Derzeit ist Laura Tonke in „Zwei im falschen Film“ im Kino zu sehen Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Interview mit Schauspielerin Laura Tonke "Ich starrte das Telefon an, das nicht klingelte"

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Als die Angebote ausblieben, jobbte sie in einer Videothek – sie hat halt kein Sat.1-Gesicht. Schauspielerin Laura Tonke über Albträume mit Despoten und die Vorteile der Dummen.

Frau Tonke, in Ihrem neuen Film verkörpern Sie eine gescheiterte Schauspielerin …

… nee, ihr Beruf macht ihr eigentlich Spaß. Sie spricht die Stimme einer Zeichentrickampel in Verkehrserziehungsclips. Die negative Bewertung kommt durch die anderen Mädchen rein, die auch Schauspieler werden wollen und sagen: „Nee, Synchron will ich eigentlich nicht so gern machen.“ Das sind so Momente, die man immer wieder aushalten muss. Wenn man gerade Fernsehen macht, und es heißt: „Fernsehen, find’ ich irgendwie nicht so gut.“ Als ich angefangen habe, konnte ich auch derart idealistisch sein, weil man in Berlin in den 90ern kein Geld brauchte – und wenn doch, habe ich mir halt einen Mitbewohner geholt.

Aber alle schimpfen doch über das deutsche Fernsehen. Finden Sie es etwa gut?

Keine Ahnung. Mein Fernseher steht im Keller. Es gab mal eine Zeit, in der mich Trashfernsehen faszinierte: die Vorher-nachher-Shows, die Super Nanny. Mich interessierten die Menschen darin, so gefakt die Szenen auch waren. Ich war regelrecht süchtig danach, aber das ist schon zehn Jahre her.

Charlotte Roche beschrieb ihre Sucht nach Serien, die man auf Streamingplattformen stundenlang konsumieren kann. Sind Sie auch anfällig dafür?

Nein. Ab und zu schaue ich mal rein, um zu sehen, wie die 20-Jährigen heute spielen. Es gibt ja auch Generationswechsel im Spiel. Ich war jahrelang dieses Mädchen, bei dem sich die Leute fragten: „Wie kannst du Schauspielerin sein? Kannst dich nicht bewegen, hast keine Körperspannung, kannst nicht sprechen.“ Ich fand das immer gerade gut. Das Selbstbewusstsein hatte ich schon.

Laura Tonke

Laura Tonke, 44, hat bereits eine fast 30-jährige Schauspielkarriere hinter sich: Mit 15 wurde sie auf dem Schulhof der Sophie-Scholl-Schule in Schöneberg für das preisgekrönte Wende-Drama „Ostkreuz“ von Michael Klier entdeckt. Obwohl sie auch weiterhin unter namhaften Regisseuren wie Dominik Graf in „Bittere Unschuld“ oder Tom Tykwer in „Winterschläfer“ spielte, haderte sie immer wieder mit dem Schauspielberuf, den sie als zu wenig selbstbestimmt empfand. Ihr Theaterdebüt gab Tonke, die nie eine Schauspielschule besucht hat, in Frank Castorfs Inszenierung „Forever Young“ an der Volksbühne. 2007 wurde Tonke Mitglied des deutschbritischen Performance-Kollektivs Gob Squad. Im Jahr 2016 erhielt sie den deutschen Filmpreis als beste Hauptdarstellerin für „Hedi Schneider steckt fest“ und als beste Nebendarstellerin in „Mängelexemplar“. Sie ist die erste Darstellerin in der Geschichte des Preises, der dies gelang. Seit Donnerstag ist sie in „Zwei im falschen Film“ im Kino zu sehen, eine Komödie, in der sie zusammen mit Marc Hosemann ein Paar in seinen 40ern spielt, dem die Liebe abhandengekommen ist.
Tonke lebt in Berlin und hat einen Sohn.

Eine Schauspielschule haben Sie nie besucht.

Weil die Ausbildung dort aufs Theater ausgerichtet ist. Das hat mich null interessiert. Ich habe Theaterschauspieler bemitleidet. Weil die nicht beim Film waren. Die Armen! Heute sehe ich das anders.

Ist Intelligenz wichtig, um eine gute Schauspielerin zu sein?

Ich finde schon, aber Dummheit kann auch helfen. Es gibt sehr gute dumme Schauspieler – was für eine Scheißheadline! Die haben mitunter eine andere Leichtigkeit.

Die Schauspielerin Sunnyi Melles sagte mal, Scham gehöre zu Ihrem Beruf immer dazu …

… total! Mir geht es ganz konkret darum, bestimmte Grenzen zu überwinden, und das sind eigentlich immer Schamgrenzen. Das fängt schon an mit der Scham, laut zu schreien, und zwar so, dass es sich nicht blöd anhört. Einmal wäre es gut gewesen, ich hätte es zu Hause ausprobiert. Das habe ich damals aber nicht gemacht.

Damit die Nachbarn nicht zusammenlaufen?

