Hilft, die politische Situation besser einordnen zu können: Der Historiker Robert Kindler vom Osteuropa-Institut bei seinem Besuch in der 7. Klasse in Kreuzberg. Foto: Thorsten Frauenkron
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Unterstützungsangebote für Geflüchtete Akademische Brücken

Das Osteuropa-Institut der Freien Universität ist durch Austauschprogramme und Forschungsprojekte seit Jahrzehnten eng mit der Ukraine verbunden. Groß ist der Wunsch zu helfen.

W enn Tamara Martsenyuk ihr Online-Seminar hält, wählen sich derzeit etwa 30 Studierende ein. Eigentlich besuchen 85 Studierende den Kurs. „Ich weiß nicht, was mit den anderen passiert ist“, sagt die außerordentliche Professorin für Soziologie und Genderstudien, die an der Universität Kyiv-Mohyla Academy in der ukrainischen Hauptstadt Kiew lehrt. „Ich hoffe, dass sie gerade einfach keinen stabilen Internetzugang haben, aber … .“ Sie schluckt, spricht den Satz nicht zu Ende.

Tamara Martsenyuk ist Anfang März nach Berlin geflohen, sie ist in Sicherheit. Doch viele ihrer Studierenden sind noch in der Ukraine. Dass die Soziologin ihr Seminar von einem Schreibtisch in Berlin aus halten kann, verdankt sie einem Überbrückungsstipendium des Osteuropa-Instituts (OEI) der Freien Universität. Es soll gefährdeten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der Ukraine, Russland und Belarus helfen, indem es ihnen Zeit verschafft: drei bis sechs Monate, um Anträge zur Drittmittelförderung zu stellen oder sich für andere Stipendien zu bewerben. Zeit, um Studierende dem Krieg zum Trotz weiter zu begleiten.

Viele russische Universitätsleitungen unterstützen den Angriff auf die Ukraine

Die Freie Universität startete den Aufruf für das Stipendium am 18. März. Seitdem bekomme er täglich etwa fünf Bewerbungen, sagt Mihai Varga. Der promovierte Soziologe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am OEI und koordiniert den Bewerbungseingang. Inzwischen sind 15 Fellowships vergeben. „Für die Ukraine sind die Stipendien besonders wichtig, da sie den Kolleginnen und Kollegen ermöglichen, ihren Lehrbetrieb weiter aufrechtzuerhalten“, sagt Mihai Varga. „Wir verlangen nicht, dass sie bei uns lehren, so können sie sich auf die Aktivitäten an ihren Universitäten konzentrieren.“

Die meisten Anfragen kämen allerdings aus Belarus und Russland, sagt der Wissenschaftler. Wer sich von dort bewirbt, muss, anders als ukrainische Bewerberinnen und Bewerber, darlegen, dass er oder sie im eigenen Land in Gefahr ist. Denn viele russische Universitätsleitungen hatten nach dem Ausbruch des Kriegs erklärt, den russischen Angriff auf die Ukraine zu unterstützen.

Die Freie Universität hat gleich im Februar ihre Beziehungen zu wissenschaftlichen Einrichtungen in Russland ausgesetzt. „Die Freie Universität Berlin verurteilt den Krieg der russischen Regierung aufs Schärfste“, sagte Universitätspräsident Professor Günter M. Ziegler in einer Ansprache, die als Videomitschnitt auf der Homepage der Freien Universität abrufbar ist. Die Verbindungsbüros der Freien Universität Berlin in Moskau und Sankt Petersburg wurden geschlossen, alle Forschungskooperationen und finanziellen Transfers ausgesetzt.

Der akademische Austausch mit Russland ist unterbrochen

Auch der Studierendenaustausch und die strategische Partnerschaft mit der Staatlichen Universität Sankt Petersburg sind auf Eis gelegt. Damit unterbricht die Freie Universität eine jahrzehntelange Tradition des Austauschs mit Russland. Dennoch: Menschen bleiben an der Freien Universität, unabhängig von ihrer Herkunft, willkommen.

Bereits im Jahr 1968 hatte das damals noch junge Osteuropa-Institut das Austausch-Abkommen mit der Staatlichen Universität Sankt Petersburg, damals noch Shdanov-Universität in Leningrad, vereinbart. Seitdem waren Jahr für Jahr Studierende aus Berlin nach Russland gereist, um ihren Forschungsgegenstand hautnah zu erleben.

Auch mit der Ukraine pflegt die Freie Universität enge partnerschaftliche Beziehungen. Im September 2021 fand in Dahlem die zweitägige Konferenz „Days of Ukraine“ statt. Anlass war das 70-jährige Bestehen des Osteuropa-Instituts sowie das 30. Jahr der Unabhängigkeit der Ukraine. Forschende aus Berlin, Brandenburg und der Ukraine konnten sich vernetzen und die Zusammenarbeit weiter ausbauen. An der Freien Universität bestehen Partnerschaften im Mobilitätsnetzwerk Erasmus+ der Europäischen Union mit den Universitäten in Kiew, Odessa und Lviv. Über das Leonhard-Euler-Programm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes kooperiert die Freie Universität mit der Nationalen Universität Mechnikov in Odessa; das Programm fördert mit Mitteln des Auswärtigen Amtes binationale Forschungsprojekte. In einer gemeinsamen Absichtserklärung wurde auch eine Zusammenarbeit zwischen der Freien Universität Berlin und der Kyiv School of Economics und dem Institut für Internationale Beziehungen der Taras- Shevtschenko-Universität Kyiv vereinbart.

