Seit sie in Paris lebt, ist Johanna Wokalek überglücklich. Foto: Stefan Klüter/photoselection
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Interview mit Johanna Wokalek „Die Schauspielschulen werden überbewertet“

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Sie war die Päpstin, Gudrun Ensslin und stand hochschwanger auf der Bühne. Die Schauspielerin Johanna Wokalek holt sich ihre Inspiration aus dem Museum und tanzt für Depeche Mode.

Frau Wokalek, in Ihrem neuen Film „Freiheit“ spielen Sie eine Frau, die aus ihrem Leben als Ehefrau und berufstätige Mutter ausbricht, weil sie die täglichen Routinen nicht mehr erträgt. Kennen Sie dieses Gefühl, Urlaub vom Leben zu brauchen?

In meinem Alltag gibt es zum Glück wenige Routinen. Mein Mann ist Dirigent. Das heißt, unser Leben ist immer in Bewegung. Wir müssen Ruhephasen regelrecht planen. Natürlich schaue ich manchmal ein bisschen neidisch auf Familien mit einem ganz geordneten Alltag. Zu mir würde es allerdings nicht passen. Ich mag das Spontane an unserer Lebensweise, das Improvisierenmüssen. Immer wenn ich merke, dass die Gefahr von Routine besteht, versuche ich mein Leben zu ändern.

Man sieht in den vergangenen Jahren öfter Filme über Menschen, die sich in ihren arrivierten Leben eingeschnürt fühlen. Bringt unsere Wohlstandsgesellschaft solche Luxusprobleme mit sich?

Ich denke, das ist Fluch und Segen unserer Zeit. Es hängt davon ab, wie man auf meine Figur Nora guckt. Natürlich kennt sie keine existenziellen Probleme, sie hat Arbeit, eine Familie, aber gerade das bereitet ihr Sorgen, denn sie hat nur das eine Leben. Und wenn ich dieses Leben als Mangel empfinde oder als so trügerisch, dass ich darin unglücklich werde, muss ich etwas ändern. Wobei ich nicht bewerten möchte, ob es richtig oder falsch ist, dafür die eigene Familie zu verlassen.

Im Film ist Freiheit nicht unbedingt positiv besetzt. Sie bleibt eine Selbsttäuschung.

Eine absolute Freiheit, wie Nora sie sich ersehnt, ist in unserer Existenz ohnehin nicht lebbar. Ihre Entscheidung macht andere wiederum unfrei, zum Beispiel Noras Mann, den sie mit den Kindern zurücklässt. Auch Nora kann ihre neue Freiheit nicht leben, weil ihre Vergangenheit sie nicht loslässt. Deshalb befindet sie sich in einem ständigen inneren Dialog mit dem, was sie zurückgelassen hat. Sie kann sich nicht einfach neu erfinden.

Johanna Wokalek als Zimmermädchen im Arthouse-Film „Freiheit“, der seit Donnerstag im Kino läuft. Foto: Film Kino Text
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Sie haben bei Klaus Maria Brandauer am Max Reinhardt Seminar gelernt. Würden Sie ihn als Ihren Lehrmeister bezeichnen?

Wir sind heute miteinander befreundet. Für mich ist er „der Klaus“. Wir hatten auch nie ein klischeehaftes Lehrer-Schülerin-Verhältnis, Klaus ist ja in dem Sinn kein Pädagoge. Er hat eine ganz starke Persönlichkeit, dem begegnet man eher.

Brandauer strahlt eine enorme Präsenz aus. Ist das nicht einschüchternd?

Da gilt es gegenzuhalten. Ich finde, dass die Bedeutung von Schauspielschulen für junge Schauspielerinnen und Schauspieler generell überbewertet wird. Die Begegnung mit starken Persönlichkeiten ist viel prägender, in diesen Situationen muss man sich als junge Schauspielerin behaupten, sein Anderssein verteidigen. Bevor ich ans Seminar ging, hatte ich mir noch einmal „Jenseits von Afrika“ angesehen, danach war ich vor allem neugierig, ihn zu treffen. Und ich wurde nicht enttäuscht. Der Klaus ist der Klaus. Und das sage ich in aller Liebe.

Im Zuge der #MeToo-Debatte ist viel über Machtstrukturen gesprochen worden. Als Sie junge Schauspielerin waren: Kostete es Sie Mühe, sich zu behaupten?

Nein, mir persönlich hat es tatsächlich keine Mühe bereitet. Aber das mag daran liegen, dass ich immer darauf bestanden habe, eine Begegnung auf Augenhöhe stattfinden zu lassen. Ich war nicht so leicht einzuschüchtern. Ich habe grundsätzlich ein Problem, wenn man Autorität spielt und Macht vorzeigt. Das konnte ich noch nie ernst nehmen. Ich habe meinen Verstand und kann einigermaßen klar denken und ausdrücken, was ich will oder nicht will.

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