Das Netz reißt

Überredungskünstler. "Sie dürfen die Leute nicht drängen", sagt André Hoek, Foto: Kai-Uwe Heinrich
Vom Wohnungslosen zum Sozialarbeiter Obdachlose in Berlin: Am Ende des Tunnels

Mit der S-Bahn geht es vom Hauptbahnhof eine halbe Stunde Richtung Osten bis nach Hohenschönhausen, umsteigen in Lichtenberg. Im dritten Stock eines Neubaus bewohnt Hoek ein Ein-Zimmer-Apartment mit Kochnische. Im Bücherschrank steht die Bibel neben Lessing, auf dem Schreibtisch ein Laptop. An der Wand eine Hantelbank, davor zwei Gitarren. 30 Jahre lang hat er gespielt. „Flamenco, geht heut nicht mehr wegen der steifen Finger.“ Erinnerung an das frühere Leben. „Das erzähle ich Ihnen später.“

Hoek weiß noch ganz genau, wann sein Leben diese dramatische Wendung nahm. „Am 31. August 2014, 10 Uhr 30. Da hat mir meine Frau gesagt, dass sie mich verlässt.“ Noch am selben Abend zieht sie aus. Nach elf gemeinsamen Jahren, acht davon auf Gran Canaria, in dem Haus mit der Terrasse oben in den Bergen. Er spürt einen nie gekannten Schmerz, „erst seelisch, aber ganz schnell ist es körperlich geworden“.

Er trinkt den Rum, der Schmerz ist weg

Er bekämpft die innere Zerrissenheit mit Sport, immer wieder mit dem Fahrrad hinauf auf die Gipfel der Insel. Hilft alles nichts. 15 Monate lang quält er sich, bis zu diesem Abend in einer Bar, als ihm ein Bekannter ein Glas Rum über den Tisch schiebt. Hoek sagt, ihm sei Alkohol immer zuwider gewesen. „Kein Bier, kein Wein, hat mir einfach nicht geschmeckt.“ Den Rum trinkt er mehr aus Höflichkeit. Zehn Minuten später ist der Schmerz weg.

Von diesem Abend an therapiert er sich selbst. Wie gut sich ein neuer Tag anfühlt, wenn er mit einem Glas Wodka beginnt. Immer öfter bleibt das Fahrrad auf der Terrasse und der Laptop zugeklappt. Es gibt Wichtigeres als die Arbeit, die er ohnehin nicht mehr geregelt bekommt. „Ich habe keine Deadlines mehr eingehalten, die Qualität stimmte nicht und natürlich haben auch die Kunden am Telefon gemerkt, dass irgendwas mit mir nicht stimmt. Einer nach dem anderen ist abgesprungen.“

Anfang 2016 wirft ihn der Vermieter aus dem Haus in den Bergen. Hoek verfügt noch über tausend Euro und kauft sich ein Flugticket nach Berlin. „Ich dachte: Vielleicht geht ja was mit dem Sozialsystem.“ Die Ankunft spätabends auf dem Flughafen Tegel ist ein Schock. Eisige Kälte, wie er sie aus den Jahren auf Gran Canaria nicht mehr kennt. Und jetzt? Wohin? Die alte Heimat ist ihm fremd geworden. Nach 14 Jahren im Ausland sind die alten Bekanntschaften vergessen. Die Mutter ist schwer krank. „Ich habe ihr erzählt, dass ich mit ein paar Freunden in einer WG wohne.“ Ein paar Tage lang reicht das Geld noch für Übernachtungen in Hostels und Mahlzeiten in Schnellimbissen. Dann reißt auch dieses Netz. Im Februar 2016 stürzt er in die Obdachlosigkeit.

Hoek bricht ab. „Entschuldigen Sie bitte, ich brauche eine Pause. Mir geht das gerade sehr nahe. Haben Sie was dagegen, wenn ich mir eine Zigarette drehe?“

Zufluchtsort. Der Bahnhof Lichtenberg, Hoeks Revier, bleibt nachts geöffnet. Foto: Kai-Uwe Heinrich Vergrößern
Zufluchtsort. Der Bahnhof Lichtenberg, Hoeks Revier, bleibt nachts geöffnet. © Kai-Uwe Heinrich

Es braucht ein paar Minuten, bis das Gespräch wieder in Gang kommt. Bis zur Schilderung der ersten Nächte auf der Straße. Tagsüber sitzt er im U-Bahnhof Magdalenenstraße, vor sich ein selbst gemaltes Schild und ein Pappbecher. „Glauben Sie mir, das Betteln ist entwürdigend“, sagt er heute. „Jedes Mal, wenn Sie jemanden um Geld bitten, geben Sie eine Bankrotterklärung ab. Dass Sie im Leben versagt haben. Dass Sie angewiesen sind auf Almosen. Wer das nie erlebt hat, kann es auch nicht nachempfinden. Jeder Obdachlose hat unendlich viele Gründe, sich schlecht zu fühlen. Aber er darf es niemandem zeigen.“ Ein schlecht gelaunter Obdachloser bekommt kein Geld.

