Massenproteste vor den Wahlen 2014 in Bosnien. Foto: AFP
p

Die Folgen des Krieges Wie junge Bosnier um Normalität ringen

Stefanie Nickel
4 Kommentare

Sie wurden groß mit dem Anblick von Toten. Heute sind Amra, Belma und Neno erwachsen, aber Bosnien hat noch immer keinen Frieden gefunden.

Amra ist acht, als sie ansehen muss, wie eine Granate ihre beste Freundin in Stücke reißt. Es ist der Spätsommer 1992 in Sarajevo. Die Granate schlägt vor der eigenen Haustür ein, während die Kinder spielen. Die Freundin stirbt vor Amras Augen, so wie drei weitere Menschen, 24 werden verletzt – die meisten von ihnen Kinder.

Ganz und gar farblos ist das Gesicht von Amras Mutter, als sie ihre blutüberströmte Tochter zwischen den Leichen und Verletzten auf der Straße findet. Das Mädchen versucht noch, die Wunde am Bein mit dem Rockzipfel zu überdecken, aus Scham. Irgendwie glaubt Amra, der kaputte Rock und die Wunde seien ihre Schuld.

Fast vier Jahre dauert die Belagerung Sarajevos durch die serbische Armee. Sterbende Menschen sieht Amra nun ständig, erschossen auf offener Straße von serbischem Militär, das sich in den Bergen verschanzt. Die malerische Lage im Tal des Dinarischen Gebirges wird der Stadt während des Bosnien-Kriegs zum Verhängnis. Die Scharfschützen feuern von den steilen Hängen.

Jeder Tag kann dein letzter sein oder der letzte deiner Lieben – das brennt sich damals in Amras Bewusstsein ein.

Eine Versöhnung gibt es bis heute nicht

Heute ist das Mädchen von einst 34 Jahre alt. Eine schöne, strahlende Frau. Ihre braunen Locken umrahmen das Gesicht mit den geschwungenen Augenbrauen und den sorgsam getuschten Wimpern. Amra hat zwei Kinder, sieben und drei Jahre alt, einen Mann, eine Wohnung im Herzen der Stadt. Das macht sie glücklich. Mit ihrem Mann betreibt sie eine kleine Marketingagentur. Es ist ein ruhiges, unaufgeregtes Leben. Von dem Hügel, auf dem sie lebt, hat man freie Sicht auf die Baščaršija, das alte Basar-Viertel, die Miljacka schlängelt sich am frisch renovierten Rathaus vorbei. Idyllisch wirkt dieser Ort, der Amras Zuhause ist. Vergessen aber kann sie nicht.

Seit mehr als 20 Jahren leben die Menschen in Frieden. Doch Frieden bedeutet in Bosnien und Herzegowina vor allem die Abwesenheit von Krieg. Eine Versöhnung zwischen den Ethnien gibt es bis heute nicht. Das merkt man bei Amra auch an den kleinen Formulierungen. Wenn sie über ihre Volksgruppe, die muslimischen Bosnier spricht, sagt Amra nicht Bosniaken, wie es der politische Duktus vorsieht, sondern Bosnier – das empfinden serbische und kroatische Bosnier als Affront. „Ich bin eine Patriotin. Und stolz darauf, dass wir als Familien Sarajevo verteidigt haben.“ Verzeihen kann sie auch nicht.

Amra leidet wie viele junge Bosnier unter der weitverbreiteten Lethargie. Foto: Jim Marshall
p

1425 Tage dauerte die Belagerung. Dann beendete das Abkommen von Dayton den Krieg und schuf gleichzeitig eines der kompliziertesten Staatengebilde der Welt. Drei Präsidenten vertreten jeweils die Belange der serbischen, kroatischen und muslimischen Bosnier. Nationalismus, Korruption und Vetternwirtschaft sind dem politischen System eingeschrieben. Jeder versucht, sich und seinen Leuten möglichst viel zuzuschanzen. Im Oktober wählt das Land ein neues Parlament. Hoffnung auf Veränderung haben die Bosnier kaum, aber Sorge, dass die Wahlen den Nationalismus im Land und die Spaltung verstärken.

Die Jungen verlassen in Scharen das Land

Die Kriegskinder von damals kommen in dieser Gesellschaft nicht zum Zug. Eigentlich sollten sie es sein, die heute in verantwortlichen Positionen Politik, Wirtschaft und Kultur gestalten. Und das Land zusammen in den Wohlstand führen, auch mit dem Geld der internationalen Gemeinschaft, das seit mehr als 20 Jahren fließt. Stattdessen sind viele ohne Job. Bosnien und Herzegowina hat eine der höchsten Jugendarbeitslosigkeiten der Welt. Laut Weltbank liegt sie sogar bei 67,5 Prozent, insgesamt ist jeder Vierte ohne Arbeit. Die Jungen verlassen in Scharen das Land. Seit 2013 waren es rund 150 000 Menschen – bei einer Gesamtbevölkerung von 3,5 Millionen.

Wer bleibt, muss sich fragen lassen, warum.

„Man wäre ja verrückt, wenn man nicht überlegen würde zu gehen“, sagt Belma Rizvanović. Seit Jahren verändere sich überhaupt nichts. „Es ist unerträglich.“

Belma sitzt im „Kimono“, einem Restaurant im Einkaufszentrum im Stadtteil Marijin Dvor, das mit arabischem Geld finanziert wurde und auf dessen vier Etagen sich an Wochenenden halb Bosnien trifft. Aus den Boxen dröhnt lauter 80er-Jahre-Pop. Belma kommt gerade von der Arbeit bei einer Hilfsorganisation. Dort entscheidet sie, welche Geschäftsideen Kredite bekommen. Mit einem Latte macchiato hat sie es sich auf den tiefen Sofabänken mit dicken Kissen bequem gemacht. Ein Luxus, den sich nur eine Elite im Land leisten kann. Durch die Fensterfront blickt sie auf das Hotel Holiday mit seiner markant gelben Fassade, das während des Krieges noch Holiday Inn hieß und Journalisten aus aller Welt Unterschlupf bot.

Zur Startseite