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Marco Lauer[Öflingen]

Es war nur ein weiteres großes Bauprojekt, gegen das Anwohner und Naturschützer protestierten. Doch nun wird ein lange geplantes Pumpspeicherkraftwerk im Schwarzwald unversehens zum Symbol für den ökologischen Umbau eines ganzen Landes

Oft ist sie hier draußen, spaziert durch den üppigen Mischwald, der das Haslachtal bedeckt, durchsetzt von grünen Teichen, beschallt von Vögeln, eine Oase der Ruhe. Marion Mainx, eine kleine, drahtige Frau von 67 Jahren mit Lachfalten im Gesicht, findet hier ihr Glück. Und weiter kann man in der Tat nicht entfernt sein von der lärmenden Disharmonie großer Städte und Industrien als in diesem entlegenen Hochschwarzwaldtal.

Doch – und Marion Mainx rückt ihre Brille zurecht – mit der Ruhe könnte es bald vorbei sein, um ihre innere ist es schon geschehen. Denn das Haslachtal, gelegen nahe der kleinen Gemeinde Öflingen und nur ein paar Kilometer von der Rhein-Grenze zur Schweiz entfernt, soll Teil eines gewaltigen Bauvorhabens werden. Mit einem geplanten Investitionsvolumen von rund 1,2 Milliarden Euro sogar das größte Baden-Württembergs – nach Stuttgart 21. Die Schluchseewerk AG, ein Tochterunternehmen der Energieriesen RWE und EnBW, plant hier das größte Pumpspeicherkraftwerk Deutschlands. Im Jahr 2018 könnte es ans Netz gehen.

Seit drei Jahren sind die Pläne bekannt. Schon damals gründete sich die Bürgerinitiative Atdorf, der von Anbeginn auch Marion Mainx als „hochaktives Mitglied“ angehört, wie sie sagt. Mainx blickt hinüber zum Tal, auf dem Rücken einen Rucksack und zeichnet mit Armen und Händen eine fiktive Staumauer in die Luft. „Hier wollen sie die hinbauen, 600 Meter breit und 70 Meter hoch.“ Es soll die höchste Staumauer Deutschlands werden. Hinter der soll dann ein gigantisches, 400 Meter langes Speicherbecken liegen, mit einem Fassungsvermögen von neun Millionen Kubikmetern.

„Wahnsinn“, sagt Mainx. „Ausgerechnet hier.“ Mag sein, dass in Öflingen die Zeit stillzustehen scheint, die Erde tut es eben nicht – diverse Verwerfungslinien verlaufen durch die Region. „Wenn man da allein an das große Erdbeben von Basel im 14. Jahrhundert denkt“, sagt Mainx. Und noch etwas macht ihr Sorgen. Das Gestein im südlichen Schwarzwald sei extrem arsenhaltig. Das Gift würde zutage gefördert. Es könnte, sie zeigt in Richtung Öflingen, irgendwann auch auf Kinderspielplätzen landen.

Vor drei Jahren wirkte das Pumpspeicherwerk-Vorhaben noch wie eines jener Großprojekte, wie sie überall in Deutschland den Unmut der betroffenen Bevölkerung hervorrufen. Jetzt bekommt es eine andere Note. Deutschland steigt aus der Atomenergie aus, das Wasserbassin mit seinem unterirdischen Rohrsystem steht für den ökologischen Umbau des Landes. Ohne eine solche Technologie ist die wetterabhängige Energie aus Wind und Sonne nicht nutzbar. Mainx weiß das. „Dass Deutschland sich jetzt entschieden hat, Vorreiter bei der Energiewende zu sein, finde ich zwar toll“, sagt sie, aber dafür die Landschaft zu versiegeln, könne ja auch keine langfristige Lösung sein.

Was aber eine solche Lösung wäre, das verbirgt sich für Marion Mainx hinter Begriffen wie „dezentrales Stromkonzept“. Bei dessen Umsetzung würde jede Region in Deutschland „ein wenig Fett abkriegen“. Nicht so bei der jetzigen Arbeitsteilung, nach der im Norden Windparks und Pumpspeicher im Schwarzwald gebaut würden, um Millionen Menschen zentral gesteuert mit Strom zu versorgen.

In der Nähe gibt es bereits das Hornbergbecken, einen silbrig schimmernden ovalen See, den von normalen Seen der Region unterscheidet, dass er auf einem Berg liegt. Die Menschen, die sich um Mainx zur Bürgerinitiative zusammengeschlossen haben, fürchten, dass aus der Naturlandschaft des Schwarzwaldes eine Energielandschaft zu werden droht.

