Grün ist ihre Entspannungsfarbe. Chamäleons (im Bild ein Jemenchamäleon) drücken mit der Körperfärbung ihre Stimmung aus. Foto: imago/Robert Harding
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Berliner Schnauzen: Jemenchamäleon Problematische Beziehungsmuster

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Herr und Frau Jemenchamäleon leben als Paar – und nerven sich mit gegenseitigem Farbwechsel. Geht es um Sex und Macht wird es richtig bunt.

Sie sitzen nebeneinander im Schein der Lampe, die die Sonne imitieren soll. Mittagsroutine. Er guckt zur Wand, sie in die entgegengesetzte Richtung, zur Glasscheibe. Keiner bewegt sich, nur als er ihren Schwanz mit seinem umfasst, wird sie kurz unruhig, steht auf und ruckelt sich frei aus der Umklammerung. Reste vom Essen des Vortags sitzen ein paar Zweige tiefer und zirpen vor sich hin.

Besonders wirkt das auf den ersten Blick nicht, dabei ist es ein Wunder, dass die beiden zusammen hier leben. Chamäleons sind nämlich Einzelgänger. Herr und Frau Jemenchamäleon im Berliner Aquarium sind von einer der seltenen Arten, die in Paaren gehalten werden können. Aber auch nur, wenn‘s wirklich passt, erzählt der Pfleger. Sonst nerven sie sich so lange mit gegenseitigem Farbwechsel, bis es lebensbedrohlich wird. Burnout, Stresstod, was genau passiert, weiß niemand.

Ihr Nein signalisiert sie ihm über Körperfarbe

Bei dem Berliner Paar gibt es keinen Grund zur Sorge. Die zwei kennen die Welt gar nicht ohne den anderen, sie sind schon gemeinsam geschlüpft, vor einem Jahr. Die beiden scheinen sich wohlzufühlen in ihrem Terrarium im ersten Obergeschoss, gleich bei den Schlangen um die Ecke, denn sie tragen grün. Das ist ihre Entspannungsfarbe und das Äquivalent zum Schlabberlook auf der Couch. Anders als viele denken, nehmen Chamäleons nicht einfach ein Karomuster an, nur weil man sie auf ein Holzfällerhemd setzt. Lediglich ein bisschen Beige ist drin, wenn sie in ihrer Heimat im Nahen Osten über Geröll huschen und nicht von einem Vogel geschnappt werden wollen. Die Tiere benutzen ihre bunte Körperfärbung vorrangig, um miteinander zu kommunizieren. Wird es wirklich farbenfroh, geht es um Sex oder Macht.

In der Natur treffen sich Chamäleons nur zum unverbindlichen Geschlechtsverkehr, danach geht jedes seiner Wege. Auch in Zoos werden sie nach dem Akt rasch wieder getrennt. Selbst in den wenigen intimen Stunden werden die Tiere beobachtet, denn die Weibchen lassen nicht jeden ran und wenn sie nicht will, kann er ungehalten werden. Ihr Nein signalisiert sie ihm über Körperfarbe. Wenn er sie mit ungebetenen Avancen nervt, und zwar so richtig, bis kurz vor dem Stresstod, dann wird’s düster, buchstäblich. Sie plustert sich auf, legt sich zur Seite und aus dem entspannten Grün wird ablehnendes Schwarz, Pechschwarz mit gelben Tupfen. Das könnte auch bei den Reptilien in Berlin passieren. Sexuell sind die beiden zwar kompatibel, aber wenn sie schwanger ist, kann sie schon von der Anwesenheit des Partners genervt sein. Atme nicht so laut.

Im Terrarium werden sie zusammen alt

Während das Weibchen zur Verteidigung pechschwarzgelbgepunktet wird, nutzt das Männchen seine Wandlungsfähigkeit beim Kräftemessen. Durch leuchtende gelbe Streifen an seiner Seite signalisiert es: „Ich bin größer, stärker, besser als du”. Verliert es, ermattet die Haut und färbt sich dunkel vor Schmach.

Das Berliner Chamäleonmännchen muss nicht rangeln oder glühen. Hier im Terrarium wird es alt mit ihr. Und es wird sie wohl überleben. Weibchen sterben im Schnitt zwei Jahre vor den Männchen. Trauer tragen wird er zwar nicht wegen ihr, aber auch eine neue Partnerin niemals akzeptieren.

Jemenchamäleon im Aquarium

Lebenserwartung:  Vier bis sechs Jahre

Natürliche Feinde:  Schlangen, Raubvögel

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