Im ehemaligen Straßenbahndepot an der Dorfaue in Heiligensee werden Ausflugsgäste bestens bekocht. Foto: Straßenbahndepot/promo
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Von Tisch zu Tisch - die Restaurantkritik Ausflugsrestaurant mit Aha-Effekt

An Berlins Stadträndern ist kulinarisch nicht mehr viel los. Das Straßenbahndepot in Heiligensee bildet eine angenehme Ausnahme.

Was ist ein Ausflugsrestaurant? Und wie sieht ein gutes aus? Diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten. Für mich reicht es jedenfalls nicht, dass ein Haus irgendwie im Grünen liegt und die Küche das kocht, was sie seit 50 Jahren kocht. Wer heute noch seine Gäste mit Grillteller, Holzfällersteak und Saisongemüse traktiert, der mag damit wirtschaftlich erfolgreich sein, aber hier kommt er nicht rein. Andererseits gehört es sich für ein Ausflugsrestaurant, dass die Küche nicht zu artifiziell und verkopft arbeitet, auf verschiedene Geschmäcker Rücksicht nimmt und Zufallsgäste nicht zu einem Pflichtmenü nötigt. Ach, und für Kinder sollte auch was verfügbar sein, einfach, aber gut und nicht aus der Tiefkühltruhe.

Chefkoch René Scheike hat im Hotel Esplanade gearbeitet

So, nun hat jeder so seinen Vorschlag zu diesem Thema, oder? Meinen habe ich hier vor mehreren Jahren schon einmal vorgestellt, es ist das ehemalige Straßenbahndepot an der Dorfaue Heiligensee. Damals war alles gut, heute ist, so scheint mir, alles noch ein Stück besser. Das liegt daran, dass hier René Scheike die Regie übernommen hat, ein gestandener Koch, der mal mit dem legendären Kurt Jäger im Hotel Esplanade gearbeitet hat. Wer mag, kann dessen pragmatische Finesse hier in der Speisekarte finden, die ihre Gerichte knapp vorstellt, kaum Fragen offenlässt, aber vor allem die wichtigste Aufgabe einer Speisekarte erfüllt: Lust auf die Küche zu machen.

Schweinebauch mit Ingwerhonig, Wildschweinsülze mit Brombeerkompott

In diesem Sinn war klar, dass wir den glasierten Schweinebauch mit Ingwerhonig und hausgemachtem Kimchi probieren würden – ein richtiger Knaller mit Saft, Schärfe und Würze, der in keinem guten Asien-Restaurant der Stadt enttäuschen würde. Bodenständiges Gegenstück war die Wildschweinsülze, feine Stücke in fast zu mildem Gelee, ergänzt um Feldsalat und angenehm unsüßes Brombeerkompott, sicher eine der erfreulichsten Methoden, den notorisch hohen Wildschweinbestand der Gegend ein wenig zu reduzieren. Scheike setzt regionale Produkte ein, wo es für ihn Sinn ergibt, er macht aber kein Dogma draus und servierte uns auch ein perfekt abgepasstes, knusprig gebratenes Adlerfischfilet auf einem verblüffend aromatischen Gurkenrisotto und Kürbiskern-Ingwer-Pesto für nussige Würze.

Bis zum Heiligensee und der Havel sind es nur ein paar Schritte

Immer sind zwei Suppen verfügbar, meist sanft sahnig wie bei unserem Besuch, aus Steckrübe mit Apfelkompott oder Brunnenkresse mit Garnele. Das Zweierlei von der Blutwurst, einmal gebacken, einmal gebraten, wurde von buttrigem, aber nicht zu schwerem Kartoffelpüree, Zwiebelconfit und Portwein-Äpfeln begleitet – so was macht einfach Appetit. Und beim Essen kommt immer ein kleiner Aha-Effekt durch, ein Element, das das Versprechen der Speisekarte überhöht und zeigt, dass hier Profis arbeiten, die aus der aktuellen Gourmetküche genau nur das mitnehmen, was in diesem Rahmen Sinn ergibt und die Preise im Rahmen hält (Vorspeisen 13–14, Hauptgänge 22–25 Euro, auch vegetarisch). Zum Dessert eine Crème brûlée mit Rhabarberkompott oder was Knusperndes mit weißer Schokolade und Rahmeis? Für Kinder gibt es zum Beispiel Kalbsbouletten auf Möhren-Kartoffelstampf mit Rahmsoße oder Orangen-Eierkuchen mit Apfelmus.

Der Unterschied zwischen dieser Küche und „normaler“ bürgerlicher Küche ist stilistisch gar nicht so groß. Aber die handwerkliche Präzision, die sich in den perfekt getroffenen Garpunkten ebenso äußert wie in den sinnvollen Proportionen und Texturkontrasten der Gerichte und den sorgsam gesetzten Effekten, sie macht aus diesem Restaurant etwas Besonderes. Gute Weine, kenntnisreiche Bedienung und angenehme Einrichtung runden das Ganze ab. Das Einzige, was fehlt, ist der Seeblick von der Terrasse – bis zum Heiligensee und der Havel sind es ein paar Schritte.

Straßenbahndepot Heiligensee, Alt-Heiligensee 73–75, Tel. 75 54 230-70, Mi–Sa 16–22, Sonn-/Feiertage 12–22 Uhr

Dieser Beitrag ist auf den kulinarischen Seiten "Mehr Genuss" im Tagesspiegel erschienen – jeden Sonnabend in der Zeitung. Hier geht es zum E-Paper-Abo. Weitere Genuss-Themen finden Sie online auf unserer Themenseite.

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