Dafür stellt das Pumpspeicherwerk den zentralen Baustein dar. Es funktioniert wie eine riesige aufladbare Batterie mit zwei Kammern, einem Ober- und einem Unterbecken. Je nach Strombedarf wird aus dem Oberbecken Wasser abgelassen, das durch einen gewaltigen unterirdischen Schacht möglichst weit in die Tiefe fällt, bis es dort dann mit großer Kraft auf Turbinen trifft, deren Generatoren Strom erzeugen. Durch einen weiteren langen Schacht fließt das genutzte Wasser dann ins Unterbecken, wo es wieder gesammelt wird. Dieser Vorgang lässt sich beliebig oft wiederholen, denn mit überschüssigem Strom kann das Wasser wieder vom Unterbecken ins Oberbecken zurückgepumpt werden.

„Ist doch eigentlich eine saubere Sache,“ sagt Peter Steinbeck, Pressesprecher der Schluchseewerk AG mit Sitz im hochrheinischen Laufenburg. Ein paar Kilometer entfernt von hier liegt das schweizerische Atomkraftwerk Laibstadt. Steinbeck, 52 Jahre alt, groß, weiß natürlich auch um die Schwierigkeiten des Vorhabens. Es braucht Platz. Für das Unterbecken, vor dessen Staumauer es Mainx schon graut, soll das Haselbachtal geflutet werden. Und für das 1000 Meter lange Oberbecken in 600 Metern Höhe und acht Kilometer entfernt wird die Kuppe des dicht bewaldeten Berges Abhau Stück für Stück weggesprengt und eingeebnet. Die Gegner des Projektes sprechen davon, „ihn zu köpfen wie ein Frühstücksei“.

Steinbeck ist vorausgegangen in einen Konferenzraum. Er setzt sich und ist gleich beim Thema: dass Bedenken zunächst erst mal berechtigt seien. „Aber wir können das Becken eben auch nicht in die Luft hängen und die Bedingungen für ein so großes Speicherwerk sind hier absolut optimal.“ Er meint damit die Fallhöhe für das Wasser. Nirgendwo im Land könne mit so wenig Raum ein vergleichbar hoher Effizienzgrad erreicht werden. Außerdem würde Steinbeck in Bezug auf den Landschaftsverbrauch nicht von Naturzerstörung sprechen, sondern von einer Art Naturrochade. Weil die Schluchseewerk AG für umfangreiche Ausgleichsmaßnahmen an anderen Orten sorgen werde. Das sei vertraglich schon zugesichert. Dass nun einige Gegner vor allem von der Bürgerinitiative versuchten, das Projekt kaputtzureden, findet er sehr schade.

Steinbeck weiß auch, dass es bei diesem Projekt vor allem auf Vertrauen ankommt. Seit 1928 gibt es das Unternehmen, es ist auf die Nutzung von Wasserkraft spezialisiert, mehrere Täler im Schwarzwald verdanken ihm ihre Abriegelung mit Staumauern. Die Schluchseewerk AG beschäftigt 351 Menschen, fast nur solche, die in der Umgebung wohnen, den hiesigen Dialekt sprechen und hier sehr verwurzelt sind, sagt Steinbeck. Da wolle man ja wohl nichts, was denen irgendwelche Nachteile bringe. „Aber manchmal“, sagt er, „muss man vielleicht auch mal sagen, dass nichts vorwärtsgeht, wenn niemand ein Opfer bringen will.“

Das Pumpspeicherwerk wird für eine Leistung von 1400 Megawatt geplant. Tatsächlich entspricht das dem Doppelten, das der abgeschaltete Meiler von Neckarwestheim I leistete. Das Unternehmen kann sich überdies auf einen positiven Raumordnungsbeschluss berufen. Darin heißt es, „dass die energiewirtschaftliche Notwendigkeit des Pumpspeicherwerkes Atdorf bestätigt wird“.

Ruth Cremer-Ricken hält das für ziemlichen Blödsinn. Schon jetzt komme mehr als ein Viertel des gesamten Pumpspeicherstroms aus der Region. Die 53-Jährige, eine schmale Person mit Pagenhaarschnitt, sitzt in einem Café in Bad Säckingen, einer kleinen Kurstadt am Hochrhein. Seit 2004 ist die Grünen-Politikerin Kreisrätin hier – und in der Gegend die wohl bekannteste und hartnäckigste Gegnerin des Speicherwerk-Projektes. Neben ihr steht auf dem Boden eine große Kiste, die sie zum Gespräch mitgebracht hat. Darin kiloweise Papier, Schriftverkehr, Gutachten, Einwendungen, Briefe von ihr an die Schluchseewerk AG, die frühere baden-württembergische Landesregierung, eigentlich an alle Befürworter des Projektes. Es sind Dokumente eines Überzeugungskampfes.

