Ein Hauch von Asien. Die Besitzer des Hotels haben enge Beziehungen nach Indonesien. Foto: guldsmedenhotels.com/berlin/
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Hotelkolumne: In fremden Federn Gott erhalte die Potsdamer Straße

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Als Touristin in der eigenen Stadt: Die gute alte Potse wird immer bunter. Neueste Errungenschaft: das dänische Hotel „Lulu Guldsmeden“.

Wann fing das eigentlich an, dass Brillen aufhörten, Sehhilfen zu sein, und zum Luxusaccessoire avancierten? Edeloptiker gibt’s in Berlin mittlerweile zahlreicher als gute Bäcker. Inzwischen hat es auch die Potsdamer Straße erwischt, drei Läden auf einer Distanz von ein paar 100 Metern, einer davon in der alten Tagesspiegel-Pförtnerloge, das nennt man Gentrifizierungsalarm.

Aber keine Angst, die gute alte Potse ist zäh. Da mögen noch so viele Galerien, Concept Stores und Edelrestaurants in alte Gewerberäume und Hinterhöfe einziehen – das Schrabbelige, Ranzige bleibt der verkehrsreichen Straße erhalten. Und dafür hat man die Meile richtig lieb.

Während Porzellanmacherin Stefanie Hering also ihre edlen Tässchen einzeln aufs Podest stellt (Vorsicht, kostbar!), kann man bei Woolworth noch immer alles erstehen, was man im Alltag so braucht, vom Klopapier bis zum Oberhemd. In seiner US-amerikanischen Heimat ist das historische Billigkaufhaus längst ausgestorben. Der gute alte Metzger Staroske hält die Stellung, sein Gulasch ist garantiert zarter als das Boeuf Bourguignon in der Brasserie Lumières. Vielleicht haben die Ur-Berliner Fleischereifachverkäuferinnen sogar mehr Charme als der französische Kellner, der kein Verständnis für die Lust auf einen fruchtigen, runden Weißwein aufbringen kann. Für solche Gelüste habe er keine „solution“, erklärt er pikiert. Hammwanich auf Gallisch.

Wie ein Mondrian, für Arme

Sex and Drugs und Döner gibt’s nach wie vor an der Potse zu kaufen, selbst die Avantgarde, wie Victoria Bar und Joseph Roth Diele, wurde bisher nicht verdrängt. Vielleicht bleibt die Potsdamer die letzte bunte Berliner Mischung.

Und es wird immer bunter. Neueste Errungenschaft: ein dänisches Hotel, „Lulu Guldsmeden“. Auch wenn es asiatisch anmutet mit den tropfenartigen Beleuchtungskörpern drinnen wie draußen, mehr Lampion als Lampe. Die Besitzerfamilien haben enge Beziehungen nach Indonesien. Die rohe, rote Backsteinwand im Zimmer könnte auch in Brooklyn stehen, das Himmelbett ohne Himmel, die breiten Kolonialledersessel erinnern an Tania Blixen: „I once had a farm in Africa ...“ Immerhin, die Schriftstellerin war Dänin. Die Bettdecke ist ziemlich hyggelig, die Mitarbeiterschar kosmopolitisch, das Einzige, was man vermisst, ist modernes skandinavisches Design.

Aber das Licht! Die winterliche Morgensonne taucht die Potsdamer Straße in echtes Gold, die Plattenfassade vis-à-vis sieht aus wie ein Mondrian, für Arme. Für Reiche eröffnet Paul Smith, nur ein paar Schritte entfernt, in diesem Frühjahr eine Boutique. Gott erhalte die Potsdamer Straße.

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