Nachdem Urmila (rechts) frei kam, lebte sie in einer Wohngemeinschaft. Eine der Mitbewohnerinnen war Saswati. Das Foto entstand während der Dreharbeiten zu dem Film „Urmila – für die Freiheit“. Foto: Susan Gluth / Farbfilm Verleih
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Die Geschichte von Urmila Chaudhary Verkauft für ein paar Rupien

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Sie war erst sechs, als ihre Eltern sie als Sklavin verkauften. Jahrelang kochte, putzte und wusch sie für Fremde. Hier erzählt die Nepalesin Urmila Chaudary, wie sie der Zwangsarbeit entkam.

Ich saß beim Abendessen mit meiner Familie und konnte nicht sprechen, weil ich den ganzen Tag geschrien hatte. Es war mein erster Tag in Freiheit nach fast zwölf Jahren als Kamlari – als Kindersklavin in Nepal.

Als mich meine Familie verkaufte, war ich sechs. Ich bin das jüngste von sieben Kindern. Auch meine zwei älteren Schwestern waren Kamlari. Der Ausdruck bedeutet übersetzt „hart arbeitende Frau“. Die kleinen Mädchen zur Arbeit wegzuschicken, ist Tradition in meiner Kultur, bei der Volksgruppe der Tharu. Eine Tradition, die seit 2013 illegal ist.

Ich bin im Terai aufgewachsen, einer Tiefebene im Südwesten des Landes. Meine Familie war arm, sind wir heute noch. Wir gehören zu einer der untersten Kasten, wurden ähnlich behandelt wie die „Unberührbaren“. Die Regierung hat schon in den 1960er Jahren ein Gesetz erlassen, das Diskriminierung aufgrund der Kaste verbot. Doch die Menschen aus höheren sozialen Schichten sind nur nach außen höflich.

Zum Neujahrsfest im Januar kamen stets Männer in unser Dorf Manpur, um Mädchen mitzunehmen. Manchmal waren es die Hausherren selbst, manchmal schickten sie Zwischenhändler, so war es bei mir.

Mein Vater war krank, wir brauchten Geld für die Medikamente. Der Mittelsmann versprach meinen Eltern, ich würde nicht nur arbeiten, sondern auch in die Schule gehen. Eine Lüge. Meine Eltern stellten wenige Fragen, auch weil sie die Sprache des Mannes aus der weit entfernten Hauptstadt nicht verstanden. Er gab ihnen ein paar tausend Rupien, etwa 25 Euro. Mein Lohn für ein Jahr.

Als es Zeit war zu gehen, saß ich mit meiner Schwester zusammen, habe ihren Nagellack bewundert und sie gefragt, was mich erwarten würde. Sie arbeitete auch als Kamlari und war nur für einen kurzen Besuch zu Hause. Sie erklärte mir, dass ich putzen, kochen, waschen, mich um die Kinder kümmern müsste. „Wenn der Hausherr dich schlägt, sag nichts. Wenn er dir etwas befiehlt, tu es ohne Widerworte. Das sind reiche Leute, und du arbeitest für sie.“

"Neue Schuhe sollten den Abschied erleichtern"

Ich wollte nicht mitgehen mit dem Händler. Mein Bruder kaufte mir neue Schuhe, sie sollten mir den Abschied erleichtern. Ich habe sie in eine Plastiktüte gepackt, zum Rest meiner Kleidung, sie sollten sauber bleiben.

Der Händler nahm noch sechs andere Mädchen mit. Ich war die Jüngste. Wir mussten einen Fluss durchqueren. Aber ich war zu klein und das Wasser zu hoch. Mein Bruder begleitete mich einige Stunden und trug mich über den Fluss. Zum Abschied legt er seine Stirn an meine. Ob ich geweint habe, weiß ich nicht mehr.

Urmila Chaudhary reist durch Nepal und klärt die Landbevölkerung mit dem "Trauma-Theater" über die schlechten Verhältnisse auf, in denen Kamlaris leben. Foto: Susan Gluth / Farbfilm Verleih
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Als ich in Kathmandu ankam, war es schon Nacht. Ich konnte nichts sehen, aber ich war mir sicher, dass alles groß und schön ist und Geld auf der Straße liegt. Das Haus, in dem ich die nächsten acht Jahre als Dienstmädchen arbeiten sollte, beeindruckte mich. In den Fenstern war Glas, und sie benutzen einen Herd – daheim kochten wir über dem offenen Feuer. Ich musste mich auf einen Stuhl stellen, um an die Kochstelle heranzureichen.

