Unterkunft für Spione Stasi betrieb Hotel in West-Berlin
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Der Mordanschlag aber geht schief. Karate lauert Schulze mit erhobener Handkante im Hausflur auf, doch der Nackenschlag bleibt wirkungslos, Schulze wehrt sich, es gelingt ihm, Karate zu Boden zu reißen. Erst jetzt schreitet Rennfahrer ein, der vor der Tür Schmiere stand, mit dem Griff seiner Pistole schlägt er auf Schulzes Kopf ein. Blut fließt, aber Schulze ist nicht totzukriegen. Schließlich rammt Rennfahrer ihm den Pistolenlauf in den Mund und drückt ab – doch bei der Prügelei ist das Magazin aus der Waffe gefallen, sie klickt nur trocken. Als im Flur Stimmen der Nachbarn laut werden, müssen die Stasi-Killer unverrichteter Dinge fliehen.

Mehr als 300 andere Aufträge erledigt Rennfahrer dagegen zur vollen Zufriedenheit seiner Auftraggeber, rund 300 000 DM kassiert er dafür. Die Stasi braucht westdeutsche Nummernschilder, Polizeiausweise, kugelsichere Westen, Waffen? Rennfahrer besorgt sie. Selbst ausgefallenere Wünsche erfüllt er, einmal etwa schmuggelt er, wozu auch immer, drei Kisten Perücken in die DDR. In West-Berlin spioniert er eine griechische Dolmetscherin aus, in Neu-Ulm eine Zelle der „Ukrainischen Revolutionär-Demokratischen Partei“. Als 1972 die Olympischen Spiele in München stattfinden, hält Rennfahrer ein Auto mit verstecktem Transportfach bereit, um fluchtwillige DDR-Sportler notfalls mit Gewalt zurück in den Osten zu holen, ebenso 1974 bei der Fußball-WM.

Besonders gelobt werden in den Akten Rennfahrers Verdienste um die ostdeutsche Chemieindustrie. Der IM hat einen Wissenschaftler aufgetrieben, der ihm regelmäßig Rezepturen und Labormaterial verhökert – er entwendet sie seinem Arbeitgeber, einem westdeutschen Chemiekonzern. Bis zum Schluss glaubt er, Rennfahrer benötige das Diebesgut für seine eigene Firma, auch wenn ihm der Nutzen schleierhaft ist: Jahre später wird der Chemiker vor Gericht aussagen, das Material sei völlig veraltet gewesen, er habe stets das Gefühl gehabt, Rennfahrer „die Formel für Wasser“ zu verkaufen. In der DDR hingegen schätzt man die Rezepturen als „hochgradig wertvoll“ ein und weist Rennfahrer an, sie möglichst konspirativ nach Ost-Berlin zu transportieren. Die Lösung: In seiner Kunstharzfirma gießt Rennfahrer das Diebesgut in Reliefbilder ein.

Es hagelt Auszeichnungen. Markus Wolf, Chef der DDR-Auslandsspionage, würdigt Rennfahrers Verdienste mehrfach mit persönlichen Dankschreiben. 1977 verleiht man ihm den „Vaterländischen Verdienstorden“, mit dem sich, selbst wenn es nur die Bronze-Ausführung ist, nicht allzu viele Bürger des kapitalistischen Auslands schmücken dürfen. Dass der IM inzwischen zu einem „standhaften, ehrlichen und einsatzbereiten Patrioten“ herangereift ist, konstatiert bei der Ordensverleihung ein Stasi-Beobachter, der möglicherweise nicht mehr ganz nüchtern ist: „Rennfahrer hat eine sehr positive Einstellung zur DDR gewonnen. Hiervon zeugt nicht nur sein erster Toast nach der Auszeichnung auf das Wohl unserer Republik.“ Auch das Ehrenabzeichen „35 Jahre MfS“ heftet sich Rennfahrer 1985 „tief bewegt“ an die Brust, glaubt man seinen Führungsoffizieren.

Sicher hätte Rennfahrer auch noch den Orden „40 Jahre MfS“ ergattert, dessen Exemplare Ende 1989 schon fertig geprägt in der Berliner Stasi-Zentrale lagerten. Allein, es kam nicht mehr dazu. In den bewegten Wochen vor ihrem 40-jährigen Jubiläum dachten die Friedenskundschafter in der Normannenstraße nicht mehr an Orden, sie schredderten nur noch Akten. So fielen, als das Ministerium am 15. Januar 1990 von Demonstranten gestürmt wurde, Mielkes letzte Ehrenabzeichen dem Klassenfeind in die Hände.

Rennfahrer aber bleibt, Ironie der Geschichte, der Stasi noch verpflichtet, als sie längst nicht mehr existiert. Noch drei Jahre nach dem Mauerfall trifft er sich regelmäßig mit dem Chemiker, der immer noch glaubt, er beklaue seinen Arbeitgeber im Auftrag einer Konkurrenzfirma. Rennfahrer hält die Legende aufrecht – hätte er die Deals unmittelbar nach dem Mauerfall eingestellt, wer weiß, ob sein Gegenüber nicht Verdacht geschöpft hätte. Also treffen sie sich weiter, auch wenn Rennfahrer zuletzt Klammheit vortäuscht, wenn der Chemiker Geld fordert. Es müssen absurde Rituale gewesen sein, diese Begegnungen zweier Betrüger: Der eine lieferte Erkenntnisse, die er für völlig nutzlos hielt, der andere nahm sie zum Nutzen einer Volkswirtschaft entgegen, der längst nichts mehr nutzen konnte.

Niemand weiß, wie lange Rennfahrer die Treffen fortgesetzt hätte, wenn er nicht im Juni 1992 verhaftet worden wäre. Verraten hatten ihn die Akten: Westdeutsche Ermittler stießen auf Rennfahrers Klarnamen und Adresse, sie schnappten den inzwischen 62-Jährigen in seinem Haus in der hessischen Kleinstadt Trebur. Ab März 1993 stand er vor dem Berliner Kammergericht, die Anklage lautete: nachrichtendienstliche Agententätigkeit, versuchter Mord.

Der Prozess lief noch, als in Berlin-Hohenschönhausen auch Karate geschnappt wurde. Sein Aufenthalt war schwerer zu ermitteln gewesen, weil Tuszynski Jahre zuvor unter falschem Namen in der DDR untergetaucht war. Schließlich aber machte man auch ihm den Prozess, vor dem Berliner Landgericht musste er sich für den Mordversuch an Schulze verantworten, zusätzlich legte man ihm und der ebenfalls verhafteten Janett die Planung eines weiteren Anschlags zur Last. In beiden Fällen behaupteten Karate und seine einstige Geliebte, die Stasi-Aufträge nur zum Schein angenommen zu haben, aus Geldnot, aus Angst vor den Konsequenzen einer Befehlsverweigerung, niemals aber mit der Absicht, tatsächlich zu morden. Das Gegenteil konnte ihnen nicht nachgewiesen werden. Beide wurden im Juli 1996 freigesprochen.

Rennfahrer saß zu diesem Zeitpunkt bereits im Knast. In seinem Prozess war drei Jahre zuvor anders entschieden worden: Das Gericht hielt die Mordabsicht im Fall Schulze für erwiesen, man verurteilte den ehemaligen Hotelinhaber zu viereinhalb Jahren Haft. Vollpension sozusagen.

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