Bis spät in die Nacht mussten die Wähler zittern. Foto: AFP
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US-Wahl 2020 Waffen im Wahllokal, QAnon im Kongress – das passierte in der Wahlnacht

Einschüchterungsversuche, kaputte Wahlzettelscanner, hart umkämpfte Swing States: Die US-Wahl 2020 wird Amerika so schnell nicht vergessen. Der Überblick.

Es war eine der wenigen Gewissheiten dieser Wahlnacht, dass sie anders verlaufen würde als alle anderen zuvor. Das Coronavirus hat die USA in eine tiefe Krise gestürzt. Mit Millionen Arbeitslosen und mehr als 230 000 Toten. Die ersten Nachwahlumfragen zeigen es deutlich. Was die Amerikaner an die Wahlurnen trieb, ist die Wirtschaftslage und der Kampf gegen die Pandemie.

Und so machten sich Millionen US-Bürger auf und wählten. 67 Prozent könnte die Wahlbeteiligung am Ende betragen haben. Es wäre die höchste seit mehr als einem Jahrhundert. Wegen der Pandemie hatten bereits vor dem Wahltag 101 Millionen Wähler ihre Stimme abgegeben.

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Vor der Wahl hatten viele Anhänger des Demokraten Biden erklärt, per Briefwahl abstimmen zu wollen. Wähler von Präsident Trump wollten eher am Wahltag ihr Votum abgeben. Die Bundesstaaten haben jedoch unterschiedliche Methoden dafür, wann sie welche Stimmen auszählen, so dass große Umschwünge im Laufe des Abends möglich sind. Aus manchen Staaten wird das Ergebnis erst in den nächsten Tagen erwartet.

Und das Rennen zwischen Donald Trump und Herausforderer Joe Biden ist knapp, besonders in den hart umkämpften Swing States, darunter Florida, Ohio, North Carolina und Pennsylvania.

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Am Tag selbst bietet sich Beobachtern ein ungewohntes Bild. Mit Menschen, die ihre Stimmen aus dem Auto heraus abgeben, Millionen, die mit Masken vermummt in endlosen Schlangen weit voneinander entfernt für die Stimmabgabe anstehen. Menschen, die sich routiniert Desinfektionsmittel auf die Hände reiben. So viel, dass in Des Moines, Iowa, schließlich ein Wahlzettelscanner von der vielen Flüssigkeit kaputt geht. Die Wahlhelfer stellen daraufhin den Desinfektionsmittelspender weiter vorn in die Schlange, damit die Hände Zeit haben, zu trocknen.

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Es sei die wichtigste Wahl in der Geschichte des Landes, hatte Trump zuvor gesagt. Es ist, ein Stück weit, auch eine improvisierte. Schlaglichter aus einer entscheidenden Nacht:

North Carolina

Seine Trump-Kappe auf dem Kopf, Kampfstiefel an und mit einer Schusswaffe bewaffnet betritt Justin Dunn in der Stadt Charlotte in North Carolina ein Wahllokal. So berichtet es später die Polizei. Offen eine Schusswaffe mit sich zu führen ist in North Carolina nicht verboten. Doch der 36-Jährige soll versucht haben, Wähler einzuschüchtern. North Carolina gehört zu den Staaten, die Trump unbedingt gewinnen muss, will er für eine zweite Amtszeit gewählt werden. Die Polizei führt den Mann ab.

Insgesamt jedoch blieb es vergleichsweise ruhig. Viele hatten Ausschreitungen und massive Wahlbeeinflussung befürchtet.

„Es ist definitiv eine große Erleichterung zu spüren bisher“, sagt Dary Johnson, ein ehemaliger Analyst des Heimatschutzministerium der „New York Times“. Allerdings werde „die Zeit nach der Wahl sehr viel riskanter. Wir werden es mit den Folgen des Ergebnisses zu tun bekommen.“

Für Aufsehen sorgten lediglich automatisierte Anrufe, die bei Wählern eingingen und sie aufforderten, nicht wählen zu gehen. Mal um „lange Schlangen zu vermeiden“, mal „um in Sicherheit“ zu sein. 17 Staaten meldeten dem FBI solche Fake-Aufrufe.

Michigans Attorney General stellte aber früh klar: „Glaubt diesen Lügen nicht! Eure Stimme zählt!“

Laut dem Lawyers’ Committee for Civil Rights Under Law, einem Anwaltsverein, der sich für Bürgerrechte einsetzt, stieg die Zahl der Vorfälle im Vergleich zu 2016 allerdings an. 30 000 Vorfälle wurden der Hotline gemeldet. Angesichts der aufgeheizten Stimmung hatte man allerdings mit deutlich mehr gerechnet.

Pennsylvania

Ein Flugzeug kreist über der Stadt, das einen Banner über den Himmel zieht: Go Vote – Geht wählen, steht darauf. Viele Geschäfte in der Innenstadt haben ihre Schaufenster vernagelt.

Kristine Billmyer wartet in einer Covid-bedingten Schlange vor einem Biosupermarkt in der Innenstadt. Ihre Hoffnung für den nächsten Tag? „Es wäre großartig, wenn wir morgen wüssten, dass Donald Trump bald nicht mehr unser Präsident ist.“ Billmyer unterrichtet Soziolinguistik an der Columbia-Universität in New York, ihr Mann und sie leben in beiden Städten. Unruhen erwartet sie zunächst nicht – wohl aber, dass Donald Trump sich an die Macht klammern und gegen die Ergebnisse klagen wird.