Nicht nur der Herd war neu für mich. Die Großstadt hat mich überwältigt. Es gab elektrische Lampen, Fernseher, Zeitungen und vor allem: Autos. Die Hausherren schickten mich am ersten Tag in Kathmandu zu einem Laden, um Milch zu holen.

Was waren das für seltsame Fahrzeuge auf der Straße? Irgendwann habe ich mich an den Rand gesetzt und sie gezählt. Als ich weitergehen wollte, war plötzlich die Milch weg, Straßenhunde hatten sie gestohlen. Die Hausherren waren wütend, glaube ich. Sie haben aufgebracht miteinander geredet, aber ich konnte ihre Sprache nicht verstehen.

Ich schlief in einem Zimmer mit der Großmutter. Sie im Bett, ich auf einer Matte am Boden. Manchmal konnte ich auch gar nicht schlafen, weil ich die ganze Nacht mit Wasserholen beschäftigt war. Es gab kein fließendes Wasser und in jedem Stadtteil nur einen öffentlichen Brunnen.

"Sie sperrte mich den ganzen Tag im Haus ein"

Die Schlangen waren lang, der Wasserdruck niedrig. Es dauerte ewig, bis ein Kanister voll war. Danach konnte ich mich nicht ausruhen, denn ich musste jeden Morgen Frühstück anrichten – Tee und Chapati, Fladenbrot – und die Kinder zur Schule bringen, obwohl ich mit sechs Jahren etwa gleich alt war.

Ich habe sie angezogen, ihre Rucksäcke gepackt und diese zur Schule getragen. Dann habe ich das Haus geputzt und Wäsche gewaschen. Meine Hände waren oft geschwollen und brannten, vor allem nachts. Im Winter ist es kalt in Kathmandu, und in den feinen Häusern kann man kein Feuer in der Mitte des Raumes machen und drum herum schlafen, wie wir es im Dorf getan haben.

Manchmal habe ich den Hausherrn gefragt, ob ich auch in die Schule dürfe. Er hat mich angeschrien: „Wer macht dann hier die Arbeit? Du bist nicht unser Kind, du bist unser Hausmädchen.“ Heim durfte ich in all den Jahren nur zwei Mal für wenige Stunden. Nach zwei Jahren stellte er die Lohnzahlungen an meine Familie ein. Angeblich wollte er das Geld nun mir geben, doch ich habe nie welches bekommen.

Es war kein schönes Leben dort, aber es war besser als das, was mich danach erwartete. Nach acht Jahren schickten sie mich zu einer Tante. Sie sagten meiner Familie nichts davon. Als mein Bruder irgendwann die Telefonnummer erfuhr, verleugnete sie mich. Meine Familie dachte lange Zeit, ich sei verschwunden.

Meine neue Chefin war Politikerin und gehörte zur Königsfamilie. Sie sperrte mich den ganzen Tag im Haus ein. Drei verschlossene Türen und eine Mauer. Mein Gefängnis. Sie hat mich auch psychisch gedemütigt, mir gesagt, dass die Polizei vor der Türe warte, falls ich weglaufen wolle. Ich musste in einer Ecke im Wohnzimmer schlafen.

Vorher hatte ich zumindest Menschen zum Reden, die Kinder, die Großmutter. Meine neue Chefin lebte allein, hatte zwar ständig Gäste, doch es war mir untersagt, mit ihnen zu sprechen. Ich stand noch früher auf als zuvor, weil ich ihr Auto waschen musste, bevor sie zur Arbeit fuhr.

Die ehemalige Kindersklavin lebt heute wieder mit ihrer Familie in Manpur. Foto: Privat
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"Ich hatte in fast zwölf Jahren meine Sprache verlernt"

Wenn ich Essen kochte, ohne dass sie mich darum ausdrücklich gebeten hatte, warf sie alles weg. Sie bekam den guten Reis, ich den schlechten. Ich habe gern in der Zeitung geblättert, ich konnte zwar nicht lesen, aber ich sah mir die Bilder an. Wenn sie mich erwischt hat, schmiss sie die Zeitung fort. Ich durfte ihr auch nicht in die Augen sehen.