Sechs, sieben Euro erbettelt er sich am Tag. Das reicht gerade für den Schnaps. Nach ein paar Tagen erzählt ihm einer von der Berliner Stadtmission an der Lehrter Straße. Mit Duschen, medizinischer Versorgung und warmen Betten. 1000 Schlafplätze stehen in Berlin für Obdachlose zur Verfügung, Hoek sagt, dass sie nur ganz selten ausgelastet sind. Warum? „Sie können sich ja mal so einen Schlafsaal anschauen und dann entscheiden, ob Sie da schlafen wollen.“

Einer friert, ein anderer will frische Luft

Die Stadtmission liegt ein paar Fußwegminuten vom Hauptbahnhof entfernt. Eine Mini-Siedlung aus Betonwürfeln. Schlafsäle und Arztstation, Buchhandlung, Kleiderkammer. Hoek erzählt, wie er sich das erste Mal vor der Kälte-Notaufnahme angestellt hat. „Im Fernsehen sieht das alles ganz toll aus“, mit frisch bezogenen Doppelstockbetten und Blumen auf den Tischen. Hoek erinnert sich an „Isomatten, 15 nebeneinander, dicht an dicht. Vielleicht lag da vorher einer mit offenen Beinen oder Läusen.“ Einer friert, ein anderer will frische Luft. Vorn stolpert einer auf dem Weg zur Toilette. Hinten unterhält sich jemand über Stunden mit einer Wand. Irgendwann brüllt alles durcheinander. „Und morgens um sechs müssen Sie wieder raus.“

Nach vier Nächten in der Stadtmission hat Hoek genug. Er organisiert sich Schlafsack und Isomatte, nichts wie weg! Und wenn auch nur unter die nächste Brücke.

Er lernt die Leute auf der Straße kennen, und die erklären ihm, wie die Straße funktioniert. Wo kann man schlafen, wo essen, wo gibt es medizinische Hilfe? Die Straße hat ihre eigenen Gesetze. Bei Meinungsverschiedenheiten hat immer der mit den dicksten Oberarmen recht! Nie Frauen schlagen, „dann ist man sofort unten durch“. Und, ganz wichtig: bloß keinen Obdachlosen fragen, warum er obdachlos ist! „Der hat das wahrscheinlich gerade mühsam verdrängt und will nicht dran erinnert werden.“

"Sie glauben gar nicht, wie kalt es gerade jetzt zu Weihnachten ist"

Noch eine Pause, noch eine Zigarette. André Hoek sagt: „Lassen Sie uns mal über etwas anderes reden.“ Über Musik oder Frauen oder Google-Home, die computergesteuerte Technik in seinem Apartment, sie gehorcht ihm aufs Wort. Im Hintergrund zwitschern virtuelle Vögel, abends lässt er gern Grillen zirpen. „Die ganze Bude läuft über den Computer: der Fernseher, die Heizung, das Licht auf dem Klo.“

Auf der Straße gibt es keine Heizung, „Sie glauben gar nicht, wie kalt es gerade jetzt zu Weihnachten ist. Sie sind nur kurz draußen, der Obdachlose permanent“, und so ein Tag hat verdammt viele Minuten. Der Alkohol tötet ab. Im Winter gegen die Kälte, im Sommer gegen die Hitze und immer gegen das allgegenwärtige Gefühl der Ausgrenzung. „Jeder Obdachlose merkt, dass er nicht mehr dazugehört“, sagt Hoek. Im günstigsten Fall durch die Blicke der anderen, das Abstandhalten. Immer wieder entwürdigend, aber besser, als beleidigt zu werden, angespuckt oder verprügelt.

Dazu passt die Geschichte mit den steifen Fingern. Sie beginnt damit, „dass Obdachlosigkeit auch ihre schönen Zeiten hat“. Hoek erzählt von seinem ersten Leben. Vom Stress am Laptop, den Verpflichtungen, auch seiner Frau gegenüber. „Auf der Straße war alles weg. Plötzlich hatte ich alle Zeit der Welt.“ Er geht auf Reisen, für ein paar geschnorrte Euro kommt man mit dem Nachtbus überall hin. Nach Hamburg, Göttingen, Bremen, in Paris schläft er ein paar Nächte unter dem Eiffelturm. „Wer kann so etwas schon von sich sagen?“ Eine letzte Reise führt ihn nach Hannover. „Da hat mich nachts irgendein Irrer angriffen“, erzählt er. Hoeks Zähne zersplittern unter den Tritten, den Angriff mit einer abgebrochenen Bierflasche muss er mit bloßen Händen abwehren. Eine Polizeistreife rettet ihm das Leben, aber zwei Finger an der rechten Hand bleiben steif.

Die Gesundheit leidet mit jedem Tag auf der Straße. Das ungesunde Essen, die mangelhafte Hygiene. „Putzen Sie sich mal die abgebrochenen Zähne draußen mit kaltem Wasser, das ist die Hölle!“ Einmal muss Hoek ins Krankenhaus, Nierenbeckenentzündung, 40 Grad Fieber, „aber nicht mal damit werden Sie als Obdachloser stationär behandelt“. Er kommt für eineinhalb Stunden an den Tropf, dann schickt ihn der Arzt wieder auf die Straße und verordnet strengste Bettruhe. Hoek sagt: „Sie wissen schon, dass ich unter einer Brücke schlafe?“

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