Phönix aus der Asche

Alltägliches Elend. Geschätzt gibt es 6000 Obdachlose in Berlin, vielleicht sind es auch 10.000. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Vom Wohnungslosen zum Sozialarbeiter Obdachlose in Berlin: Am Ende des Tunnels

Sein Körper giert nach Alkohol und weigert sich doch, auch nur kleinste Mengen aufzunehmen. An der Warschauer Straße erbricht Hoek Schnaps und Blut, dann reißt der Film. Wann er genau kollabiert ist? „Keine Ahnung, ich habe nur noch lückenhafte Erinnerungen.“ Als er im Krankenhaus Friedrichshain aufwacht, sagt ihm die Schwester, dass er drei Wochen im Koma gelegen hat. Er will auf die Toilette gehen, aber die Beine versagen. Der Arzt, so erzählt es Hoek, lässt ihn wissen, dass es mit dem Laufen wohl vorbei sei. „Dann haben sie mich zur Straßenbahn gebracht und auf einer Bank abgesetzt.“ Zwei Passanten tragen ihn in die Bahn. Auf der Fahrt zum Hauptbahnhof ruft Hoek ein paar Freunde an. Die bringen ihn zur Stadtmission, wo noch ein alter Rollstuhl rumsteht.

Nach ein paar Wochen klappt Hoek die Fußstützen zur Seite, er funktioniert den Rollstuhl zum Rollator um und bringt sich das Laufen selbst wieder bei. Ein kleiner Etappensieg auf dem Weg, der doch immer weiter nach unten führt. Von einer Entgiftung will er nichts wissen, warum auch? „Der Alkohol war doch mein allerbester Freund! Wenn ich krank war oder einsam oder traurig – der Alkohol war immer für mich da.“ In den letzten Monaten auf der Straße braucht er nachts eine Viertelflasche Wodka, um weiterzuschlafen. Und morgens noch mal so viel, damit der Kreislauf in Gang kommt. Es folgt der Wintertag, an dem er beinahe erfriert. 29 Grad Körpertemperatur. Der Arzt holt ihn ins Leben zurück, aber er will nicht mehr. „Irgendwann kommt für jeden auf der Straße der Moment, an dem er weiß, dass es zu Ende geht.“ Im Frühjahr 2017 bereitet André Hoek sich auf den Tod vor.

Vor dem letzten Teil der Geschichte braucht Hoek noch eine Zigarette und ein Glas Wasser. Das viele Reden strengt ihn an. Er zeigt auf ein Bild an der Wand über dem Fenster. Ein Vogel in allerlei Rottönen. Phönix aus der Asche. „Kristina hat ihn für mich gemalt, weil er so gut zu mir und meiner Situation passt.“

Er blökt zurück, will in Ruhe gelassen werden

Kristina hat ihm das Leben gerettet. Sie und ihre Freundin Nicole, beide kümmern sich am Hauptbahnhof ehrenamtlich um Obdachlose. Hoek fühlt sich von den Frauen zunächst belästigt. Wie sie immer wieder auf ihn einreden, er solle doch mit dem Trinken aufhören, sie würden ihm eine Therapie vermitteln. Er blökt zurück, sie sollen ihn in Ruhe lassen, „unter Alkohol kann ich sehr unangenehm sein“. Kristina und Nicole aber bleiben so lange hart, bis Hoek sagt: „Na gut, dann fahren wir eben in Gottes Namen in diese Klinik!“

Der Weg zurück tut weh. Die ersten drei Tage des Entzugs erlebt er zwischen Dämmerzustand und furchtbaren Schmerzen. Schwere Kreislaufstörungen, das Bett bewegt sich wie auf hoher See, so stark vibrieren die Nerven. Noch mal zehn Tage dauert es, bis der Verstand zurückkehrt. Danach bezieht er übergangsweise ein Zimmer in einem Wohnprojekt in Friedrichshain. Zum Schlafen legt er sich auf den Boden. „So war ich es von der Straße gewohnt.“ Behördengänge erfordern stundenlange Vorbereitung. „Finden Sie mal ohne Internet den Weg zum Jobcenter, das ist gar nicht so einfach. Und was sagt man da im Gespräch mit dem Sachbearbeiter? Das war eine fremde Welt für mich.“

Zur Aufbesserung von Hartz IV verkauft er eine Obdachlosenzeitung. Im alten Wohnzimmer am Hauptbahnhof. Ein erster, vorsichtiger Kontakt mit dem alten Leben auf der Straße. Mit den Leuten, die einmal Leidensgenossen waren und Trinkkumpane. André Hoek sagt, er wolle niemanden bekehren. Vertrauen und Überzeugung brauchen ihre Zeit. Also lässt er Olaf in Lichtenberg in Ruhe und Daniel am Hauptbahnhof. Er erzählt den alten Bekannten nicht: „Schaut mal her, wie toll ich bin! Ich habe den Alkohol besiegt! Ich habe jetzt eine eigene Wohnung.“ Er sagt gar nichts. „Die Jungs mussten mich nur sehen, das hat gereicht.“ Phönix aus der Asche.

Er will niemanden bekehren. Aber er hat eine Mission

Die Statistik besagt, dass 80 Prozent der Alkoholiker rückfällig werden. André Hoek interessiert sich nicht für Statistiken. „Andere sagen: Ich darf nichts mehr trinken. Bei mir ist es so, dass ich nichts mehr trinken will. Das ist ein Riesenunterschied. Genauso gut könnte ich eine Flasche WC-Reiniger ansetzen.“

Dezember 2018. Knapp drei Jahre nach der Flucht aus Gran Canaria unterschreibt André Hoek seinen Vertrag als Sozialarbeiter. Seine Qualifikation ist die Straße, sein Einsatzgebiet der U-Bahnhof Lichtenberg, einer der zwei Berliner Kältebahnhöfe, die nachts für frierende Obdachlose offen bleiben. Hoek sagt: „Das mag albern klingen, aber ich habe eine Mission. Ich will dafür sorgen, dass es in Berlin keine Obdachlosen mehr gibt. Die Jungs da draußen, das sind meine Freunde. Für die kämpfe ich.“ Dienstbeginn ist abends um zehn, wenn alles gut geht, kann er um drei wieder nach Hause fahren. Zum Hauptbahnhof kommt er nur noch als Stadtführer. Um anderen das Berlin zu zeigen, wie er es früher wahrgenommen hat.

An diesem Sonntag kurz vor Heiligabend haben sich fünf Frauen angemeldet. Hoek führt sie zur Stadtmission, über den Washingtonplatz, unter die Brücken. Zwei Stunden lang redet er, erspart ihnen nichts. Keine Geschichte und keinen Anblick, auch nicht den von Daniel, dem Mann mit zotteligem Bart, der dort lebt, wo auch Hoek einmal zu Hause war. Er gibt ihm Tabak und Geld, die beiden wechseln ein paar Worte, so viel Zeit und Zuwendung muss sein. „Was sehen Sie, wenn Sie einen Obdachlosen sehen? Wahrscheinlich einen schmutzigen Menschen, unrasiert, lange Fingernagel, er stinkt, ist betrunken, vielleicht aggressiv.“ Aber niemand, sagt Hoek, komme so auf die Welt. Jeder Obdachlose war mal ein kleiner Junge und hat am ersten Schultag stolz seinen Ranzen gezeigt. „Stellen Sie ihn sich mal vor, wie er seiner Braut nach der Hochzeit einen Kuss gibt oder sein Neugeborenes im Arm hält“, sagt André Hoek. „Er ist immer noch derselbe Mensch. Man sieht es bloß nicht.“

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