Unterrichten von Berlin aus. Tamara Martsenyuk (r.), Professorin für Soziologie und Genderstudien, hält ein Überbrückungsstipendium des Osteuropa-Instituts der Freien Universität; Tetiana Kostyuchenko (l.), Soziologiedozentin,ist Stipendiatin des vom Exzellenzcluster SCRIPTS eingerichteten Programms Wissenschaftsbrücke. Foto: Bernd Wannenmacher Vergrößern
Unterrichten von Berlin aus. Tamara Martsenyuk (r.), Professorin für Soziologie und Genderstudien, hält ein Überbrückungsstipendium des Osteuropa-Instituts der Freien Universität; Tetiana Kostyuchenko (l.), Soziologiedozentin,ist Stipendiatin des vom Exzellenzcluster SCRIPTS eingerichteten Programms Wissenschaftsbrücke. © Bernd Wannenmacher

Ein weiteres Projekt wurde im März initiiert. Gemeinsam mit Historikerinnen und Historikern des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam e. V. (ZZF) haben Lehrende des Osteuropa-Instituts und weitere Fachleute bereits mehr als 60 Schulklassen in Berlin und Brandenburg besucht. Mit Jugendlichen ab der siebten Klassenstufe sprechen sie über die Sowjetunion und Ostmitteleuropa nach dem Eisernen Vorhang, sie helfen bei der historischen Einordnung des Kriegs. Auch Schulungen speziell für Lehrkräfte gibt es.

Einer der teilnehmenden Wissenschaftler ist Robert Kindler. Er ist Gastprofessor für Geschichte am OEI. „Die Idee ist an unserem Institut spontan entstanden, weil es auf allen Seiten ein großes Informationsbedürfnis gab“, erzählt Kindler. „Da das ZZF kurz zuvor ein solches Projekt gestartet hatte, sind wir gern eingestiegen.“ Bei seinen Schulbesuchen habe ihn beeindruckt, wie viel die Schülerinnen und Schüler sich mit dem Thema bereits auseinandergesetzt hatten. „Ihre Fragen waren sehr reflektiert und gingen weit über die Schlagzeilen in den Medien hinaus“, sagt Robert Kindler.

Eine der Klassen, die der Historiker besucht hat, war die neunte Klasse von Thorsten Frauenkron. Er ist Lehrer für Philosophie und Deutsch am Leibniz-Gymnasium im Kreuzberger Bergmannkiez und hatte als einer der Ersten für ein Schülergespräch angefragt. „Die Veranstaltung war ausgesprochen lohnenswert“, sagt Frauenkron. „Die Kinder hatten anschließend keine Angst mehr vor dem Krieg, weil sie ihn besser einordnen konnten.“ Seine Schülerinnen und Schüler hätten so viele kluge Fragen mitgebracht, dass die Doppelstunde mit Robert Kindler kaum ausgereicht habe, sagt Frauenkron. Auch er habe bei dem Gespräch noch viel gelernt. „Wir haben in der Klasse schon viel über die Sorgen der Kinder gesprochen“, sagt Thorsten Frauenkron. „Aber viele Fragen konnte ich selbst nicht beantworten, da war das Gespräch der perfekte Anknüpfungspunkt.“

Die Arbeit hilft der Professorin, die Situation auszuhalten

Auch Tamara Martsenyuk, die Professorin aus Kiew, beantwortet seit ihrer Ankunft in Berlin viele Fragen. Jeden Tag spreche sie mit Medienredaktionen in verschiedenen Ländern, sie verfasse Fachartikel, nehme an Demonstrationen teil, besuche akademische Veranstaltungen, bereite Seminare und Vorlesungen vor. Gern würde sie noch mehr erzählen, über ihre Forschung, die Ukraine, ihre Wut auf Russland. Doch auch an diesem Tag ist sie auf dem Weg zu einer Demo. Hauptsache etwas tun.

„Über den Krieg nachzudenken, macht mich unendlich traurig“, sagt die Wissenschaftlerin. „Je mehr ich mich in die Arbeit stürze, desto besser kann ich das ausblenden.“ Das Stipendium helfe ihr deshalb weit mehr als nur finanziell. „Ich kann hier in Deutschland viel mehr tun als in Kiew, kann meinen Beitrag leisten, statt tatenlos zusehen zu müssen, wie mein Land zerstört wird.“ Ihr Bruder und ihre Eltern sind in der Ukraine geblieben, sie arbeiten in Krankenhäusern. In den wenigen freien Minuten, die sich Tamara Martsenyuk gönnt, denkt sie an ihre Familie. Und an ihre Studierenden, besonders an jene, die sich nicht mehr in das Online-Seminar einwählen.

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