Dass ich ihr entkommen bin, war vor allem Glück. Als ich ihr eines Morgens Saft ans Bett brachte, liefen die Nachrichten. Plötzlich war da mein Bruder auf dem Bildschirm bei einer Demonstration gegen die Zwangsarbeit für Jungen in Nepal. Ich merkte mir den Ort.

Seit fünf Jahren hatte ich ihn nicht gesehen, doch die Hausherrin wollte mich nicht zu ihm lassen. Ich habe gebettelt, gefleht, immer wieder. Nein. Erst als ich trotzig wurde, nicht mehr auf ihre Rufe reagierte, hat sie es mir endlich erlaubt. Fünf Minuten, sagte sie.

Danach habe ich aufgehört zu essen, meine Haare nicht mehr gekämmt, ihre Befehle nicht ausgeführt. Schließlich ließ sie mich heim – auf Besuch. Ich musste ihr versprechen, wiederzukommen. Mein Bruder holte mich ab. Die Busfahrt dauerte 15 Stunden. Meine Familie wohnte immer noch im selben Haus, und es war die gleiche Jahreszeit, in der ich als kleines Mädchen verkauft wurde. Das Maghe-Fest stand an.

Als ich zu meinem Haus laufen wollte, sah ich viele junge Frauen mit Schildern: „Stoppt das Kamlari-System“. Da wurde mir klar, wie viele Tausende mein Schicksal teilten, wie vielen die Kindheit geraubt wurde. Ich hatte meine Eltern noch gar nicht gesehen, aber ich musste mit den Frauen laufen. Bis es dunkel war, protestierten wir Seite an Seite. Als ich zum Abendessen kam, hatte ich keine Stimme mehr.

Endlich saß ich am Tisch, in unserem Haus, mit meiner Familie. Meine Eltern und mein Bruder unterhielten sich. Ich weiß nicht, worüber, denn ich hatte in fast zwölf Jahren meine Sprache verlernt. Auch das scharfe Essen war ich nicht mehr gewohnt.

Jetzt bin ich 25. Habe einen Schulabschluss gemacht. Ich lebe immer noch in dem Dorf mit meiner Familie. Ich habe meinem Vater und meinem Bruder gesagt, sie dürfen dieses Gebäude niemals abreißen. Es ist mein Zuhause.

Urmila hat im Januar den Alice-Salomon-Preis der gleichnamigen Hochschule in Marzahn-Hellersdorf bekommen. Foto: Georg Moritz
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Über Urmila Chaudhary

Urmila Chaudhary ist heute 25 Jahre alt. Sie gründete 2010 in Nepal mit anderen den gemeinnützigen Verein „Freed Kamlari Development Forum“, dessen Präsidentschaft sie später übernahm. Die Organisation hilft, Mädchen aus der Zwangsarbeit zu befreien, leistet Aufklärung in Dörfern und organisiert Demonstrationen.

13 000 Mädchen konnten bisher gerettet werden. Im Januar 2018 erhielt Urmila aufgrund ihres Einsatzes für die Rechte, die Freiheit und die Bildung von Mädchen und Frauen in Nepal den Alice Salomon Award von der gleichnamigen Hochschule.

Kinderarbeit

Ein internationales Verbot der Kinderarbeit trat 1990 mit der UN-Kinderrechtskonvention in Kraft. Alle Mitgliedstaaten, bis auf die USA, haben sie ratifiziert, auch Nepal. Sklaverei ist seit Inkrafttreten der Menschenrechtskonvention 1948 verboten.

Trotzdem gibt es nach Schätzung des Kinderhilfswerks Unicef, der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der Weltbank 168 Millionen Fälle von Kinderarbeit. Global arbeiten nach Unicef-Zahlen wohl 15 Millionen Kinder und Jugendliche wie Urmila in privaten Haushalten – der Großteil von ihnen sind Mädchen.

Mehr zum Thema

Eine neue Studie der ILO, der „Walk Free Foundation“ und der „International Organisation für Migration“ besagt, dass 2016 rund 40 Millionen Menschen weltweit von modernen Formen der Sklaverei wie Zwangsarbeit oder -ehen betroffen waren. Ein Viertel davon Kinder.

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