Straßenszene vor der Neuen Wache im Jahr 1935, im Hintergrund die Staatsoper Unter den Linden. Foto: imago/Arkivi
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Unter den Linden Wo alles Inszenierung ist:

Der Boulevard Unter den Linden war immer schon auch ein Ort für Musik. Ein kleiner Streifzug durch Ausstellungen, Cafés, Opernhäuser – und Berlins schönsten Konzertsaal.

Wo viele Menschen zusammenkommen, ist Musik nicht weit. Das gilt natürlich auch für Boulevards, sie sind Orte der Repräsentation und Selbstdarstellung, in Paris wie Berlin – am Kurfürstendamm oder Unter den Linden. Friedrich II. gab gleich nach seiner Thronbesteigung 1740 den Bau eines Opernhauses an dieser Straße in Auftrag, mit der Eröffnung dieser Königlichen Oper zwei Jahre später wurden die Linden – neben vielem anderen – auch zu einem Ort der Musik.

Das sind sie bis heute. Und zur Zeit auch an einer Stelle, an der man es nicht gleich erwarten würde: Im Deutschen Historischen Museum oder genauer: Im Pei-Anbau dahinter, denn das Haupthaus ist zur Zeit geschlossen. „Richard Wagner und das deutsche Gefühl“ heißt die aktuelle Ausstellung. Der Titel deutet schon an: Es geht um Musik, aber mehr noch um etwas, das Töne und Klänge übersteigt: um eine Empfindung und ihre Entwicklung. Die Empfindung, was es im 19. Jahrhundert hieß, „deutsch“ zu sein.

Auch Wagner berief sich in seinem Antisemitismus aufs "Denken"

Klar, da bietet sich Richard Wagner an (eine komplementäre Ausstellung im selben Haus befasst sich mit Karl Marx), hat Wagner doch fast ausschließlich deutsche Mythen vertont, hat ihn doch schon lange vor dem Nationalsozialismus die völkische Rechte als ihren Heros vereinnahmt. Um das Thema einzukreisen, hat das Kuratorenteam vier Begriffe ausgemacht: Entfremdung, Zugehörigkeit, Eros und Ekel. Letzteren hat Wagner reichlich empfunden, vor allem gegenüber Juden. Sein Antisemitismus stürzt bis heute viele Wagnerianer, die seine Musik lieben, ins Dilemma. In der Ausstellung ist der Erstdruck der berüchtigten Schrift „Das Judenthum in der Musik“ zu besichtigen, die Wagner unter dem Pseudonym „K. Freigedank“ verfasst hat. Bemerkenswert, dass schon er sich auf den hehren Begriff des „Denkens“ beruft, um seine Schwurbelei zu legitimieren – so wie sich heute pseudokritische Impfgegner und Putin-Verteidiger zu „Querdenker“ veredlen und behaupten, sie würden ja nur „unbequeme“ Fragen stellen. So als sei das, was vernünftige Menschen für richtig halten, per se „bequem“ und deshalb falsch.

Doch zurück zur Musik, um die sich ja auch in dieser Ausstellung vieles dreht, in Form von Videoaufzeichungen aus Bayreuth etwa. Oder in Form eines Klavierauszugs des „Fliegenden Holländers“, erster Akt, der Sturm. Zwischen den Notenlinien hat Wagner während der Proben zur Uraufführung eigenhändig mit Bleistift etwas gekritzelt: „Wind“, „Donner“, „Blitz“ – Effekte, die er an dieser Stelle haben wollte. Die Handschrift eines längst Verstorbenen physisch vor sich zu sehen, das ist immer wieder berührend. Plötzlich scheinen sich die Grenzen von Vergangenheit und Gegenwart aufzulösen.

