301584_0_3bcc2b15.jpg vario images
© vario images

Wählen Die große Freiheit

Deike Diening

Satin oder Seide, Arzt oder Tischler, Sport oder Fettabsaugen, Denise oder Sabine, man entscheidet ja dauernd, heute dazu noch über den Bundestag. Von Lust und Last des Wählens

Gemessen an der Schwere ihrer Folgen war diese Entscheidung seines Lebens verblüffend leicht zu treffen: Gerd Gigerenzer, Banjo-Spieler in einer Dixieland-Band, verdiente als solcher ein Vielfaches seines kleinen Gehalts als Uni-Assistent. Wohin sollte er also sein Leben steuern?

Zwei Impulse spürte er damals. Erstens: Es ist ein schönes Gefühl, auf der Bühne zu stehen. Zweitens: Ich will im Leben das erforschen können, was ich für richtig halte. Der zweite Impuls schien ihm langfristig wichtiger, in der Unterhaltungsmusik muss man spielen, was andere interessiert. Ohne langes Abwägen, ganz ohne Pro- und Contra-Liste, fällte er diese Entscheidung mit einem einzigen guten Grund.

Längst hat er bewiesen, dass seine damalige Wahl die richtige war, und die Art, wie er sie traf, ebenfalls: nämlich schnell, sparsam und effizient. Gigerenzer ist Psychologe und Entscheidungsforscher geworden, er hat amerikanische Richter und deutsche Ärzte darin trainiert, wie sie zu besseren Entscheidungen kommen, und über die Jahre sei, so sagt er, eine gewisse Leichtigkeit in sein Leben gezogen. Er ist zu einem entscheidungsfreudigen Mann geworden. Vielleicht empfindet er sogar eine gewisse Freude darüber, dass es ja eben seine Forschung über Entscheidungen ist, die zu seinem wissenschaftlichen Ansehen, der öffentlichen Aufmerksamkeit an seiner Person, und über einige Umwege in dieses großzügige, büchergesäumte Direktorenzimmer im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin geführt hat.

Wenn am heutigen Wahlsonntag aller Wahrscheinlichkeit nach wieder gut jeder vierte der dazu berechtigten Bundesbürger keine Wahl trifft zwischen Gelb, Grün, Schwarz, Rot, Braun oder Violett, könnte es sein, dass die Vermeidung einer politischen Entscheidung, die man sich angewöhnt hat, Politikverdrossenheit zu nennen, in Wahrheit Teil eines viel größeren Problems ist. Nämlich einer breit angelegten, ansteckenden Entscheidungsmüdigkeit, die droht, pathologisch zu werden, und die sich mitnichten nur auf die Politik bezieht.

Es gibt inzwischen Wissenschaftler, die zu belegen versuchen, die Summe der in der westlichen Welt geforderten Entscheidungen überfordere den Menschen. Der werde folglich depressiv. Aus der Wahl ist die Qual geworden, ein Leistungsdruck, überall wohlinformierte Entscheidungen zu treffen. Prokastination, Aufschub statt Entscheidung, heißt ein Krankheitsbild. Manche Menschen verlassen das Haus gar nicht mehr.

Sie haben die Wahl! Sagen Politiker, sagen Verkäufer, sagen Ärzte und inzwischen auch Bestatter. Wählen Sie aus unseren zehn Küchen Ihre individuelle Lösung! – Ist eine Auswahl aus zehn wirklich „individuell“? Wem dient diese Entscheidung? Diese Scheinentscheidung?

Zwischen der Wahl, ob man einen Menschen überhaupt und dann vielleicht sogar unter Wasser zur Welt bringen will, und dessen seit September verbrieftem Recht, mit einer Patientenverfügung auch über seine bevorzugte Todesart zu entscheiden, liegen betrübende, ernüchternde Unsummen von Entscheidungen ohne wirkliche Konsequenzen, aufgeladen mit Bedeutung von Leuten, die im Studium gelernt haben, wie man eine Entscheidung manipuliert. Tempo oder Softis? Man entscheidet ja dauernd, aber damit ist im Leben noch gar nichts entschieden. Latein oder Französisch, Arzt oder Tischler, Sport oder Fettabsaugen, Geld oder Leben, Satin oder Seide, Denise oder Sabine, Alice oder O2, Nuon oder Eon, Daimler oder Deutsche Bank?

