Meret Becker spielt eine der Hauptrollen im neuen Kinofilm:„Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“. Foto: imago/Horst Galuschka
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Interview mit Meret Becker "Holt die Wäsche rein, die Artisten kommen!"

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Meret Becker ist unter Cholerikern aufgewachsen, Weihnachten war stets eine italienische Tragödie. Warum sie mal Playbackschlampe war und auf ihrer Beerdigung eine Blaskapelle spielen soll.

Es hat mal jemand herumgefragt, was die Leute wählen würden, fliegen können oder sich unsichtbar machen. Da kam raus: Männer wollen fliegen, Frauen unsichtbar sein.

Super, dann ist’s jetzt raus: Ich bin Mann! Natürlich würde ich fliegen wollen! Ich hab’ mal einen Raben großgezogen, war seine Rabenmama. Wenn der dann umherflog, dachte ich: Was bin ich für ein Würmchen für den

Und wohin würden Sie fliegen?

Egal, von Dach zu Dach, Sturzflug, Leute erschrecken. Mein Rabe hat immer Tauben erschreckt.

Im Tagesspiegel gab es vor 19 Jahren ein großes Interview mit Ihnen, damals waren Sie 30, oder?

21! Ein schönes Alter. Dabei bleiben wir. Ich finde das so sinnlos mit dem Alter, weil man Menschen damit einpfercht. Als ob man ihnen sagen wollte: Du kannst jetzt das und jenes nicht mehr tun. Furchtbar! Ich hänge noch am Trapez, kann immer noch Spagat in alle drei Richtungen.

Meret Becker

Meret Becker, 49, ist Schauspielerin, Komponistin, Sängerin, Performing Artist und Produzentin. Bekannt wurde sie mit „Kleine Haie“ und „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“. Außerdem ist sie die Kommissarin Nina Rubin im Berliner „Tatort“. Am 3. Mai kommt „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“ in die Kinos. Darin geht es ums Erwachsensein – Meret Becker spielt die Mutter einer Zwölfjährigen und Tochter einer älteren Sinnsucherin, dargestellt von Corinna Harfouch. Als Musikerin hat Meret Becker bislang fünf Alben veröffentlicht, tourt von Kanada bis nach Australien, tritt mit Nina Hagen und Max Raabe auf. Zu ihrem Instrumentarium gehören neben Klavier, Akkordeon und Saxofon auch Spieluhren und die mit dem Bogen gespielte singende Säge. Am 25. Juni tritt sie im Festsaal Kreuzberg auf. Meret Becker ist die Tochter der Schauspieler Monika Hansen und Rolf Becker, Stieftochter von Otto Sander und Schwester von Ben Becker.

Aber das tut mehr weh als früher.

Kein bisschen. Das Einzige, was ich nicht mehr kann: in der Brücke den Kopf zwischen die Füße legen. Das will mein Rücken nicht. Also will ich das auch nicht mehr.

Wann haben Sie gemerkt: Ich bin erwachsen?

Ich wollte reif werden. Nicht erwachsen. Bei Erwachsenen – nicht bei Künstlern! – hatte ich immer das Gefühl, dass die sich was abschneiden, was verbieten. Das wollte ich nie. Wenn Erwachsensein aber heißt, Verantwortung zu übernehmen, dann kann ich sagen: Das hab’ ich gelernt, spätestens fürs Kind. Da musste ich auf einmal Grenzen ziehen. Etwas, das ich für mich selbst nie konnte. Ich habe gemerkt, dass Künstler sein und alleinerziehende Mutter eine ziemlich halsbrecherische Kombination sein kann.

Andere werden durch die Arbeit erwachsen. Müssen andauernd Dinge tun, die sie nicht gern tun, nur fürs Geld. Mussten Sie das nie?

Ich bin mit 15 putzen gegangen, hab’ in Kneipen gearbeitet und gebabysittet. Als Playbackschlampe habe ich für andere Sänger auf der Bühne so getan, als würde ich ein Instrument spielen, für Falco einmal Keyboard und einmal Querflöte. Mit 18 war ich ein halbes Jahr lang Telefonsexhure. Nur mit Verantwortung hatte das nicht viel zu tun. Vor allem war das eine Entweihung. Keine gute Erfahrung. Viel krassere Dinge habe ich aber später mitbekommen: Vergewaltigungs- und Morddrohungen, als ich auf einmal bekannt wurde. Da bekam ich plötzlich ganz komische Anrufe und lernte, die Welt da draußen ist nicht nur freundlich.

Sie haben mit Dieter Wedel zusammengearbeitet, gegen den es jetzt die schlimmen Anschuldigungen gibt. Sie waren die Nibelungen-Brünhilde auf der Bühne, er der Regisseur.

Als ich ihn kennenlernte, viel früher, dachte ich: Mit dem wirst du niemals arbeiten. Dann war ich bei einem Casting für die Nibelungen, und er hat so toll übers Mittelalter gesprochen, wofür ich mich vorher nie begeistern konnte. Ich bin mit ihm super klargekommen und mochte ihn. Er lebt in einer komplett anderen Welt als ich, trotzdem haben wir uns respektiert. Auch seine Ausfälle konnte ich einigermaßen wegstecken. Ich bin unter Cholerikern aufgewachsen, da habe ich gelernt, das wegzuatmen. Man musste seinen Text können und sich bemühen. Dann war die Welt rund. Ich bin kein Richter, aber die Vorwürfe gegen ihn wiegen schwer. All den Frauen, die sich getraut haben, den Mund aufzumachen, und diese ganze Debatte eröffnet haben, bin ich unendlich dankbar, denn es tut sich seitdem ganz viel.

Über eigene, schwierige Erfahrungen sprechen Sie aber nicht?

Nicht öffentlich. In der Arbeit gab es grenzwertige Fälle, die schlimmeren Erfahrungen habe ich aber jenseits davon machen müssen. Ich finde auch, dass es um viel mehr geht, als irgendwelche Männer anzuklagen. Muss ich immer lieb und freundlich sein? Muss ich als Frau besonders vorsichtig formulieren, oder kann ich genauso klar Kritik äußern wie ein Mann? Ich traue mich inzwischen, Bescheid zu sagen, wenn ich was scheiße finde. Früher hieß es gleich: „So brauchst du nicht mit mir zu reden, Fräulein!“ Fräulein! Neulich hat einer Mäuschen zu mir gesagt. Da habe ich den Raum verlassen, in dem neun Männer saßen. Am Abend hat er sich entschuldigt. Das ist neu.

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