Es herrschte, sagt sie und dreht ihre Handflächen nach oben, von Beginn an eine große Waffenungleichheit. Auch deshalb, weil sie wie viele der Gegner den Vorwurf zu hören bekomme, dass sie als Grüne doch wohl nicht gegen ein ökologisches Projekt sein könne. Sogar Kanzlerin Merkel kritisierte vor einigen Monaten bei einer Wahlkampfveranstaltung in der Region: „Für erneuerbare Energien zu sein, aber gleichzeitig gegen neue Pumpspeicherkraftwerke zu protestieren, ist inkonsequent.“

Ende Juni trafen sich alle, die vom Projekt betroffen sind, erstmals zu einem Runden Tisch in Bad Säckingen. Auch Cremer-Ricken war dabei, eine von etwa 40 Teilnehmern. Darunter Vertreter der Schluchseewerk AG, lokale Politiker, Mitglieder von Naturschutzverbänden. Am 25. Juli wollen sie sich wieder zusammensetzen, darüber sprechen, welche Alternativen zum Speicherwerk es geben könnte. Ob es denn wirklich dringend notwendig ist. Das offizielle Genehmigungsverfahren für das Projekt soll erst nach Ende der Diskussionen im Winter beginnen.

Sie sei ja grundsätzlich gar nicht dagegen, sagt Ruth Cremer-Ricken. „Aber dieses Projekt ist nun mal nicht ökologisch, sondern nur ökonomisch.“ Weil das verdächtig nach der alten grünen Bedenkenträgerei klingt, lächelt Cremer-Ricken und lässt einen Exkurs über die Mechanik der Energiewirtschaft folgen. Es geht um Fluktuation, Abschaltspannen und womöglich einen großen Schwindel. Woher nämlich wird die Schluchseewerk AG den Strom beziehen, den sie braucht, um das Oberbecken zu füllen? Das ist eine der Fragen, die den Projektgegnern nicht aus dem Kopf will. Ist da Zukunft vielleicht wieder reinste Vergangenheit?

Letztlich, sagt Ruth Cremer-Ricken, könne man die Herkunft des Stroms nicht überprüfen, der für die Pumpen in ein Pumpspeicherwerk eingespeist werde. Für EnBW und RWE, die beiden Mutterkonzerne, wäre es eine gute Möglichkeit, auch Atomstrom dafür zu verwenden. Dann nämlich, wenn große Atom- oder Kohlekraftwerke nicht schnell genug runtergefahren werden könnten, so dass vor allem nachts Überschussstrom entstehe, der verloren wäre und den Konzernen ohne Gewinn entgehen würde. „Den kann man dann prima bei den Schluchseewerken speichern, reinwaschen und als teuren Ökostrom verkaufen“, sagt Cremer-Ricken und lacht schrill.

Da ist es wieder, das Problem mit dem Vertrauen. „Es ist tatsächlich so“, hatte Peter Steinbeck gesagt, „dass in unserem Strommix für die Pumpen auch Atomstrom steckt.“ Das sei derzeit einfach nicht zu vermeiden. „Aber woher sollten wir denn künftig noch Atomstrom herbekommen, wenn bald alle Akws abgeschaltet sind?“ Die mögliche Antwort hatte Steinbeck für sich behalten. Atomstrom aus ausländischen Meilern könnte in ökologisch und ethisch sauberen Strom verwandelt werden, sagen Experten. Das Pumpspeicherwerk wäre nichts anderes als eine Bio-Etikettiermaschine.

Dafür eine sechsjährige Bauzeit in Kauf zu nehmen, fällt Marion Mainx schwer. Für die ehemals viel beschäftigte Apothekerin ist ihr Engagement fast zu einem Vollzeitjob geworden. Sie führt den Besucher zu einem pflanzenbedeckten Weiher, Frösche quaken. „Ist das nicht schön?“ Sie geht weiter, sagt, mit einem Lächeln: „Naja, vielleicht ist das auch ein bisschen ein Thema des Alters.“

Als sie vor 30 Jahren hier in die Gegend gezogen sei, als drüben in Wehr, knapp zehn Kilometer von hier, auch ein Pumpspeicherwerk gebaut worden sei, habe sie das nicht sonderlich interessiert. Aber dieses Denken an das Danach, das würde eben immer stärker. Der Baustellenlärm, die erhöhten Feinstaubemissionen. Das Aussterben seltener Tierarten, die es nur hier gebe. Der Blauflügel-Libelle etwa. Oder, dafür müsse sie in ihren Unterlagen nachschauen, so lange sei sie ja auch noch nicht in der Materie, sagt Marion Mainx und findet die Rote Keulenschnecke. Die Berg-Turmschnecke nicht zu vergessen.

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