Er konnte nicht zurück. Im Film „Vor uns das Meer“, der am 29. März in die Kinos kommt, wird der unglückselige Donald Crowhurst von Colin Firth dargestellt. Foto: Dean Rogers/Studiocanal
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Die Geschichte des Golden Globe Race Obwohl das Meer es gut mit ihm meinte

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Im Jahr 1968 versuchten sich neun Solosegler an einem Rekord: Wer würde als erster nonstop die Welt umrunden? Nur einer schaffte es. Ein anderer verlor den Verstand.

Man fand das Boot treibend mitten im Atlantik. Es hätte noch Wochen, Monate so treiben können, ohne entdeckt zu werden. Aber nun war es zufällig am 10. Juli 1969 der Besatzung eines britischen Postfrachters aufgefallen, der das ziellos in den Wellen schaukelnde Gefährt suspekt vorkam, sodass sie die Maschinen stoppen ließ, 1800 Seemeilen von der englischen Küste entfernt. Ein kleines Segel am Heck war gesetzt, die anderen sorgfältig zusammengebunden. Wo war die Besatzung?

Wie sich herausstellte, handelte es sich um den Trimaran eines englischen Geschäftsmannes, der am Golden Globe Race teilnahm. Alles, was die Seeleute über ihn wussten, hatten sie aus einem Zeitungsausriss: Im Oktober des Vorjahres war Donald Crowhurst als Letzter von neun Teilnehmern in das Nonstop-Rennen um die Welt gestartet, hatte im Südatlantik mächtig aufgeholt und galt zu diesem Zeitpunkt als aussichtsreicher Kandidat auf die Siegprämie von 5000 Pfund. Ein kleines Vermögen, das für die schnellste Erdumrundung ausgelobt worden war.

Was war geschehen, dass Crowhursts Dreirumpfboot nun aber unbemannt im Ozean dümpelte? Unbeschädigt, wie es schien. Nahrung und Trinkwasser waren ausreichend vorhanden. In der Kajüte lagen elektronische Bauteile durcheinander wie von einer unbeendeten Reparatur. Im Spülbecken stapelte sich Geschirr. In den sorgfältig geführten Logbüchern fand sich ein letzter Eintrag, der 16 Tage zurücklag. Das Ganze kam dem Kapitän des Frachtschiffs äußerst merkwürdig vor.

In den folgenden Tagen, da eine Suchaktion nach dem vermissten Segler eingeleitet und erfolglos wieder eingestellt wurde, hatte der Kapitän genug Zeit, sich durch Crowhursts Aufzeichnungen zu arbeiten. Sie ergaben wenig Sinn. Die Navigation war akkurat ausgeführt, vielleicht ein bisschen zu sorgfältig für einen Segler, der vollkommen auf sich allein gestellt doch unter Schlafmangel gelitten haben musste. Zwischen ausschweifenden philosophischen Betrachtungen fand der Kapitän ein paar verstörende Sätze: „Die Natur erlaubt Gott / Keinerlei Sünden zu sündigen / Außer Einer - / Das ist die Sünde des Verbergens / … Es ist das Ende meines Spiels / Die Wahrheit ist offenbart worden, und es wird geschehen wie meine Familie es von mir verlangt …“

Joshua Slocum brauchte drei Jahre, Francis Chichester nur 226 Tage

50 Jahre sind vergangen, seit das Golden Globe Race stattgefunden hat. Über Crowhursts rätselhaftes Verhalten sind etliche Bücher und TV-Dokumentationen erschienen, und Ende März kommt „Vor uns das Meer“ ins Kino, mit Oscarpreisträger Colin Firth in der Hauptrolle (Originaltitel: „The Mercy“). Der Film, der Crowhursts Reise rekonstruiert, könnte erstmals einem breiten Publikum begreiflich machen, welche Strapaze monatelange Einsamkeit auf See bedeutete, und warum sie vom Wahnsinn überschattet wurde.