Nein, auf die Idee bin ich gar nicht gekommen. Bei meinem ersten Film hatte mir der Regisseur Michael Klier gesagt, ich solle das Drehbuch möglichst nicht lesen. Damit sich alles ganz frisch anhöre. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, dass es doch ganz gut ist, seinen Text vorher zu lernen: dass es mir gar nichts wegnimmt von meiner Natürlichkeit. Man bricht schon in Schweiß aus, wenn man zum zehnten Mal seine Passagen nicht fehlerfrei sagt und eine Szene wiederholt werden muss. Das ist für alle Beteiligten superblöd.

In Ihrem neuen Film kommt eine heftige Sexszene vor. Ist das die höchste Peinlichkeitsstufe?

Nein. Beim ersten Mal fand ich eine solche Szene bestimmt schwierig, aber das habe ich, ehrlich gesagt, vergessen. Diesmal war Marc Hosemann mein Partner. Mit dem habe ich auch Theater gespielt. Er ist fast so was wie ein Freund. Auf einmal dachte ich: Vielleicht ist es ja Marc peinlich? Man tut am Set immer so, als sei die Frau diejenige, der eine Sexszene unangenehm ist, und dem Mann nie.

Ja?

Nach dem Motto: „Laura braucht einen Bademantel, Laura braucht einen Bademantel!“ Und der Marc, der braucht keinen Bademantel. Ist ja nur sein Arsch. Ob die Situation unangenehm wird, hat viel mit dem Regisseur zu tun. In dem Fall war das Laura Lackmann, und die schämt sich ganz allgemein viel weniger als ich. Das färbt ab. Wenn ein Regisseur verklemmt ist, ist das furchtbar.

Von umgekehrten Fällen ist seit #MeToo oft die Rede: Regisseure, die plötzlich nackt aus Hotelbädern herauskommen, ganz unverklemmt …

… nee. Männer, die denken, aus ihrer Machtposition heraus können sie Dinge machen, die sie auf eine gute Art nicht umsetzen können – das sind für mich Verklemmte.

Wenn man Sie googelt, kommen einige Treffer mit Überschriften wie „Laura Tonke Breasts“. Sind das nicht auch Fälle von #MeToo?

Das sind diese Pornoseiten, die Filme ausschlachten. Mir ist das ziemlich egal, weil die Bilder ja nicht privat sind. Es ist schon witzig, es handelt sich um Szenen aus totalen Off-off-Produktionen: kaum Budget und Zuschauer. So haben sich wenigstens die drei Pornoseiten-Macher diese Filme angeguckt. Ist doch was! Dann haben sie mal einen schönen Berliner-Schule-Film gesehen.

Bis heute gelten Sie als Independent-Schauspielerin. Gefällt Ihnen das Etikett?

Es ist eher umgekehrt: Ich bin in einer bestimmten Sparte von Film überhaupt nicht zu Hause, was nicht heißt, dass ich da nicht vorkommen will. Ich würde schon gern bei „Fack Ju Göhte 4“ mitspielen.

Es heißt, Sie sind mit 15 auf dem Pausenhof der Sophie-Scholl-Schule in Schöneberg entdeckt worden.

Ich stand mit meiner Freundin in der Ecke, als eine Frau auf mich zukam und mich zu Probeaufnahmen einlud. So hieß das damals noch. Meine Freundin haben sie gleich miteinkassiert. Die haben damals alles durchkämmt, 500 Mädchen gecastet. Drei, vier Wochen lang ging ich jeden Tag zum Vorsprechen ins Produktionsbüro, bis ich die Rolle hatte.

Für einen Teenager bringt nichts mehr Prestige.

Zuerst dachte ich auch: Bestimmt sind alle voll beeindruckt. Aber es hat gar niemanden interessiert. Mein erster Film „Ostkreuz“ war ja auch in keinster Weise irgendeine Art von Blockbuster.

Dafür gewann der Film einige Preise, und Sie bekamen sehr gute Kritiken. In einem Interview sagten Sie mal, dass Sie damals dachten, mit 18 Superstar zu sein, mit 20 nicht mehr zu wissen, wohin mit dem Geld, und mit 21 ein Parfüm zu kreieren.
Damit wollte ich einfach meine Erwartung ausdrücken, dass es immer weiter bergauf gehen würde. Ging es ja auch. Ich habe mit Tom Tykwer gedreht, Dominik Graf. Doch dazwischen gab es auch Zeiten, da habe ich zu Hause gesessen und mein Telefon angestarrt, das nicht klingelte.

Das war vor Handy-Zeiten.

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Ja, damals kamen noch diese Faxe von der Agentur, auf denen in Krakelschrift stand: Ruf uns zurück! Dann war ich in heller Aufregung. Filmschauspiel kann sehr passiv sein. Man ist abhängig vom Caster. Und vom Regisseur oder vom Produzenten, die sagen: „Nein, doch nicht. Sie hat kein Sat 1-Gesicht.“ Oder was ich sonst noch alles zu hören bekam in der ganzen Zeit: „Sie ist zu blond, zu traurig, zu dünn, zu dick.“

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