Der Kopf bleibt draußen. Unsere Autorin taucht ein in 220 Liter Moor, die Pampe soll bei vielen Krankheiten lindernd wirken. Foto: gesundes-bayern.de/Gert Krautbauer
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Heilbäder in Bayern Gimme Moor

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Es sieht aus wie püriertes Gemüse mit Bratensoße, ist 42 Grad heiß und macht pumperlgsund. Report aus den Wannen von Bad Aibling und von einem Besuch am See.

Noch ist die Wanne leer, noch glänzt der Edelstahl im nüchtern gefliesten Bad. Da blubbert plötzlich eine dickflüssige schwarze Suppe vom Wannenboden nach oben. Badefrau Silke Werner-Karl lässt das Moor für den Gast ein. Optisch erinnert es an dunkle Schokoladenmasse. Unwillkürlich denkt man an den mit Schokocreme gefüllten Badezuber, in den Anfang der Nullerjahre das seinerzeitige Berliner It-Girl Ariane Sommer für eine Werbekampagne stieg.

Zunächst füllt Werner-Karl, die seit gut zehn Jahren in der Wendelsteinklinik im bayerischen Bad Aibling arbeitet, die Wanne nur halb. Vorsichtig schwingt man zunächst ein Bein ins Moor, testet mit dem Zeh die Temperatur – heiß, aber erträglich –, sucht Halt auf dem Boden in der dunklen Pampe und zieht das zweite Bein nach. Alles unter dem aufmerksamen Blick der Badefrau. Weiteres Moor dringt nach oben, bis die Wanne randvoll gefüllt ist. Sie fasst 220 Liter. Allmählich kann man es wagen, vollständig darin zu versinken. Nur der Kopf bleibt draußen.

Die Entspannung beginnt. Das Moor legt sich um den Körper, umschließt ihn fest. Die ungewohnte Konsistenz ähnelt einer Mischung aus püriertem Gemüse mit Bratensoße, ist aber weder fettig noch klebrig und hat nur wenig Eigengeruch. Der Körper fühlt sich leicht an, als wolle er die Schwerkraft überwinden. Die Haut wird samtig-weich.

Wo kein Schatten fällt, gedeiht das Moor

Das Moor, das in den Wannen von Bad Aibling landet, wird nahe der Hauptstraße auf einer von einem Wäldchen umgebenen Wiese gehoben. Sie sieht aus wie jede andere in Oberbayern. Stünde da nicht am Rand ein Riesenbagger und eine Art Bassin, in dem schwarz-braunes Wasser dümpelt.

Unter der Grasnarbe verbirgt sich nicht Lehm, sondern das Moor. So bezeichnet man Boden, der immer feucht ist, niemals austrocknet und in dem Pflanzen aufgrund des Nährstoffmangels zu Torf umgewandelt werden. Voraussetzungen für diesen Prozess sind eine hohe Luftfeuchtigkeit und fehlende Bäume. Wo kein Schatten fällt, gedeiht das Moor. Jenes Naturphänomen, um das sich so viele gruselige Geschichten ranken. „O schaurig ist’s übers Moor zu gehen“, beginnt eine der bekanntesten Balladen des 19. Jahrhunderts: „Der Knabe im Moor“ von Annette von Droste-Hülshoff.

Max Panradl, dessen Firma der Bagger gehört und der das 65 000 Quadratmeter große Abbaugebiet von drei Landwirten gepachtet hat, scheren keine Mythen. Er sieht die Sache nüchterner, lässt nur Fakten gelten. Nämlich die, dass das Moor heilende Kräfte hat und den Menschen bei etlichen Krankheiten Linderung verschafft, rheumatischen Beschwerden oder Arthrose beispielsweise. Im Aiblinger Moor finden sich rund 250 sogenannte Huminsäuren, die durch den Abbauprozess von biologischem Material entstanden sind und denen eine Wirkkraft zugeschrieben wird.

Heilbädern ging es gut, bis Seehofer Gesundheitsminister wurde

Bad Aibling ist das älteste Moorheilbad Bayerns. Wahrscheinlich könnte man in der Region fast überall auf einer Wiese buddeln und auf Moor stoßen. 40 Prozent des Landkreises bestünden aus ähnlichem Boden, sagt Kurdirektor Thomas Jahn. Alles begann damit, dass der bayerische Amtsgerichtsarzt Desiderius Beck 1838 nach Aibling versetzt wurde. Für ihn ein Kaff, aus dem er um baldige Versetzung bat. Mehrfach, erfolglos. Bis der Mediziner erkannte, was der dortige Boden hergab. 1845 eröffnete er die „Soolen- und Moorschlamm-Badeanstalt“, aus der später das Ludwigsbad hervorging, eines der größten Kurhotels seiner Zeit.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Ort als Heilbad anerkannt, lebte gut davon, viele Jahrzehnte lang. Bis ein Bayer namens Horst Seehofer das Gesundheitsministerium übernahm. Mitte der 1990er Jahre mahnte er an, die Kosten zu dämpfen. „Die Gesundheitsreform hat uns genauso erwischt wie alle anderen Bäder“, sagt Kurdirektor Jahn. Die Kuren wurden radikal zusammengestrichen, der Umbruch führte zur Zäsur. Es gibt nun die Zeit vor der Gesundheitsreform und die Zeit danach.