Sieht aus, als leiden wir paradoxerweise an einer Überdosis persönlicher Freiheit. Ein Phänomen, das Gerd Gigerenzer vor allem auf zweierlei Ursachen zurückführt: Zum einen auf die christliche Prägung des Abendlandes. Etwas von „Macht Euch die Erde untertan“ hallt noch nach, wer das verinnerlicht hat, glaubt im Prinzip daran, dass die eigenen Entscheidungen die Welt formen können. Das ist eine große Verantwortung.

Andererseits ist da die Orientierung des westlichen Menschen am Individuum, mit seiner aufgeklärten Rationalität, seiner Skepsis, seiner rationalen Vernunft. Sie führt dazu, dass im Gegensatz zu arabischen Staaten, wo die Familie verbindliche Regeln setzt, oder asiatischen Staaten, wo die Regierung den Rahmen bestimmt, der westliche Mensch sich und zugleich die Rechtfertigung für sein Dasein selbst erschaffen darf. Muss. Wenn aber alles beherrschbar ist, ist Versagen auch individuelles Versagen.

Unzufrieden, ja depressiv, sagt Gigerenzer, werden unter diesen Bedingungen vor allem die Maximierer. Diejenigen, die nie weniger als das Beste haben wollen. Sie wollen eine Hose, aber nur die beste. „Und sie sind dazu verdammt, dass sie nie wissen werden, ob sie wirklich das Beste gefunden haben.“ In diesem Sinne kann man natürlich nie zufrieden sein, „es sei denn, man lebt in einem Land, in dem es wenig Wahl und keinen Überfluss gibt.“ Es gibt viele dieser Optimierer, sie erkennen einander, wenn Gigerenzer einen Vortrag hält, und die Leute hinterher an sein Pult strömen und gestehen. Ja, sie sind es, die es unter dem Besten nicht machen. Dann ist Gigerenzer froh, dass er zu ihnen nie gehörte. Nicht, dass er keine Kriterien hätte, im Gegenteil, aber wenn ein Ding seine Qualitätskriterien trifft, dann nimmt er etwas, das gut genug ist.

Vor allem die Verhaltensökonomen hat es immer interessiert, wie der Mensch Entscheidungen trifft. In dieser grundsatzforschen Frage war immer zugleich die Frage verborgen, wie man diese Entscheidungen manipulieren kann. Die folgenreichste Idee, das Modell des Homo oeconomicus, folgte einer zunächst von Benjamin Franklin propagierten rationalen Methode: Der Mensch stellt Listen auf. Pro und Contra. Er gewichtet Argumente, wägt ab. Und maximiert immer den eigenen Nutzen. Am besten funktioniert das in einer transparenten Welt, in der alle Zugang zu allen Informationen haben. Dass dieses Modell hinkt, war immer klar. Aber dass es so grundfalsch ist?

Über Jahre wurde das Modell schwammig wie ein altes Brötchen im Frikadellenteig. Irritierenderweise fand man heraus, dass Menschen auch nach moralischen Idealen handeln, sogar dann, wenn sie selbst keinen Vorteil daraus ziehen. Und sie fühlen sich auch noch gut dabei! „Wir haben keinen Beweis, dass Menschen maximieren,“ sagt Gigerenzer. 

Er machte die faszinierende Entdeckung, dass es nicht nur andere Motive gibt für eine Entscheidung, sondern dass es auch effizientere Mittel geben kann als die Logik, um dorthin zu gelangen. Dass Logik manche Entscheidungen sogar behindert. „In der wirklichen Welt sind die Regeln nicht so klar, viele halten sich auch nicht daran und vertrauen lieber auf ihre Gefühle. Abwägen und berechnen macht nicht immer glücklich.“

Viele Wissenschaftler haben Bauchentscheidungen über Jahrzehnte als Fehler angesehen, als eine Art dauerhaftes menschliches Versagen. Aber Gigerenzer glaubt, dass dieses vom Ideal abweichende Verhalten ein Vorteil des Menschen sei und zu besseren Entscheidungen führe. Denn warum sonst waren Leute, die sich in einem Versuch spontan für ein Bild entschieden hatten, hinterher mit ihrer Entscheidung glücklicher als die, die rationale Abwägungen getroffen hatten? Warum treffen Menschen nachweislich in wenigen Sekunden die richtige Entscheidung?  