In den Annalen der Seefahrt nimmt das Golden Globe Race einen bizarren Platz ein. Geboren in dem Wunsch nach Rekorden, war es einerseits der schlüssige nächste Schritt einer Entwicklung im Jachtsport, die kleine Segelboote immer widerstandsfähiger gemacht hatte. Andererseits wurde das gültige Maß für Tempo immer noch von den Teeklippern vorgegeben, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts packende Wettfahrten um die halbe Welt geleistet hatten, um als Erste mit der neuen Teeernte aus China in London einzutreffen und den Marktpreis diktieren zu können. Dass sich einer aus purem Vergnügen und noch dazu allein einer solchen Distanz aussetzen würde, war schon abwegig genug, da kam es erstmal nicht auf Geschwindigkeit an. Als der Amerikaner Joshua Slocum 1895 zu einer Weltumsegelung aufbrach, war er drei Jahre unterwegs. Mitte der 1960er glaubte der englische Flugpionier Francis Chichester, schneller als die Teeklipper sein zu können, wenn er die passende Jacht besäße.

Und tatsächlich: Bei seiner Rückkehr 1967 sollte er mit der Gypsy Moth IV nur 226 Tage benötigt haben. Eine Viertelmillion Menschen kam nach Plymouth, um die Ankunft des knochigen 66-jährigen Asketen mitzuerleben, der in seiner Jugend als Pilot bereits bemerkenswerte Streckenrekorde aufgestellt hatte. Sogar die Queen und ihr Hofstaat waren anwesend.

Dass Chichester seine Jacht in einer Werft in Sydney hatte überholen lassen, ließ allerdings noch Raum für etwas Größeres. Der Franzose Bernard Moitessier traf unverzüglich Vorkehrungen für eine Nonstop-Umsegelung. Er war ein genialer Vagabund, der als Autor viel gelesener Bücher bekannt geworden und mit 43 Jahren derjenige war, dem man einen Erfolg am ehesten zutraute.

Die "Sunday Times" rief das Golden Globe Race ins Leben

Als der britische Seemann Robin Knox-Johnston von den Plänen des Franzosen erfuhr, war sein Ehrgeiz geweckt: „Ich kann nicht hinnehmen, dass ein anderer als ein Brite der Erste sein würde, dem es gelingt“, sagte sich der 29-Jährige. Knox-Johnston war einige Jahre als Offizier auf Handelsschiffen unterwegs gewesen, jetzt diente er auf einer britischen Fregatte. In Indien hatte er sich mit Freunden eine knapp zehn Meter lange Holzketsch namens Suhaili gebaut. Die überführte er 1966 nach England, was ihm einigen Respekt verschaffte. Er wollte nun, nachdem Chichester „eine Sache unerledigt gelassen hatte“, selbst derjenige sein, der es schaffte. „Es gehörte auch eine Portion Egoismus dazu“, sollte Robin Knox-Johnston später über seine Motivation sagen. „Ich segelte um die Welt aus dem schlichten Grund, dass ich es verdammt noch mal wollte, und ich hatte gründlich Spaß.“

Auf der Suche nach einem Sponsor wandte sich Knox-Johnston an die „Sunday Times“, die schon Chichesters Unternehmungen gefördert hatte. Doch er wurde abgewiesen mit dem Argument, dass sein Boot zu klein sei. Es war dann das Konkurrenzblatt „Sunday Mirror“, das sein Projekt unterstützte. Und die „Sunday Times“ hatte ein Problem. Nachdem sie nun von mehreren Aspiranten erfahren hatte, die sich auf den Nonstop-Trip begeben würden, wollte sie ihren guten Ruf nicht an einen Teilnehmer binden, der womöglich unterlag. Die Lösung bestand darin, einen Preis für die schnellste Weltumsegelung auszuloben und auf diese Weise das Sunday Times Golden Globe Race ins Leben zu rufen. Als Startfenster wurde die Zeit zwischen 1. Juni und 31. Oktober 1968 festgelegt.

Moitessier hielt nichts von Ehrungen und Wettkämpfen. Er empfand zunehmend Verachtung für die Zwänge eines modernen Lebens. Die Kommerzialisierung von etwas, das er als seinen Lebenstraum auffasste, ekelte ihn an. Und so begab er sich nur widerwillig nach England, wo sich abgesehen von Knox- Johnston sieben weitere Segler auf die Reise vorbereiteten. Darunter ausgewiesene Seebären wie die beiden britischen Soldaten John Ridgeway und Chay Blyth, die zuvor gemeinsam den Atlantik in einem Ruderboot überquert hatten, der britische U-Boot- Kommandant Bill King, der Marine-Offizier Nigel Tetley, der mit seiner Frau auf einem Trimaran lebte, sowie der italienische Navigator Alex Carozzo, der als bester Hochseesegler seines Landes galt.

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