Ulrich Tukur mit seiner Ehefrau Katharina John bei der 28. Verleihung des Hessischen Film- und Kinopreises. Foto: imago/Future Image
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Interview mit Ulrich Tukur "Ich habe meine Frau nie ungeschminkt gesehen"
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"Man strebt immer zum Abgrund"

In einem ARD-Film spielte Tukur (rechts) Bernhard Grzimek. Hier am Set mit Christian Grzimek, dem Enkel des Naturschützers. Foto: imago/Star-Media
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Klingt esoterisch: Stell etwas hin, stell nichts her.

Sie dürfen nicht an den Text denken, den Sie sagen sollen. Das ist wie beim Autofahren: Da gucken Sie doch auch nicht auf die Meter vor sich, sondern auf den Horizont. Dann fahren Sie automatisch richtig. Erwin Rommel habe ich über den Dialekt geknackt: sein Heidenheimer Schwäbisch. Bei Wehner waren es das Polternde und der leicht sächsische Tonfall. Ihn spielte ich allerdings als jungen Mann, den noch keiner kannte. Da war ich fein raus.

Die Leute wollen, dass Stars durch ihre Rollen durchscheinen. Sie wollen Ulrich Tukur als Wehner sehen, Tukur als Grzimek. Oder?

Das finde ich schade. Bei Grzimek wusste ich, dass es ein Weilchen dauern würde, bis die Zuschauer, die sich an den unterhaltsamen Fernsehonkel erinnern, nicht mehr den Tukur sehen, der verzweifelt versucht, den Grzimek zu geben. Erst wenn ich als Darsteller verschwinde, hab ich’s geschafft.

An der Schauspielschule galten Sie als mäßig talentiert.

Ich war noch nicht so weit, viele Hinweise, die ich dort bekam, konnte ich nicht deuten. Es wurde gesagt, man solle durchlässig, porös sein. Ich dachte mir: Was? Ich habe doch keine Löcher im Leib! Unter Zadek ist dann der Knoten geplatzt.

Zadek besetzte Sie als SS-Offizier in seiner Inszenierung „Ghetto“ an der Freien Volksbühne Berlin, die im Jahr 1984 großen Erfolg hatte.

In den ersten drei Wochen hat mich der Meister gequält. Dekonstruktion und Wiederaufbau, so ging er oft bei Schauspielern vor. Manche hat er dabei auch zerstört. Der entscheidende Moment meines Theaterlebens war, als er mich auf eine der zwei Probebühnen rief. Mit dem nöligen Ton, der für ihn typisch war, sagte er, ich solle jetzt mal raufgehen und singen und tanzen. Ich stand da in meiner dämlichen SS-Uniform und dachte: Jetzt reicht’s aber. Irgendwie habe ich es geschafft, all die Enttäuschung, die Angst, die Wut in einen extemporierten Text hineinzupacken. Jemand aus Zadeks Entourage lachte, dann lachte Zadek auch.

Liegen Ihnen die Schurken besonders?

Man strebt immer zum Abgrund. Wenn man aber eine Figur nicht mag oder gar ablehnt, sollte man sie nicht spielen. Bei biografischen Stoffen verstehe ich mich als Anwalt meiner Rolle. Ich verteidige sie vor der Geschichte und den Zuschauern. Ich beurteile sie nicht, das soll der Zuschauer tun. Es gibt Figuren, die geben einem ein klammes Gefühl. Doch jeder Mensch – es sei denn, es ist ein psychiatrischer Fall – ist in seinem moralischen Ausgleiten irgendwie nachvollziehbar.

Was konnten Sie Andreas Baader abgewinnen?

Baader ist mir vielleicht am wenigsten geglückt. Für mich war er ein Narzisst, ein Räuberhauptmann. Damals stand ich ganz am Anfang meiner Karriere und habe alles gerne gespielt. So eine Figur würde mich heute nicht mehr interessieren. Unangenehmer Vogel!

Was macht ein Großschauspieler wie Sie, um auf der Höhe seines Könnens zu bleiben – gehen Sie ins Sportstudio für die Figur?

Sind Sie wahnsinnig? Ich bewege mich überhaupt nicht.

Gucken Sie sich Theaterstücke an?

Ich lebe ja in Venedig, dort sehe ich mir ab und zu Opern an. Ich habe den Kontakt zum Theater weitgehend verloren, seit dieses Schrei- und Konzepttheater losging.

Selbst der ehemalige Volksbühnen-Intendant Frank Castorf sagte kürzlich, er ziehe eine schöne Frau einem schönen Theaterabend vor.

Eigentlich hat er ja recht, aber es klingt trotzdem kokett und auch ein bisschen beleidigt. Ich für meinen Teil ziehe einen Theaterabend mit einer Glühbirne, zwei wunderbaren Schauspielern und einem großartigen Text jedem Kinofilm vor. Die Leere erlaubt es mir, meine eigenen Bilder herzustellen.

Sie selbst spielen auf keiner Bühne mehr?

Nein. Ich habe das Theater geliebt, es ist so viel lebendiger als der Film. Aber alles hat seine Zeit. Ich kann nicht verstehen, wie man 45 Jahre lang Regisseur sein kann und sich immer nur im dunklen Bühnenraum bewegt, um eine Welt abzubilden, die man gar nicht mehr kennt.

Im Sommer sind Sie 60 geworden.

Ja, die Zeit wird knapp. Das Leben ist eine sehr endliche Veranstaltung, und ab einem bestimmten Punkt ist man auf der anderen Seite.

Wann war das bei Ihnen?

Recht spät. Ich bin mit Mitte 50 aus dem Paradies der Unsterblichkeit gekippt. Ich habe immer gespielt, nichts wirklich ernst genommen, aber auf einmal war er da, der Moment, und ich merkte: Jetzt bin ich angeschossen.

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