Im Palais Populaire wird Oper dekonstruiert

Direkt gegenüber vom Deutschen Historischen Museum, im Palais Populaire der Deutschen Bank, spielt zur Zeit auch die Musik, allerdings auf völlig andere Weise. Hier wird Oper dekonstruiert, ihre Einzelteile künstlerisch unter die Lupe genommen. Und zwar in der Ausstellung „Opera Opera“, die in Zusammenarbeit mit dem römischen Museum für Kunst des 21. Jahrhunderts MAXXI entstand. Das kann sehr erhellend sein, bewegt sich aber teilweise weit weg von der Oper als Kunstform. Etwa mit den beiden Granitplatten, die im Boden eingelassen sind und auf die sich Besucher stellen können und sollen – damit im Laufe der Zeit eine Kuhle entsteht. Ein Verweis auf die beiden Dellen im Boden der Hagia Sophia in Istanbul, wo jahrhundertelang zwei Haushofmeister stehen mussten, während der Kaiser von Byzanz die Messe besuchte. Es geht um Zeit, ums Warten – in der Oper repräsentiert durch die Ouvertüre. Armin Linke fotografiert Parlamente, Büros oder Kontrollzentren mit Monitoren, auch dies auf den ersten Blick eine opernferne Angelegenheit. Aber auch hier handelt es sich um Bühnen, auf denen Inszenierungen stattfinden.

Was in gewisser Weise auch für das Café des Palais Populaire gilt, das deshalb als „Stage“ auch in die Ausstellung miteinbezogen ist. Immer noch sind einige Gäste über die nüchtern-moderne Sprödigkeit der Einrichtung geschockt, weil sie die Opulenz des früheren Opernpalais vermissen. Aber immerhin – es gibt, nach Jahren der Schließung, überhaupt wieder Gastronomie an dieser Stelle! So sitzt man denn auf der Terrasse, und der Blick schweift automatisch rüber zur Staatsoper Unter den Linden, dem ersten und bis heute wichtigsten Ort für Musik am Boulevard. Das Gebäude wurde einst auf Holzpfählen im sumpfigen Untergrund errichtet. Vor der jahrelangen und skandalbehafteten Restaurierung konnte man schwarze Bitumen aus den Wänden quellen sehen, mit dem die Kellergeschosse abgedichtet wurden. Jetzt spricht, wie das immer so ist, niemand mehr über Bauzeitverzögerungen und Kostensteigerungen. Alles funkelt, alles ist neu, aber auf alt gemacht, in genau dem Stil, in dem Richard Paulik das Haus in den 50er Jahren wiederhergestellt hat. Die Opern Richard Wagners sind natürlich ein Eckstein des Repertoires. In diesem Herbst wird Daniel Barenboim, seit 30 Jahren Generalmusikdirektor des Hauses, hier einen neuen „Ring des Nibelungen“ dirigieren.

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Auf Barenboims Initiative (gemeinsam mit dem verstorbenen Edward Said) geht auch die Gründung der Barenboim-Said- Akademie gleich neben der Staatsoper zurück, mit der das Berliner Publikum auch den schönsten Kammermusiksaal der Stadt geschenkt bekam: den Pierre Boulez Saal. Fast bedauert man, dass sich Architekt Frank Gehry nur zwei Mal in der Stadt verewigt hat. Auch sein anderer Bau (die DG Bank am Pariser Platz) beweist, dass sich Modernität und Schönheit nicht ausschließen müssen.

Natürlich wäre ein musikalischer Streifzug entlang der Linden nicht komplett, ohne die Komische Oper zu erwähnen. Sie ist viel jüngeren Datums und steht mit dem Rücken zum Boulevard, gehört aber trotzdem zu diesem. Wenn man die Kreise weiter zieht, darf man auch die Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ dazuzählen, die den Marstall gegenüber vom Humboldt Forum bezogen hat – und natürlich das Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Nachdem dort 1821 Webers „Freischütz“ uraufgeführt worden war, soll ganz Berlin das „Lied vom Jungfernkranz“ gepfiffen haben. Das berichtet zumindest Heinrich Heine, ein verlässlicher Chronist des Boulevards Unter den Linden.

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