz aus Deutschland weggezogen.

Auch das findet bald sein Ende. Das Leben in Venedig ist anstrengend. Sie landen am Flughafen, beladen mit Koffern, müssen in den Bus, ins Vaporetto, das Vaporetto ist randvoll mit Touristen, Sie warten aufs nächste, auch voll, oder es kommt erst gar nicht. Schließlich schleppen Sie Ihre Koffer vier Stockwerke rauf, sind drei Tage da, schleppen wieder alles runter. Und wenn Sie das 20 Jahre lang machen, denken Sie, Herrgott, ich möchte auch ganz gern mal mit dem Auto in die Garage fahren und gleich zu Hause sein.

Wohin ziehen Sie?

Nach Berlin oder Hamburg. Ich behalte eine kleine Wohnung in Venedig und unseren Bauernhof in den Apenninen. Den kauft mir kein Mensch ab.

Wollen Sie nach all der venezianischen Romantik mal wieder etwas ordentlich Hässliches sehen?

Direkt neben der Giudecca, auf der ich lebe, gibt es die Sacca Fisola, eine noch kleinere Insel, die in den 50ern mit schrecklichen Sozialbauten zugestellt wurde. Da stehen die hässlichste Kirche Italiens und eine kleine Bar mit einer tätowierten Besitzerin, die mich aus irgendeinem Grund in ihr Herz geschlossen hat. Dorthin gehe ich, wenn ich genug habe von Renaissance und Tourismus.

Sie verlassen die Stadt nur aus Bequemlichkeit?

Wissen Sie, in Venedig müssen Sie immer spielen. Es ist ein riesiges Bühnenbild. Das habe ich lange getan. Ich habe Erzählungen über die Stadt geschrieben, meine Frau hat sie fotografiert. Irgendwann ist aber jedes Stück abgespielt. Das Leben lebt davon, dass Sie Haken schlagen.

Ulrich Tukur spielt mit seiner Band am 17.,18. und 19. Februar im Theater am Kurfürstendamm.

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