Ihr Fantasie-Gericht setzt sich für Horst Mahler ein

Sichergestellte Waffen von Reichsbürgern im Polizeipräsidium in Wuppertal im November 2016. Foto: dpa
Verstörendes Interview in Berlin Hier sprechen die Reichsbürger

Natürlich lehnen sie auch die Gerichte der Bundesrepublik ab. Wer dort Urteile fälle, sei Söldner der Firma. Um endlich wieder ordentliches Recht sprechen zu können, haben Heike Werding und ihre Mitstreiter seit Jahresbeginn bundesweit 50 eigene Amtsgerichte gegründet - dazu in Berlin ein „Höchstes Gericht“. Wo genau das tagt, wollen sie nicht verraten. Im Juli hat es angeordnet, die Bundesrepublik müsse den inhaftierten Holocaustleugner Horst Mahler freilassen. Die Verantwortlichen, die ihn ins Gefängnis gesteckt hätten, müssten mit einer Anklage wegen „Amtsanmaßung und dem Missbrauch von Amtstiteln“ rechnen.

Wie will die Gruppe ihre Ziele durchsetzen, so ganz ohne eigene Polizei und Militär? Simple Antwort: Sie wollen die Polizei davon überzeugen, dass diese im Ernstfall nicht den Regierenden der BRD, sondern ihnen zu gehorchen habe. Die Generalbevollmächtigte Werding zieht eine farbige Hochglanzbroschüre mit dem Titel „Berliner Bürger sichern Polizeiarbeit“ hervor. Mit der seien sie zu verschiedenen Dienststellen gegangen und hätten Beamte angesprochen. „Wir klären die jetzt auf, damit die Bescheid wissen“, sagt Hans Sahr. Die Berliner Polizei bestätigt, dass Beamten diese Broschüre zugesteckt wurde. Ob die Inhalte strafrechtlich relevant seien, werde noch geprüft.

Potpourri der Verschwörungstheorien

Im Café am Fehrbelliner Platz packen die Selbstverwalter weitere Wahrheiten aus. Zum Beispiel: An deutschen Schulen werden satanische Inhalte gelehrt. Frauen tragen die DNA aller Männer in sich, mit denen sie geschlafen haben. Angela Merkel bekommt von Banken für jeden Flüchtling, dem sie einen Pass ausstellt, zehn Millionen Euro. Kaugummis können das Gehirn zersetzen. Impfen ist gefährlich. Hans Sahr hat den Beweis: „Meine Nichte ist nach einer Mehrfachimpfung schwer erkrankt.“ Er fragt, ob die Flut an Informationen vielleicht zu viel ist für ein einziges Treffen. Ob sein Gegenüber noch hinterherkomme. Zum Glück läuft ja das Tonband mit, so geht nichts verloren.

Also, es gebe da noch ein Problem. Um das zu verstehen, müsse man die Bibel deuten können. Zum Beispiel habe Adam in Wahrheit keinen Apfel gegessen, vielmehr habe Eva Geschlechtsverkehr mit Tieren gehabt. Und im Himmel habe später eine epische Schlacht stattgefunden, in der die Engel reptiloide Schlangenwesen besiegt hätten. Letztere seien dann auf die Erde geworfen worden. Die Reptiloiden, die Böses wollten, nähmen die Gestalt von Menschen an. Beweisfotos gebe es im Internet. Die Queen sei auf jeden Fall ein Reptiloid. Hans Sahr ist sich nicht ganz sicher, ob Angela Merkel nur Jüdin oder auch reptiloid sei. Theoretisch sei beides möglich, sagt er.

Verhinderte Schlüsselübergabe

Am vergangenen Donnerstag, genau eine Woche nach Sahrs erstem Besuch im Rathaus Zehlendorf, ist der Gerichtsvollzieher erneut vorstellig geworden. Diesmal brachte er zwei Mitstreiter mit. Um Punkt elf klopfte er an die Tür des Sekretariats der Bezirksbürgermeisterin, wie angekündigt forderte er die Herausgabe der Schlüssel. Weil die Rathausmitarbeiter nach Sahrs erstem Auftritt die Polizei informiert hatten, waren diesmal Beamte vor Ort. Die drei Störer wurden zum Landeskriminalamt in Tempelhof gebracht und erkennungsdienstlich behandelt. Sie blieben friedlich. Auf dem Revier hätten sie dann viele gute Gespräche mit Beamten geführt. Und erfahren, dass sie absolut im Recht seien. So verstörend die Gedankengänge der geeinten Völker und Stämme auch sind, eine Fähigkeit kann man ihnen nicht absprechen. Sie schaffen es, jede Niederlage und jede Abfuhr in einen Sieg umzudeuten.

Das Zehlendorfer Rathaus sei erst der Anfang, sagt Hans Sahr. „Wenn wir das haben, kriegen wir alle.“ Er glaubt allerdings nicht, dass die Welt so schnell von ihrem Wirken erfahre. Von all dem, was er im Café offengelegt habe, werde es am Ende leider kein Wort in die Zeitung schaffen. „Ihre Chefredakteure werden das verhindern.“ Die würden schon aufpassen, dass die Wahrheit nicht ans Licht kommt.

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