Viele Prozesse sind nach Gigerenzer nicht im Rationalen, sondern im Unbewussten am besten aufgehoben. Er fand heraus, dass Menschen nach eigenen Faustregeln entscheiden, die viele Intuition nennen oder das „Unbewusste“. Gigerenzer nennt sie Heuristiken – einfache Entscheidungsregeln, die einen Großteil der Informationen ignorieren: „Wenn du es nicht verstehst, kaufe es nicht“, „Nimm das, was du zuerst wiedererkennst.“ Solche Regeln sind schneller als Listen. Sie minimalisieren Unsicherheit. Erstaunlicherweise sind sie häufig auch besser als komplexere Entscheidungsverfahren.

„Normalerweise denken wir, wir müssen für Schnelligkeit einen Preis zahlen, nämlich den der Präzision.“ Aber das ist offenbar nicht immer der Fall. Viele Entscheidungen werden schneller und besser. Die Frage ist: Unter welchen Umständen ist es besser, weniger zu wissen?

In seinem Buch „Bauchentscheidungen“ beschreibt er, was er Ende der 90er zeigen konnte: Bei einfachen Fragen erreichen die schlechter Informierten bessere Ergebnisse. Eine  einfache Frage war zum Beispiel die Börsenentwicklung: Passanten, die er an einer Berliner Straßenecke nach ihren Aktienempfehlungen fragte, übertrafen die differenzierten Analysen der Experten deutlich. Sie handelten nach der Devise: Investiere in das, was du kennst. Erst wenn es darum ging, eine Entwicklung im Nachhinein zu erklären, waren die Schlaueren wieder schlauer. Kein Wunder, dass Gigerenzer selbst einmal erfolgreich nach Empfehlungen der Ahnungslosen investierte.

Unter schweren Lidern lagern Augen wie die eines müden, alten Löwen. Natürlich hat auch der in letzter Zeit bemerkt, mit welcher Begeisterung die Menschen Entscheidungen vermeiden. Wie man einander Restaurants empfiehlt, in denen es am Abend nur zwei Menüs zur Auswahl gibt. Dass die Zahl der Pauschalurlaube wieder steigt – Pauschalurlaube sind Notwehr gegen die Entscheidungsfülle, das geben selbst Touristiker zu. Das aktuell hippeste Fahrrad hat statt besonders teurer plötzlich so wenig Ausstattung, dass es von der Polizei wegen fehlender Bremsen aus dem Verkehr gezogen wird. Reduktion! rufen alle, und gehen irgendwie davon aus, dass dabei ausgerechnet das Wesentliche übrig bleibt. Vielleicht muss man auch gar nicht jede Parteiquerele verfolgen, um zu einem guten politischen Urteil zu kommen?

„Früher habe ich noch Speisekarten studiert“, sagt Gigerenzer, an all den entlegenen Orten, an die ihn seine Kongresse führten. Aber er sah bald ein, dass er oft derjenige mit der geringsten Kompetenz war. Da fragte er die Kollegen oder Kellner, was sie selbst essen würden. Die Fülle an Entscheidungen muss niemanden ängstigen. Wenn man lernt, sie schnell und effizient zu treffen.

Gigerenzer, als Psychologe eher dem Menschen als der Zahl verpflichtet, glaubt: „Für das Verhalten jedes Menschen gibt es einen Grund. Aber dieser muss nicht in der Person selbst, sondern kann in der Umgebung zu finden sein.“ Er studierte, wie Menschen ihre Wahl wirklich treffen. Gigerenzer hat Ärzte interviewt, die sich mit ihren Entscheidungen hauptsächlich selbst schützen wollten. Manager, die defensiv entscheiden. Zeit, Geld und Energie flossen nicht in die beste Entscheidung, sondern in ihre Rechtfertigung, „ein Hauptgrund, weshalb manche Unternehmen Berater einstellen.“ So können sie die Begründung und damit auch die Verantwortung für Entscheidungen delegieren. „Berater dienen vornehmlich dem Schutz der Auftraggeber.“