Auch für Moor-Unternehmer Panradl. Er führt das Familienunternehmen in dritter Generation und hat die Einbußen ebenso zu spüren bekommen wie die Kliniken, Hotels und Pensionen, in denen die Kurgäste unterkommen. In den 80er Jahren, als die Krankenkassen noch Kuren großzügig gestatteten, waren Panradls Bagger unentwegt im Einsatz. Bis zu 25 000 Kubikmeter Moor hoben sie jährlich aus. Heute wird nur ein Zehntel davon gebraucht – allerdings dank des neuerdings beliebten Gesundheitstourismus mit leicht steigender Tendenz. Panradl weiß sich mit einer erweiterten Produktpalette zu helfen: Über einen Onlineshop vertreibt er Moorkissen, -salben und -bäder für die heimische Badewanne.

Die Behandlung ruft ein künstliches Fieber hervor

Die Kliniken reichern das Moor, das Panradl ihnen liefert, in Aufbereitungsanlagen mit Wasser an, im Verhältnis eins zu drei oder eins zu vier. Für die Bäder wird die schlammige Flüssigkeit auf 41 bis 42 Grad erwärmt. Ein Wasserbad mit dieser Temperatur würde der Körper nicht aushalten, Verbrennungen wären die Folge. Aber Moor leitet die Wärme nur schlecht, deswegen lässt sich die Hitze für ein Bad von maximal 20 Minuten aushalten. Trotzdem belastet es den Körper. Badefrau Silke Werner-Karl achtet genau darauf, ob dem Kurgast beim Aufstehen nicht etwa schwindelig wird.

Die Behandlung ruft ein künstliches Fieber hervor. Bei Frauen soll die Körpertemperatur um bis zu anderthalb Grad steigen; bei Männern wird das Fieber nicht ganz so hoch. Werner-Karl weist ihre Gäste an, nach dem Bad die Ruhe einzuhalten. In kurzen Abständen überprüft die resolute, drahtige Frau, ob es ihren Schützlingen gut geht. Hin und wieder muss sie wohlig schlafende Patienten wecken. „Ich küsse meine Prinzen wach“, sagt Werner-Karl.

Wie das Moor nun seine heilende Wirkung beim Menschen entfaltet, kann der Chefarzt der Wendelstein-Rehaklinik nicht genau erklären. Er ist sich nur sicher, dass die Behandlung wirkt. Inzwischen bieten Bad Aibling und Alex Höfters Klinik Programme an, bei denen während eines dreiwöchigen Aufenthalts neben anderen Therapien auch Moorbäder zur Burnout-Prophylaxe eingesetzt werden. „Im Moor zum inneren Gleichgewicht“ heißt dieses gesundheitspräventive Projekt, das in seinen Anfängen von der Ludwig-Maximilian-Universität in München wissenschaftlich begleitet wurde.

Ein Moorbad kann dabei helfen, die Stresshormone zu senken

Die Biologin Marita Stier-Jarmer hat es an der Münchner Universität ausgewertet. Sie kommt zum Ergebnis, dass bereits einzelne Moorbäder stressmindernd wirken. Dies ließ sich klinisch nachweisen, da im Speichel der Teilnehmer die Konzentration der Stresshormone gesunken war und das persönliche Wohlbefinden in Befragungen höher eingeschätzt wurde, schreibt sie in einem medizinischen Fachblatt. Moorbäder seien als therapeutisches Element bei Präventionsprogrammen gegen Stress zu empfehlen.

In einem weiteren Bereich werden dem schwarzen Rohstoff ebenfalls wundersame Wirkungen zugeschrieben. „Das Hochmoor mit seinen spezifischen und hochwirksamen Inhaltsstoffen kann helfen, den Traum vom eigenen Kind wahr werden zu lassen.“ So bewirbt das rund 90 Kilometer von Bad Aibling entfernte Bad Kohlgrub Kinderwunschurlaube. Das Moor enthalte neben Humin- auch andere Stoffe, die sich hormonstimulierend auswirken und damit die Möglichkeit fördern, auf natürlichem Wege schwanger zu werden.

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Derart offensiv gibt sich Bad Aibling nicht. Trotzdem kennt Kurdirektor Thomas Jahn solche Geschichten. Der frühere Gynäkologe des Ortes habe Patientinnen, die lange nicht schwanger werden konnten, zum Moorbad geschickt und darüber eine kleine private Studie angestellt. Bei 21 Frauen habe sich anschließend der Kinderwunsch erfüllt. Das bayerische Moor taugt, so scheint’s, eher für Geschichten mit Happy End als für Schauererzählungen.

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