Der 24-jährige Abdul steht mit seiner Mutter vor der Syne High School im Westen von Philadelphia. Die beiden zeigen Wählern, wo sie in der Schule das Wahlbüro finden. Abdul ist Tätowierer, hat aber gerade keinen richtigen Job. Er träumt von einem eigenen Studio, oder vielleicht einer Sportsbar. Er wird später wählen – wenn er hier fertig ist, für Biden, sagt er. Kennt er jemanden, der für Trump stimmt? Nein, sagt er und lacht. „Doch nicht hier.“ Er hoffe, dass Biden da weitermachen wird, wo Obama aufgehört hat, sagt er. „Ich glaube, die beiden sind sich sehr ähnlich, sie haben dieselbe Art.“

Zwei Blocks von der Syne High School, auf der 61st Street, wohnte Walter Wallace Jr. Am Montag vor acht Tagen wurde er von einem Polizisten erschossen, nachdem er mit einem Messer auf ihn zugegangen war. Am Montag und Dienstag der vergangenen Woche kam es deshalb zu Demonstrationen, Auseinandersetzungen mit der Polizei und Plünderungen in der Stadt. Die Stimmung im Viertel sei deshalb immer noch angespannt, sagt Abdul. „Es wird auf jeden Fall noch viel darüber geredet.“ Ja, er habe davon reden gehört, dass es Unruhen geben könnte, falls Trump gewinnt. Richtig besorgt ist er aber nicht. Auf jeden Fall seien heute im Laufe des Tages sehr viele Leute hier gewesen.

Miyana verlässt das Wahllokal. Die junge Frau ist mit ihrer Tochter gekommen. Das Mädchen hält einen Luftballon in der Hand. Auch Miyana hat Biden gewählt. Sie glaubt, dass er es schaffen kann. Und wenn nicht, wenn Trump gewinnt? „Dann gibt es Unruhen, dann gibt es Gewalt, dann wird es hier brennen“, sagt sie.

Washington DC

Vor dem Weißen Haus ziehen Demonstranten auf. „Show us what democracy looks like“ brüllt eine junge Frau. Zeigt uns, was Demokratie bedeutet. Dies hier ist Joe-Biden-Land, auch wenn Donald Trump nur wenige Meter von den Demonstranten entfernt im Weißen Haus in dieser Nacht seine Wahlparty feiern will – wenn er etwas zu feiern hat. In DC hatten 2016 mehr als 90 Prozent für Hillary Clinton gestimmt.

Die Menschen tanzen, beten und protestieren am Zaun, der den Lafayette Park vor dem Weißen Haus bereits seit Monaten absperrt. Hier war es nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd im Mai zu großen Protesten und Zusammenstößen mit der Polizei gekommen.

Die Proteste bleiben friedlich ... und manchmal sogar ein bisschen kreativ. Foto: dpa Vergrößern
Die Proteste bleiben friedlich ... und manchmal sogar ein bisschen kreativ. © dpa

Kurz vor dem Wahltag wurden zudem noch weitere, deutlich massivere Absperrungen auf der anderen Seite des Weißen Hauses hochgezogen. Schwer zu sagen, wie sich die Stimmung im Verlauf der Nacht entwickelt, die Temperaturen sind deutlich angenehmer als in den vergangenen Tagen, weshalb viele wohl lange ausharren werden.

Georgia

Auch wenn die Welt vorrangig auf das Ergebnis der Präsidentenwahl schaut, werden in den USA auch einige Sitze im Kongress neu besetzt. Sicher ist, dass nach dieser Nacht dort nun eine Verschwörungstheoretikerin sitzt. Marjorie Taylor Greene hat für die Republikaner den 14. District in Georgia gewonnen.

Marjorie Taylor Greene hatte vor der Wahl die sogenannte QAnon-Theorie öffentlich gestützt, die besagt, dass eine mysteriöse Person, „Q“ Informationen streut, die auf haarsträubende Verschwörungen hinweisen sollen. Darunter satanische Zirkel und verschleppte Kinder, die von der politischen Elite missbraucht würden. Die Anhänger der Theorie sind wiederholt durch Gewalttaten aufgefallen – und sind ausgesprochene Trump-Fans.

2017 hatte Greene in einem Video gesagt, „Q“ sei ein Patriot. Und Trumps Präsidentschaft sei die Chance, „die satanistischen Pädophilen auszuschalten“. Nun ist sie Teil der amerikanischen Legislative. Fest steht aber nach dieser Nacht auch: Die Demokraten verteidigen ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus.

Delaware

Die Wahlnacht verbringt Joe Biden zuhause in Wilmington. Hier hat er seine Kandidatennominierung akzeptiert, hier will er sich zum Präsidenten ausrufen – wenn es denn reicht.

Eine halbe Stunde, bevor die ersten Wahllokale schließen, plaudert Biden noch mit Reportern. Auf die Krawatte hat er verzichtet, grauer Mantel, USA-Anstecknadel – und Maske, die ihm ständig vom Gesicht rutscht.

„Wenn man Amerikanern eine faire Chance gibt, können sie alles schaffen“, sagt er in die Kamera.

Sarah McBride hat in Bidens Heimatstaat diese Chance genutzt. Sie gewann das Rennen gegen den Republikaner Steve Washington und wird somit die erste Person, die offen als transgender auftritt im US-Senat. „Wir haben’s geschafft!“, twitterte sie. „Ich hoffe, diese Nacht zeigt LGBTQ-Kindern, dass diese Demokratie auch für sie einen Platz hat.“

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