Gigerenzer ist jetzt in Fahrt. Jahre der Forschung drängen hinaus. Wie sehr solche Erkenntnisse auch politisch nutzbar sind! In der realen Welt hängen Entscheidungen davon ab, wie man ihre Kriterien formuliert. Deshalb hat er amerikanische Richter beraten, wie sie erkennen können, ob sie zum Beispiel bei einer DNA-Analyse von Staatsanwälten manipuliert werden sollen. „Stellen Sie sich vor, in einem Gerichtsprozess argumentiert die Anklage, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Ihre DNA durch bloßen Zufall mit der auf der Kleidung des Mordopfers übereinstimmt 1:100 000 ist – da sieht es schlecht für Sie aus, oder?“ Dramatische Pause. Die andere Ausdrucksweise wäre: „Eine von 100 000 Personen wird eine Übereinstimmung zeigen. Da sind allein in Berlin 35 zu erwarten.“ Und schon wird klar, dass diese statistische Wahrscheinlichkeit für den letzten Beweis in einem Mordfall nicht taugt.

Klar auch, wie politisch relevant so ein Wissen über Entscheidungsprozesse sein kann. In den USA ist gerade ein Buch herausgekommen mit dem Titel „Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt“. Was Gigerenzer vor Jahren über das menschliche Entscheidungsverhalten herausfand, wird hier zur praktischen Anleitung für den Staat. Wie kann eine Regierung den Rahmen für Entscheidungen so schaffen, dass die gewünschten Ergebnisse dabei herauskommen? Kann sie so vielleicht Probleme lösen, ohne die Bürger zu zwingen? Und warum sollte sie sich nicht die Kenntnis über Entscheidungsverhalten zunutze machen, wie es Unternehmen längst tun?

Das Buch schlägt vor, staatliche Automatismen zu schaffen, gegen die man sich dann aktiv entscheiden muss, in etwa so, als wäre auf der Internetseite von einer Fluggesellschaft die Reiseversicherung schon angeklickt. Das verhindert nicht die Entscheidungsfreiheit, nur dreht es das Trägheitsmoment um und macht ihn sich zunutze: Amerikanische Arbeitnehmer, die automatisch von ihrem Unternehmen einem Modell für eine private Rente zugeordnet wurden, entschieden sich meist nicht dagegen. Aber solche, die es extra wählen mussten, taten dies wider besseres Wissen nicht.

Die folgenreichste Verschleierung in der Politik sei allerdings, dass in den Parolen des Wahlkampfs insgesamt eine Illusion der Gewissheit aufgebaut wird, die es in dieser Welt gar nicht geben kann. Viel, sagt Gigerenzer, laufe nach der falschen Psychologie: bloß die Bürger nicht verunsichern. Dabei ist Unsicherheit und Intransparenz eine der hervorstechenden Eigenschaften der heutigen Welt. „Die Alternative wäre der Mut zur Unsicherheit.“ Wenn Politiker Unsicherheiten, und zwar auch ihre eigenen, klarlegten, würde das zu mehr Glaubwürdigkeit von Demokratie und Politik beitragen. „Es wird nie eine Politik geben, die alle als gerecht empfinden – aber ein transparentes System ist möglich.“

Gigerenzer träumt von einer Gesellschaft mit mündigen Bürgern, die mit ihrem kritischen Verstand zu Urteilen kommen. Dafür bräuchte man allerdings auch Inhalte auf den Plakaten.

Wie also trifft man seine Wahl heute am besten? „Der aufgeklärte, unabhängige Wähler wird immer ein potenzieller Wechselwähler sein.“ Denn jedes Mal neu schaut er sich die Voraussetzungen an. So schwärmt er jetzt, der Wissenschaftler, der zwischen Kopf und Bauch doch auch den Kopf mit all seiner Rationalität zu schätzen weiß.

Und der Protestwähler mit seiner Wut? „Er sieht einfache Wahrheiten und ist immer dagegen. Diese Haltung beeindruckt in einer Klagekultur wie man sie öfters in Deutschland antrifft.“

Aber ist nicht die Treue des Parteienwählers ein deutsches Ideal? „Der typische Parteienwähler muss sich selbst keine eigene Meinung bilden. Man ist einfach Teil eines Ganzen“, sagt er skeptisch. „Genauso wie man lebenslänglich für Bayern München ist.“

Zur Startseite